Werkzeuge und Sprache Schatz, reich' mir doch mal den Feuerstein

Hat die Entwicklung der ersten Werkzeuge die Entstehung von Sprache beeinflusst? Auf der Suche nach einer Antwort haben Probanden auf 6000 Feuersteinen herumgehämmert. Dann sollten sie ihr Wissen weitergeben - aber nicht alle durften reden.

2,5 Millionen Jahre altes Steinwerkzeug aus Kenia: Geröllstein mit scharfer Kante
AFP / National Museums of Kenya

2,5 Millionen Jahre altes Steinwerkzeug aus Kenia: Geröllstein mit scharfer Kante


Einfache Geröllsteine, denen mit einem Schlagstein eine scharfe Kante beigebracht wurde - vor etwa 2,5 Millionen Jahren begann mit dem sogenannten Oldowan die Kultur, in der erste Steinwerkzeuge hergestellt wurden. Der Name leitet sich von der Olduvai-Schlucht im Ostafrikanischen Grabenbruch in Tansania ab, in der zahlreiche Fossilien und Werkzeuge gefunden wurden.

Gerade die ersten Werkzeuge unterscheiden sich kaum von natürlichem Geröll. Untersuchungen ergaben aber, dass sie systematisch produziert, gepflegt und repariert wurden. Dafür sind nach Ansicht von Wissenschaftlern Lern- und Übungsstrategien notwendig. Es sei zu vermuten, dass für Frühmenschen mit der zunehmenden Bedeutung von Steinwerkzeugen auch fortschrittlichere Formen von Wissensvermittlung notwendig wurden, schreiben Wissenschaftler aus Europa und Nordamerika im Fachblatt "Nature Communications".

Unklar ist, inwiefern das mit der Entwicklung von Sprache verknüpft war. Um das zu klären, führte ein Team um den Entwicklungspsychologen Thomas Morgan von der schottischen University of St. Andrews ein Experiment mit 184 Studenten durch: Sie mussten über 6000 Feuersteine herstellen und dabei fünf verschiedene Kommunikations- beziehungsweise Lerntechniken anwenden. Danach wurden die hergestellten Feuersteine hinsichtlich ihrer Größe, ihres Gewichts und ihrer Qualität verglichen.

Infos zur Feuerstein-Herstellung weitergereicht

Ein Teil der Feuersteine entstand durch sogenanntes Reverse Engineering - durch Nachkonstruktion, bei der die Probanden den Herstellungsprozess nicht gesehen hatten. Bei der zweiten Versuchsreihe konnten die Freiwilligen zwar sehen, wie ein Feuerstein fabriziert wird, allerdings nicht mit dem Produzenten kommunizieren.

Bei der dritten Vermittlungstechnik griffen die Produzenten mit den Händen ein, um den Teilnehmern bei der Herstellung der Feuersteine zu helfen - ähnliche Verhaltensweisen werden bei nicht menschlichen Primaten beobachtet. Im vierten Versuchssegment konnten sich Produzenten und Probanden mit Gesten verständigen, im fünften durften sie auch miteinander sprechen.

Zudem wurden die Teilnehmer in sogenannte Vermittlungsketten eingeteilt: In diesen Ketten wurden Informationen über die Feuerstein-Herstellung weitergereicht, sodass man voneinander lernen konnte.

Mit dem Experiment fanden die Wissenschaftler - kaum überraschend - heraus, dass die besten Ergebnisse erzielt wurden, wenn die Probanden fortschrittlichere Formen des Lehrens und Lernens und hier vor allem Sprache anwandten. Nach Meinung der Forscher unterstreicht dies die These, dass die Herstellung von Steinwerkzeugen im Oldowan Formen gegenseitigen Lehrens und schließlich die Entwicklung von Sprache begünstigte.

Insgesamt dauerte die Oldowan-Kultur mindestens 700.000 Jahre. Die Autoren der Studie vermuten, dass ein Grund für diese lange Zeit in den noch mangelhaften Verständigungsprozessen der Frühmenschen liegt. Sie glauben daher, dass erst mit dem Beginn der Acheuléen-Kultur vor etwa 1,75 Millionen Jahren, in der mit den berühmten Faustkeilen ausgefeiltere Werkzeuge hergestellt wurden, auch eine Urform der gesprochenen Sprache aufkam.

chs/dpa



insgesamt 8 Beiträge
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licorne 16.01.2015
1. Könnte so gewesen sein
oder auch nicht. Schatz, das Fell könnte man vielleicht noch benutzen! Schatz, pass auf, dass das Feuer nicht ausgeht! Schatz, hier zieht's, da drüben gibt's ne Höhle. Schatz, hier am Bodensee gefällt's mir. Lass uns ne Weile bleiben. Schatz, da sind so rote Kugeln am Baum, schmecken echt gut!
Multiple Choice 16.01.2015
2. Populationsgröße
Wie groß waren denn überhaupt die damaligen Populationen? Reden wir hier von ein paar Hundert Oldowanern und Acheuléenern und weniger? Oder Tausenden und mehr? Die heutigen Menschenaffen-Populationen sind ja auch nicht gerade riesig. Und wenn man sich jeweils von Kindheit an kennt, dann reichen auch Kommunikationstechniken aus, bei denen man sich Zeit lassen muss, bis der Gegenüber kapiert hat.
Emderfriese 16.01.2015
3. Nachgesonnen
Macht doch immer wieder Spaß, sich mit den im Spiegel erwähnten Thesen zu beschäftigen. Ganz sicher hat das Zusammenarbeiten an Steinwerkzeugen die sprachlichen Fähigkeiten beeinflusst. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass ein grundlegend wichtigeres sprachliches System in Warn- und Hinweisrufen besteht, auch in der "privaten" sozialen Kommunikation sind wohl eher die Wurzeln der Sprache zu finden. Letztlich ist aber wohl ein Mix aus arbeitstechnischen, sozialen und anderen Verständigungsmitteln anzunehmen, der letztlich die Komplexität von Sprache in ihrem Zusammenhang nötig machte. Wie gesagt, macht auch einem nur interessierten Laien immer wieder Spaß, darüber nachzusinnen...
Moewi 16.01.2015
4.
Zitat von licorneoder auch nicht. Schatz, das Fell könnte man vielleicht noch benutzen! Schatz, pass auf, dass das Feuer nicht ausgeht! Schatz, hier zieht's, da drüben gibt's ne Höhle. Schatz, hier am Bodensee gefällt's mir. Lass uns ne Weile bleiben. Schatz, da sind so rote Kugeln am Baum, schmecken echt gut!
Und wenn die Bäume Eiben waren, fand der Schatz-Redefluss ein jähes Ende und die Menschheit musste mit einem anderen Paar einen neuen Sprech-Anlauf unternehmen ;o)
tutnet 16.01.2015
5. 20km weiter im tiefen Odenwald
ist auch heute die Sprachkultur erst im Entstehen.
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