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01. Juli 2010, 18:16 Uhr

Steinzeitliches Kino

Filme auf Felsen

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Gab es in der Jungsteinzeit Open-Air-Kinos? Forscher haben eine erstaunliche Theorie entwickelt. Demnach bestaunten unsere prähistorischen Vorfahren Abfolgen von Felsenzeichnungen, die an Filme erinnern. Jetzt haben die Wissenschaftler die Bilder zum Laufen gebracht.

Schwertkämpfe und Kriegsszenen, Menschen auf der Jagd und bei rituellen Tänzen, dazu ausgeklügelte Licht- und Soundeffekte: Es scheint, als sei den Steinzeit-Kinobesuchern einiges geboten worden.

Zu der Annahme, dass unsere Vorfahren schon in der Jungsteinzeit und in der Eisenzeit eine primitive Form des Kinos hatten, kamen britische und österreichische Archäologen, als sie etwa drei- bis sechstausend Jahre alte Zeichnungen in der Region Valcamonica in der norditalienischen Lombardei untersuchten.

In dem Tal sind in viele Felsen Bilder von Menschen und Tieren eingeritzt. An manchen Stellen reihen sich diese Gravuren wie eine Animation aneinander. Die Aufteilung veranlasst die Forscher zu einer interessanten These. "Diese Felszeichnungen sind keine statischen Momentaufnahmen, sondern Bilder, die Geschichten im Kopf der Betrachter entstehen ließen - ganz wie im Kino", sagt Frederick Baker vom Museum für Archäologie und Anthropologie der britischen Universität Cambridge, die das Projekt zusammen mit der österreichischen Fachhochschule St. Pölten und der Bauhaus-Universität Weimar betreut.

Baker arbeitete nach seinem Archäologiestudium auch als Regisseur für die britische BBC. Diese Erfahrung half ihm dabei, die Bedeutung der Felsgravuren zu erkennen: "Auch ein Film besteht ja aus einzelnen Bildern, die schnell nacheinander gezeigt werden", sagte Baker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. So sei ihm aufgefallen, dass die prähistorischen Bilder auf den Felsen im Zusammenhang zueinander stünden.

Die Forscher fanden weitere Anhaltspunkte für die Kino-These: In dem norditalienischen Tal Valcamonica sind an manchen Stellen bis zu 50 Bilder nebeneinander zu finden, an anderen gar keine. Was also machte die Orte besonders, an denen die Steinzeitmenschen ihre Bilder malten?

Eine mögliche Antwort: Das Licht ist an diesen Stellen sehr günstig, um die Gravuren in Szene zu setzen. "Morgens und abends steht die Sonne so, dass die eingeritzten Bilder durch Licht und Schatten besonders gut zur Geltung kommen", sagt Baker. Auch dass der Sonnenstand sich verändert, könne als Effekt gedient haben, vermutet der Wissenschaftler: "Das erinnert ans Ein- und Ausblenden beim Film."

Die Urzeitkünstler suchten außerdem Felsen aus, die von Gletschern besonders glattgeschliffen sind. Das hebt die Gravuren gut hervor, fast wie auf einer Leinwand. Die ausgewählten Orte hatten außerdem meist einen spektakulären Blick auf das Tal. "Vielleicht bezogen die Künstler die Landschaft in ihre Werke mit ein", sagt Baker.

Auch die Akustik der Open-Air-Kinos sei besonders: Die Forscher fanden dort ein Echo. "Wahrscheinlich waren genau an diesen Stellen Effekte wie ein besonderer Nachhall möglich, mit denen man spielen konnte", sagt Hannes Raffaseder, Leiter des Instituts für Medienproduktion an der Fachhochschule St. Pölten. Das Kino der Steinzeit hatte demnach auch schon ein ausgefeiltes Soundsystem. Diese Klangeffekte haben die Wissenschaftler jetzt in Zusammenarbeit mit Musikern ausprobiert: Ein Mitglied der bayerischen Band Biermösl Blosn spielte im prähistorischen Freiluftkino ein Alphorn.

Kinofilm aus der Steinzeit

Wie genau das Kinoerlebnis ablief, lässt sich allerdings kaum rekonstruieren. Die Vermutungen der Forscher: "Vielleicht gab es eine Person, die zu den Bildern Geschichten erzählt hat, oder die Menschen haben sich gegenseitig etwas dazu erzählt", sagt Baker.

Um die Kino-These zu prüfen, haben die Forscher nun angefangen, die Bilder der Steinzeitkünstler zu animieren. "Wir versuchen jetzt, die zweidimensionalen Felsbilder in einer 3-D-Ansicht wieder lebendig zu machen", sagt Raffaseder. "Bei der Bearbeitung spielen wir mit unterschiedlichen Perspektiven und Bewegungsabläufen und überlegen dabei: Ergibt das so Sinn? Könnte die dargestellte Handlung so gewesen sein?"

Auf diese Weise wollen die Forscher auch kurze Filme rekonstruieren - ähnlich wie die, welche die Steinzeitmenschen an den Höhlenwänden sahen. Einen ersten kurzen Film gibt es schon (siehe Video). In diesen gezeichneten Geschichten geht es meist um Jagd- und Kriegsszenen, bei denen die dargestellten Personen mit Lanzen, Speeren oder Schwertern ausgerüstet sind. Andere zeigen vermutlich rituelle Handlungen - die gezeichneten Menschen tragen hier zum Beispiel einen auffälligen Kopfschmuck.

mit Material von AFP

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