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Gesundheitsrisiko Stickoxid Wo Luft in Deutschland krank macht

Im Herbst und Winter droht dicke Luft in Deutschlands Städten. Zwar gibt es weniger Feinstaub, doch die Stickoxid-Grenzwerte werden vielerorts überschritten. Der große Überblick.

Man kennt die Bilder aus chinesischen Metropolen: Über den Straßen von Peking hängt eine Dunstglocke aus Feinstaub. Fast könnte man meinen, es handle sich um Nebel. Doch es sind mikroskopisch kleine Partikel, freigesetzt von Autos, Kohlekraftwerken oder Heizungen.

In Deutschland ist solch extremer Smog kaum noch möglich - zum Glück. Moderne Filteranlagen und strenge technische Standards sorgen dafür, dass die Luft in der Regel klar ist und sauber wirkt. Nur an Silvester, nach den Osterfeuern oder bei wenig Bewegung in der Luft reichern sich die Schmutzpartikel bedenklich an. Zumindest war das 2015 so - siehe Video oben.

Doch was sauber aussieht, muss nicht sauber sein. Statistiken des Umweltbundesamts belegen, dass die Luft in verkehrsreichen Städten nach wie vor stark verschmutzt ist, und zwar mit weitgehend unsichtbaren Stickoxiden.

Im Vorjahr wurde der geltende NO2-Grenzwert an 142 der über 500 Messstationen in Deutschland überschritten. Das Jahreslimit für Stickstoffdioxid liegt bei 40 Mikrogramm je Kubikmeter - europaweit seit dem Jahr 2010. Doch am Neckartor in Stuttgart oder an der Landshuter Allee in München waren die Mittelwerte 2015 mehr als doppelt so hoch, siehe Karte:

Egal ob Berlin, Köln, Hamburg, Düsseldorf, Hannover, Dortmund - in keiner deutschen Großstadt wird der NO2-Grenzwert eingehalten. Die über die Städte verteilten Messstationen liefern zwar nur Stichproben - doch sie liegen oft an typischen Hauptverkehrsstraßen, sodass sie gleichwohl Vergleiche zwischen Städten erlauben.

Eine schnelle Besserung in Sachen NO2 ist nicht in Sicht. Denn die Hauptquelle ist der Verkehr - dabei insbesondere Dieselfahrzeuge. Messstationen an Hauptverkehrsstraßen messen heute ähnlich hohe Werte wie im Jahr 2000.

Dabei gehen von Stickoxiden große Gesundheitsrisiken aus. Sie können Kopfschmerzen, Schwindel und sogar Atemnot auslösen. Für Asthmatiker ist das Abgas besonders problematisch. Bei zu hohen Konzentrationen steigt das Risiko für Schlaganfälle. Außerdem verursacht der Schadstoff unter anderem sauren Regen und Ozon.

Mehr als 10.000 Todesfälle

Nach Berechnungen der Europäischen Umweltagentur waren im Jahr 2012 allein 10.400 Todesfälle in Deutschland auf Stickoxide zurückzuführen. In ganz Europa sogar 75.000.

Kurzfristig helfen würden wohl nur Fahrverbote für Dieselautos - aber vor denen schreckt die Politik zurück. Die Bayerische Staatsregierung etwa sieht "pauschale Einfahrverbote" für Dieselfahrzeuge nicht als Lösung an und lehnt sie ab. Die Fahrzeugflotte müsse insgesamt schadstoffärmer werden.

Klagen gegen Kommunen

Die Angst vor Fahrverboten ist groß, denn fast jedes zweite Auto müsste dann womöglich stehen bleiben. Gäbe es eine blaue Plakette, könnten zumindest schadstoffarme Diesel weiterfahren. Aber auch auf eine solche Plakette konnten sich Bund und Länder bislang nicht einigen.

Viele Städte werden inzwischen von Umweltschützern wegen der wiederholten Verstöße gegen EU-Umweltschutzbestimmungen verklagt. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat Verfahren in 16 Städten angestrengt, darunter Stuttgart, Berlin und München. In Hamburg klagt der BUND.

Auch wenn die Gerichte schon mehrfach bessere Luftreinhaltepläne gefordert haben - an den Stickoxidwerten haben die vielen Prozesse kaum etwas geändert. Und solange sich niemand traut, gegen die Hauptverursacher vorzugehen, die Dieselautos, wird das auch so bleiben.

NO2 aus modernen Motoren

Deutschlands Autobauer haben die Misere selbst verursacht. Um die immer strengeren CO2-Vorschriften überhaupt erfüllen zu können, haben sie vor allem auf Dieselmotoren gesetzt. Diese sind sparsamer als Benziner und stoßen deshalb weniger CO2 aus. Gleichzeitig produzieren Diesel wegen des permanent hohen Luftüberschusses in der Flamme deutlich mehr Stickoxide als Benziner.

Spezielle Katalysatoren sollen das Nebenprodukt zwar herausfiltern. Doch die Hersteller haben getrickst, wie Prüfer zuerst in den USA und später auch in Europa herausfanden.

Die Abgasreinigung funktioniert nur auf dem Prüfstand, auf der Straße ist sie häufig abgeschaltet. Deshalb sind die Stickoxidwerte in Städten unverändert hoch, obwohl heute deutlich modernere und - zumindest auf dem Papier - saubere Diesel im Fuhrpark rollen als noch vor zehn Jahren.

Wie geht es weiter? Wahrscheinlich wird die EU-Kommission bald ein Verfahren gegen Deutschland einleiten. Vielleicht verfügt irgendwann ein Gericht Fahrverbote. Aber all das könnte sich noch Jahre hinziehen. Bis dahin pusten die Diesel weiterhin massenhaft Stickoxide in die Luft. Und die Umweltagentur berechnet die Zahl der Toten.

Wetter hat großen Einfluss auf Feinstaubwerte

Etwas besser, zumindest im Trend, ist die Situation beim Feinstaub, der für die Gesundheit der Menschen eine noch größere Gefahr darstellt. Im Jahr 2012 waren nach Berechnungen der Europäischen Umweltagentur in Deutschland 60.000 Todesfälle darauf zurückzuführen. Europaweit sogar 432.000.

Die EU-Grenzwerte wurden zumindest im Jahr 2015 nur noch an wenigen Messstationen überschritten. Und das, obwohl das Heizen mit Holz in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat.

Allerdings spielt auch das Wetter eine Rolle. Anders als bei Stickoxiden sorgen Wind und Regen dafür, dass die Feinstaubwerte niedrig bleiben. Nur wenn sich Inversionswetterlagen häufen, bei denen quasi die Luft über einer Stadt steht, reichern sich die schädlichen Partikel an.

Anm. der Red.: Wir haben bei der Begründung, warum Dieselmotoren mehr Stickoxide ausstoßen, eine Korrektur vorgenommen. Nun heißt es: "Gleichzeitig produzieren Diesel wegen des permanent hohen Luftüberschusses in der Flamme deutlich mehr Stickoxide als Benziner."