Störfälle in Krümmel und Brunsbüttel Experten urteilen milde über Vattenfall

Die havarierten Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel können nach Meinung einer von Vattenfall eingesetzten Expertenkommission bald wieder ans Netz. Die Reaktoren seien sicher, heißt es im heute vorgelegten Abschlussbericht. Kritik übten die Experten an der Krisen-PR des Stromkonzerns.

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Was kommt heraus, wenn ein milliardenschwerer Stromkonzern zwei seiner Kernkraftwerke von fünf externen Fachleuten prüfen lässt, die bislang nicht als Kernkraftkritiker in Erscheinung getreten sind? Wenig Überraschendes, wie sich heute herausstellte: Vattenfall stellte den Abschlussbericht über die Störfälle vor, die am 28. Juni zur Abschaltung der Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel führten.

Es galt von Anfang an als höchst unwahrscheinlich, dass die von Vattenfall nach den Störfällen vom 28. Juni engagierten Experten zu dem Schluss kommen würden, der Betrieb der beiden Kraftwerke sei unsicher. Der heute in Hamburg vorgelegte Bericht der fünfköpfigen Kommission entsprach in dieser Hinsicht den Erwartungen. Die "organisatorischen und technischen Voraussetzungen für einen sicheren Weiterbetrieb" seien gegeben, heißt es in dem 23-seitigen Dokument. Die bis heute abgeschalteten Meiler könnten bald wieder ans Netz. Vattenfall sagte zu, weitere Empfehlungen der Kommission zur Verbesserung der Sicherheit umzusetzen. Diese betreffen vor allem Änderungen in der Organisation und Schulungen der Mitarbeiter.

In einigen Details enthält der Report aber durchaus verblüffende Aussagen. So kommt die Kommission zu dem Ergebnis, dass die externe Kommunikation "strukturelle Defizite" aufgewiesen habe. "Wesentliche Aussagen wurden in den Medien und gegenüber der Öffentlichkeit sehr schnell nicht mehr durch Vattenfall bestimmt." Zudem hätte eine unterbesetzte Kommunikationsabteilung "zu Zeitverzögerungen in der Information" geführt. "Daraus sind weitere zusätzliche Verunsicherungen entstanden", wird konstatiert. Die Ereignisse seien zunehmend von Dritten erläutert und gedeutet worden. Das freilich klingt in etwa so, als stehe Vattenfall allein die Deutungshoheit über brennende Trafos und Kommunikationsprobleme in AKW-Leitstellen zu.

Die Zwischenfälle vom 28. Juni hatten Politik und Öffentlichkeit wochenlang beschäftigt. Die Meiler in Krümmel und Brunsbüttel waren per Schnellabschaltung heruntergefahren worden - in Krümmel hatte ein Brand in einem Trafohaus die Abschaltung ausgelöst. Seither waren immer neue Pannen gemeldet worden. Die Sicherheit der Kernkraft insgesamt geriet in die Diskussion.

Die Expertenkommission - besetzt mit Fachleuten aus der Nuklearbranche, des TÜV, einem Arbeitspsychologen und einem Kommunikationsberater - kommt in ihrem Gutachten zu einem Schluss, der gut zu Vattenfalls eigener Sicht der Dinge passt: Es gab kein Sicherheits-, sondern vielmehr ein Vermittlungsproblem. Die Zwischenfälle hätten keine oder nur sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung gehabt - doch das habe die Vattenfall-Presseabteilung niemandem klarmachen können. Die Kommission empfiehlt daher den Aufbau einer Krisenkommunikation.

Defizite in der Zusammenarbeit mit der für Atomkraftwerke zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Sozialministerium in Kiel, soll es hingegen keine gegeben haben. "Die Informationen an die Behörde sind nach Auffassung der Expertenkommission sach- und zeitgerecht erfolgt", schreiben die Gutachter. In Kiel sieht man das etwas anders: "Wir haben ein paar Tage nach den Zwischenfällen gemerkt, dass Vattenfall nicht mit offenen Karten spielt", sagte Oliver Breuer, Sprecher des Sozialministeriums, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

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Vor allem die Informationspolitik hatte den Stromkonzern nach den Störfällen in Misskredit gebracht. Vattenfall-Manager Bruno Thomauske, zuständig für die Atomsparte, musste seinen Hut nehmen, genauso wie Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscherund der Leiter der Pressestelle.

Für Unverständnis sorgte auch die anfängliche Weigerung des Stromriesen, den Behörden die Namen des Schichtleiters und des Reaktorfahrers zu nennen. Die Expertenkommission bescheinigte Vattenfall jedoch, in diesem Fall alles richtig gemacht zu haben. Ohne Zustimmung oder gar gegen den erklärten Willen der Betroffenen dürften keine Angaben über Beschäftigte gemacht werden. Dies entspreche auch einer internen Leitlinie des Vattenfall-Konzerns: "Mitarbeiter bedürfen insbesondere bei einem hohen Medien-Interesse eines besonderen Schutzes." Die Kommission erwähnt allerdings nicht, dass es nicht darum ging, die Namen in der Presse zu veröffentlichen. Die Vattenfall-Mitarbeiter sollten vielmehr zu den Abläufen befragt werden.

Eine deutliche Absage geben die Gutachter auch zwischenzeitlich geäußerten Plänen, die Vorgänge in der AKW-Leitstelle permanent per Video- oder Audiomitschnitt zu dokumentieren, wie es beispielsweise in Cockpits von Verkehrsflugzeugen üblich ist. Nach einem Missverständnis mit dem Schichtleiter hatte der Anlagenfahrer in Krümmel ein Ventil länger als vorgesehen geöffnet, mit der Folge, dass der Kühlwasserstand im Reaktor stark sank.

Es gebe weltweit keine Nation, die Video- oder Audio-Rekorder in Kernkraftwerkswarten einsetze, erklären die Gutachter. Solche Aufzeichnungen trügen "nicht zur Verbesserung der Sicherheit und der Störfallbeherrschung bei". Den negativen Effekten - die Experten verweisen auf nicht näher beschriebene arbeitspsychologische Aspekte - "stehen keine äquivalenten Positiveffekte gegenüber". Eine erstaunliche Aussage, wo es doch gar keine Erfahrungen mit Mitschnitten der Gespräche in Kernkraftwerken gibt.

Die Atomaufsicht in Kiel äußerste sich skeptisch zum veröffentlichten Gutachten. Die Sicherheit der beiden Atomkraftwerke sei noch lange nicht erwiesen, sagte Sozialministein Gitta Trauernicht (SPD). Es sei völlig offen, wann die Meiler wieder ans Netz gehen. Trauernicht warf den von Vattenfall eingesetzten Experten einen verengten Blick vor.



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