Streit über Stonehenge-Tunnel Wo die Sonne zur Wintersonnenwende versinkt

Die Fehde tobt seit Jahren: Eine Allianz aus Druiden, Archäologen und Umweltaktivisten will einen Tunnel unter dem Monument von Stonehenge verhindern. Nun ist eine Entscheidung gefallen.
Luftbild von Stonehenge in Südengland

Luftbild von Stonehenge in Südengland

Foto: Gavin Hellier / robertharding / imago images

Die Felsblöcke von Stonehenge gehören zu den bekanntesten archäologischen Stätten der Welt. Vor mehr als 4500 Jahren begannen die Menschen der Steinzeit im Süden Englands unter größten Mühen mit dem Megaprojekt. Für die Errichtung der gesamten Anlage, von der heute nur noch ein kleiner Teil zu sehen ist, müssen etwa 30 Millionen Arbeitsstunden veranschlagt werden, berichteten die Archäologen Colin Renfrew und Paul Bahn einmal.

Stonehenge wurde über Jahrhunderte genutzt. Wofür ist allerdings bis heute nicht geklärt. Zahlreiche Theorien bestehen zum Zweck des Bauwerks – manche akademisch nüchtern, andere eher fantastisch. Jüngere Theorien gehen von einem Kultplatz des Friedens aus, den einst verfeindete Stämme gemeinsam errichteten. Andere vermuten astronomische Zwecke oder einen steinernen Kalender in dem Bau. Dass das Monument für die Ewigkeit heute immer noch eine Art britisches Nationalheiligtum ist, hat sich damals sicher kein Neolithiker ausgemalt. Aber hätten die Menschen geahnt, welche Konflikte heute um das Weltkulturerbe-Denkmal toben – vielleicht hätten sie es einfach woanders errichtet.

Denn Stonehenge soll wieder zu einem Megaprojekt werden. Seit Jahrzehnten diskutieren Politiker, Planer, Archäologen und Aktivisten über die Straßenführung nahe der tonnenschweren Steine. Dabei geht es um die A303, eine der viel befahrenen Verkehrsadern in Großbritannien. Sie führt von London Richtung Cornwall und Devon und direkt an Stonehenge vorbei. Bis zum nah gelegenen Örtchen Amesbury verläuft die A303 vierspurig. Aber kurz vor Stonehenge verengt sich die Fahrbahn. Deshalb stehen Autofahrer nahe der Steinzeitbrocken oft im Stau. Andersherum missfällt der Blick auf die Blechlawine manchen Stonehenge-Besuchern.

Seit Jahrzehnten beschäftigen sich die Ingenieure mit der A303. Viele Lösungsvorschläge für das Problem wurden von Planern erdacht und wieder verworfen. Einfach umleiten lässt sich die Straße nicht. Im Norden von Stonehenge liegt ein großer Truppenübungsplatz und weiter südlich unberührte Natur, die man nicht opfern möchte. 2014 wurde dann ein Vorschlag unterbreitet, der zunächst sinnvoll klang: Die zuständige Behörde Highways England wollte die Straße verbreitern und in einem Tunnel unter Stonehenge führen. Stau und Autolärm wären damit in den Untergrund verbannt. Der Baubeginn war für 2021 geplant.

Sofort regte sich Protest, denn ein Tunnel, der durch archäologisch hochinteressantes Gebiet führt, könnte erheblichen Schaden hinterlassen. Stonehenge ist nicht das einzige Bodendenkmal in der prähistorischen Region. Zwar gilt das Gebiet als eines der am besten erschlossenen in der Welt der Archäologie. Aber immer wieder finden Forscher Neues. Erst vor wenigen Monaten stießen sie beispielsweise drei Kilometer südwestlich von Stonehenge bei Untersuchungen mit Bodenradar auf riesige, bis zu fünf Meter tiefe Gruben, die einst um ein weiteres Monument angelegt wurden, den Super-Henge von Durrington Walls. Henges sind typische Anlagen, die bis in die frühe Bronzezeit erbaut wurden. Dabei legten die Erbauer einen kreisrunden Erdwall mit einem innen liegenden Graben an.

Verkehrsminister Shapps genehmigt das Projekt

Ungeachtet der Proteste blieben die Pläne für den Tunnelbau bestehen. Eine Expertenkommission sollte prüfen, ob negative Folgen zu befürchten wären. Im Januar hatte sie ihr Urteil vorgelegt. Man sehe das Potenzial für »erhebliche Schäden« an der Landschaft und dem kulturellen Erbe. Doch die Regierung hielt sich nicht an die Empfehlung der Kommission. Vor gut drei Wochen, nach Jahren des Streits, genehmigte Grant Shapps , Verkehrsminister im Kabinett von Boris Johnson, das Projekt. Rund 1,7 Milliarden soll es kosten.

Eine architektonische Planungszeichnung zeigt den Tunnel

Eine architektonische Planungszeichnung zeigt den Tunnel

Foto: highways england

Die Straßenbauer begrüßen die Entscheidung. Das Projekt werde die Landschaft von Stonehenge wieder in ihren Originalzustand zurückführen und gleichzeitig die Reisezeit für jeden verkürzen, der im Südwesten Englands unterwegs sei, sagte Highways England-Chef Jim O'Sullivan .

Die Druiden protestieren

Außerdem ist ein weiteres Planungsdetail verändert worden, über das es Streit gab: Der Tunnelausgang solle ursprünglich genau an jenem Punkt aus der Erde treten, an der die Sonne zur Wintersonnenwende untergeht. Darüber hatten sich vor allem esoterische Druiden beschwert, die Stonehenge für allerlei kultische Rituale nutzen. Nun wird der Tunnel um 50 Meter verlängert. Doch das reicht weder den Druiden noch Altertumsexperten: Sie hatten zusammen mit anderen Protestierenden die Stonehenge Alliance gegründet und wollen weiter gegen das Projekt vorgehen. Für eine Petition sammelten sie gut 125.000 Unterschriften.

Der Archäologe Michael Parker Pearson, einer der führenden Experten in der Erforschung der Region, äußerte sich immer wieder ebenfalls missbilligend zu dem Tunnel. »Er ist mit nicht einmal drei Kilometern immer noch zu kurz. Und das in einem Weltkulturerbe-Gebiet mit einem Durchmesser von fünf Kilometern, das voller prähistorischer Monumente steckt«, sagte er in einem Gespräch mit dem Historiker Tom Holland , dem Leiter von Stonehenge Alliance. Holland selbst sprach von einer »katastrophalen Entscheidung für Jahrtausende«.

Streit von nationalem Interesse

Die Altertumsforscher befürchten, dass der Wissenschaft wichtige Funde durch die Bauarbeiten abhandenkommen. Die Expertenkommission warnte vor dem Verlust von einer halben Million Artefakten, die im Boden verborgen liegen könnten. In dem Gebiet verbergen sich immer noch viele Grabhügel und wohl auch Siedlungsreste. Um den prähistorischen Boden zu schonen, war man um Stonehenge stets behutsam vorgegangen. Das Besucherzentrum wurde beispielsweise ohne Fundament errichtet, um eventuelle archäologische Schätze im Boden darunter nicht zu stören.

Mit kontinentalem Blick könnte man die Diskussion um die Straßenführung in Südengland für eine Provinzposse halten. Doch die Strahlkraft von Stonehenge hat das Thema in Großbritannien zu einem von nationalem Interesse gemacht. Das Medienecho zu dem Tunnelprojekt dort ist hierzulande höchstens mit den großen Diskussionen um den Erhalt des Hambacher Forsts oder Stuttgart 21 zu vergleichen. Allein der »Guardian« hat der Debatte zuletzt etliche Artikel gewidmet.

Dass das Thema so viel Aufmerksamkeit bekommt, mag auch am hohen Stellenwert der Archäologie in Großbritannien liegen. Dort bemüht man sich beispielsweise, die Erkundung von Altertümern und Bodendenkmälern nicht nur zur Aufgabe einiger weniger Experten zu machen, sondern auch Laien einzubinden. Die Altertumswissenschaft und besonders die Archäologie ist in Großbritannien hoch angesehen und trägt möglicherweise stark zur Identitätsbildung bei.

Aufgeben wollen die Tunnelgegner noch nicht. Die Stonehenge Alliance hat eine neue Organisation gegründet. Diese hat angekündigt, gegen die Entscheidung des Verkehrsministers klagen zu wollen  und bereits Anwälte eingeschaltet. Unterstützer können für die Sache spenden, etliche Tausend Pfund sind bereits gesammelt.

Bis Heiligabend hat die Allianz aus Druiden, Archäologen und Umweltaktivisten noch Zeit, die Klageschrift einzureichen.

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