Stonehenge-Grabung Auf Krücken nach Salisbury

Erstmals seit vielen Jahren graben wieder Archäologen in den Steinkreisen von Stonehenge. Sie wollen das genaue Alter der Quader bestimmen – und eine gewagte These prüfen. War das Monument eine Art frühbronzezeitliche Pilgerstätte, die Lahmen und Kranken aus ganz Europa Heilung versprach?

Um das Jahr 1136 beschreibt der britische Historiker Geoffrey von Monmouth in seinem Werk Historia Regium Britanniae, wie der Zauberer Merlin große Steine von Irland in die Ebene von Salisbury versetzt. Mit ihnen baute er dort Stonehenge. Daran glauben die meisten Engländer heute nicht mehr. Aber die Fragen nach Ursprung und Zweck des Monuments sind bis dato nicht geklärt. Um dem Mysterium von Stonehenge ein Stück näher zu kommen, graben jetzt zum ersten mal seit 44 Jahren wieder Archäologen innerhalb der Steinkreise. Zwei Wochen lang, bis zum 11. April, suchen Timothy Darvill von der University of Bournemouth und Geoff Wainwright von der Society of Antiquaries im Boden nach Antworten.

Sechs Jahre lang haben sich die beiden Archäologen auf diese Grabung vorbereitet. "Ich betrachte sie als Höhepunkt meiner Karriere", sagte Wainwright der BBC. Große Worte für jemanden, der über hundert Bücher und Artikel zur britischen Frühgeschichte verfasst hat. Dreh- und Angelpunkt der Untersuchungen sind die Steinquader der inneren Kreise. Sie wurden als erste Steinsetzung errichtet, wahrscheinlich als Ersatz für eine ältere Holzkonstruktion. Darvill und Wainwright haben den Ort ausfindig gemacht, von dem die großen Quader in der frühen zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christus nach Salisbury kamen: Ein Steinbruch in den Preseli Hills von Pembrokeshire, 250 Kilometer von Stonehenge gelegen, im fernen Wales.

Dieser Steinbruch bei Carn Menyn ist der Traum eines jeden Steinmetzes. Hier hat nämlich die Natur die Arbeit erheblich erleichtert, indem sie die großen Quader bereits fertig zum Abtransport an der Erdoberfläche deponierte. Wainwright beschreibt den Ort als "Aladins Höhle der maßgefertigten Blöcke für ambitionierte Steinkreisbauer".

Stonehenge - eine Art prähistorisches Lourdes?

Allerdings stammen nicht alle Steine in Stonehenge aus Cran Menyn. Nur die beiden inneren Setzungen sind aus dem walisischen Dolerit, einem grobkörnigen Basalt. Die äußeren Steine, die sogenannten Sarsen, sind aus Sandstein. Sie kamen aus dem nahe gelegenen Marlborough, etwa 30 Kilometer nördlich von Stonehenge, und wurden zwischen 2440 und 2100 vor Christus errichtet. Da standen zwar schon die ersten Doleritquader, aber noch nicht zur vollständigen Zufriedenheit der Erbauer. Denn die kleineren Quader der inneren Kreise setzten sie zwischen 2400 und 2000 vor Christus noch mindestens vier mal um.

Um die erste, ursprüngliche Setzung der Doleritquader genauer zu untersuchen, legen Wainwright und Darvill nun einen 3,5 mal 2,5 Meter großen Schnitt im Inneren des Monuments an. Eines der Ziele der Grabung ist die genaue Datierung mit neuesten technischen Methoden. "Die Doleritquader sind der Schlüssel zum Verständnis von Stonehenge", erklärt Simon Thurley, Direktor von English Heritage, der Gesellschaft, die für Pflege und Erhalt des Monuments verantwortlich ist. "Ihre Errichtung markiert den Punkt, an dem die Stätte von einem gewöhnlichen Henge aus Holz zu der komplexen Steinsetzung wurde, die bis heute die gesamte Landschaft dominiert."

Mit ihrem Schnitt wollen die Ausgräber tief bis zum ersten Boden der Anlage vordringen. Der Erde jener Schicht ist eine große Anzahl Dolerit-Fragmente beigemischt. Mit Absicht, so die Vermutung der Ausgräber. Denn aus den Quellen der Preseli Hills soll der Legende nach heilendes Wasser sprudeln. Der Dolerit, mit diesem Wasser getränkt, besitzt ebenfalls Heilkräfte. Auf diesen Berichten fußt die große These von Wainwright und Darvill, die sie mit ihrer Ausgrabung testen wollen. Ihre Behauptung ist kühn und könnte das Verständnis des Monuments revolutionieren. "Stonehenge war eine Art prähistorisches Lourdes", sagt Wainwright. "Die Leute pilgerten hier her, um Heilung zu finden." Damit werfen sie alle bestehenden Thesen über den Haufen. Kein Kalender also, keine Grabstätte für Helden, kein Tempel. Ein Hospital.

Indizien für die Lourdes-These: Zwei Tote mit kaputtem Knie

Die Skelette der Toten, die in unmittelbarer Nähe zu Stonehenge bestattet wurden, geben ihrer These Rückenwind. Überdurchschnittlich viele von ihnen erlitten zu Lebzeiten schwere Verletzungen. Gebrochene Knochen, schwere Entzündungen und selbst Spuren von erfolgreich überlebten Schädeloperationen sind bei den Toten aus der Ebene von Salisbury keine Seltenheit.

Und mehr noch. Trotz dieser Wunden, die sie zu gebeugten, humpelnden Krüppeln gemacht haben, kamen diese Menschen aus ganz Europa nach Stonehenge gepilgert. Ihr Zahnschmelz verrät ihre Herkunft. Darin lagern sich Sauerstoffisotopen ab, die ein untrüglicher Hinweis auf die Region sind, in der ein Mensch aufwächst.

Erst in den vergangenen Jahren haben Archäologen zwei spektakuläre Bestattungen entdeckt, die Wainwrights und Darvills Vermutung bestärken: den Amesbury Archer und die Boscombe Bowmen. Den Archer, oder Bogenschützen, fanden Ausgräber im Mai 2002 bei Routineuntersuchungen auf dem Gelände einer Schule. Plötzlich waren sie auf Gold, Kupfer und weiteren Artefakten gestoßen - und einen Toten, der bald schon "König von Stonehenge" tituliert wurde.

Er war zu Lebzeiten ein starker Mann, der ein für die frühe Bronzezeit hohes Alter von 35 bis 45 Jahren erreichte. Allerdings hatte er lange Jahre vor seinem Tod eine schwere Knieverletzung davongetragen. Die zertrümmerten Knochen hatten sich entzündet und müssen ihm für den Rest des Lebens qualvolle Schmerzen bereitet haben. Trotzdem war er viel unterwegs: Sowohl ein steinerner Armschutz als auch jede Menge Pfeilspitzen wiesen ihn als aktiven Bogenschützen aus. Seinem Zahnschmelz zufolge stammte er vom europäischen Festland, aus den Alpen.

Laufen nur unter Schmerzen

Das zweite Begräbnis, der Boscombe Bowmen, entdeckten Archäologen dann genau ein Jahr später beim Verlegen einer neuen Wasserleitung in Boscombe Down. In dem Grab lagen die Reste von sieben Menschen. Das zentrale Skelett gehört einem etwa 30 bis 45 Jahre alten Mann. Um ihn herum waren die sterblichen Überreste dreier weiterer erwachsener Männer, einem jungen Mann im Teenageralter und dreier Kinder bestattet.

Zu den Grabbeigaben gehörten Pfeilspitzen, was den Beerdigten den Spitznamen "Bowmen", Bogenschützen, einbrachte. Doch in dem Grab lagen auch sieben schnurverzierte Glockenbecher. Solche Gefäße waren zwar auf dem europäischen Kontinent zu jener Zeit bekannt, in Großbritannien jedoch äußerst selten. Einer davon wurde ausgerechnet in der Bestattung des Amesbury Archers gefunden. Die erstaunlichste Gemeinsamkeit beider Funde ist aber die schwere Verletzung, die der ältere Mann zu Lebzeiten davongetragen hatte. Sein linkes Bein war zertrümmert. Zwar heilten die Knochen zusammen, jedoch so schlecht, dass er – genau wie der Amesbury Archer – unter Schmerzen für den Rest seines Lebens humpelte.

Die Grabbeigaben deuten auf den Kontinent. Anders als der Archer kamen die Bowmen jedoch von der Insel. Und zwar aus Wales. Von genau dort, woher auch die Doleritquader stammen, aus denen Stonehenge errichtet wurde. Irgendwann zwischen 2400 und 2200 vor Christus kamen die Boscombe Bowmen, wie auch der Amesbury Archer, in die Ebene von Salisbury. Mit im Gepäck: die großen Steine. Und vielleicht auch die Hoffnung auf Heilung für ihr schmerzgeplagtes Familienoberhaupt.

Fund: eine Haarnadel aus dem Mittelalter

Vor zwei Jahren stellten Wainwright und Darvill ihre These von Stonehenge als frühbronzezeitlichem Lourdes auf einer Konferenz in London vor. Und ernteten dafür nicht nur Beifall. Ihrer Theorie stehen die Forschungsergebnisse von Michael Parker Pearson von der University of Sheffield entgegen. Der Stonehenge-Experte ist Ausgräber der Siedlung Durrington Walls, die architektonisch aufs engste mit den Steinkreisen verbunden ist. Für ihn ist das Monument eine Totenstadt: "Stonehenge war nicht für die Lebenden gebaut, sondern für die Ahnen, deren Beständigkeit in Stein materialisiert wurde."

In den ersten Tagen der Grabung haben Wainwright und Darvill sich erst einmal im Inneren der Steinkreise durch die Überreste unzähliger Sommernachmittags-Picknicks vergangener Jahrhunderte gewühlt. Sie fanden tönerne Tabakpfeifen sowie jede Menge Glas- und Porzellanscherben. Auch eine Haarnadel aus dem Mittelalter war dabei. Zwischen den Picknickabfällen tauchten jedoch bald schon Steinwerkzeuge auf, und endlich auch ein erster Dolerit-Abschlag. "Ein As!", jubelte Timothy Darvill. Das Fragment wurde einst von einem der Quader geschlagen – vor Tausenden von Jahren.

Werden die beiden Archäologen in den kommenden Tagen das Rätsel von Stonehenge lösen können? Wer ihnen bei der Arbeit ein wenig über die Schultern schauen möchte: Die BBC führt auf ihrer Webseite ein Tagebuch der Grabung .

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