Stopp der Raketenabwehr Ende der Schutzschild-Illusion

Mission abgebrochen: US-Präsident Obama hat die Pläne zur Stationierung einer Raketenabwehr in Europa zu den Akten gelegt. Die Sicherheit vor Atomwaffen wird dadurch eher verbessert - denn Experten halten einen funktionierenden Raketenschild nach wie vor für ein Hirngespinst.

Selten hatte ein militärisches Programm einen treffenderen Spitznamen: Kaum hatte US-Präsident Ronald Reagan im März 1983 seine "Strategic Defense Initiative" (SDI) angekündigt, war nur noch vom "Krieg der Sterne" ("Star Wars") die Rede. Reagans Pläne - die Abwehr sowjetischer Atomraketen unter anderem mit Laserkanonen im All - waren nach Meinung unabhängiger Experten in etwa ebenso realitätsnah wie Todessterne und Lichtschwerter.

Pentagon

Pläne zum Abschuss anfliegender Raketen gibt es schon seit März 1946, als die US-Streitkräfte erste Studien über die Machbarkeit von Abwehrsystemen in Auftrag gaben. Eineinhalb Jahre zuvor waren die ersten deutschen "V-2" in europäischen Städten eingeschlagen. Es war das erste Mal, dass ballistische Raketen als Waffe eingesetzt wurden. Mit Reagans "Krieg der Sterne" erreichten die Raketenschild-Phantasien der Militärs ihren Scheitelpunkt. Aber bis heute existiert kein System, das zuverlässig vor Interkontinentalraketen schützen könnte. Ob es jemals eines geben wird, ist äußerst zweifelhaft - zumindest in den Augen der meisten Experten, die nicht beim oder einem Rüstungskonzern beschäftigt sind.

Raketen kaum zuverlässig abzuwehren

Atomwaffen

Kritiker führen eine Reihe prinzipieller Bedenken ins Feld, die für die Abwehr von Atomraketen generell gelten - und damit auch für die Pläne zur Errichtung eines solchen Systems in Europa, die US-Präsident Barack Obama jetzt auf Eis gelegt hat. "Wenn ein Abwehrsystem als effektiv gelten soll, sind die Anforderungen an Leistung und Zuverlässigkeit selbst bei einem Angriff mit nur einer Rakete extrem hoch", schrieb etwa der US-Physiker und Waffenexperte Wolfgang "Pief" Panofsky 2001 im Fachblatt "Arms Control Today". Mit anderen Worten: Kein einziger Sprengkopf darf durchkommen. Tut er es doch, käme das angesichts der gewaltigen Zerstörungskraft moderner einem Versagen des gesamten Systems gleich.

Eine lückenlose Verteidigung gegen ballistische Raketen aber dürfte nahezu unmöglich sein. Denn ein Gegner, der den Bau von Interkontinentalraketen und kompakter Nuklearsprengköpfe gemeistert hat, ist den Kritikern zufolge immer in der Lage, seine Raketen auch mit Sprengkopf-Attrappen oder vergleichsweise einfachen Täuschkörpern wie aluminiumbeschichteten Ballons zu versehen. Abfangsysteme hätten nach bisherigen Erkenntnissen gewaltige Schwierigkeiten, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Objekten zu unterscheiden.

Angreifer immer einen Schritt voraus

Selbst die Befürworter der räumen ein, dass die Abfangsystem ab einer gewissen Zahl anfliegender Objekte überfordert wäre. Egal ob ein Gegner seine Raketen mit Täuschkörpern ausstattet oder einfach mehr Raketen baut - die Kosten dafür würden nach Ansicht von Fachleuten immer nur einen Bruchteil dessen betragen, was für einen entsprechenden Ausbau des Abwehrsystems anfiele. Auch der zuverlässige Abschuss einer Rakete in der kurzen sogenannten Boost-Phase - jener rund drei Minuten, in denen die Triebwerke aktiv sind - sei praktisch unmöglich, wie eine Studie der American Physical Society 2003 ergab. Im Endeffekt, so die Kritiker, mache die Raketenabwehr die USA nicht sicherer, könnte aber ein neues nukleares Wettrüsten auslösen.

Hinzu kommt eine grundsätzliche Frage, welche die Raketenabwehrpläne nach Meinung von Kritikern ins Reich der (sündhaft teuren) Symbolpolitik verbannt: Selbst wenn ein Staat technisch in der Lage wäre, die USA oder einen ihrer Verbündeten mit ballistischen Atomraketen anzugreifen - warum sollte er es tun?

Unter den vielen denkbaren Wegen, eine Atombombe ins Ziel zu bringen, ist der Einsatz einer ballistischen Rakete nicht nur der unsicherste, teuerste und technisch schwierigste. Er wäre mit ziemlicher Sicherheit auch selbstmörderisch. US-Satelliten brauchen nur Sekunden, um den Start einer Interkontinentalrakete zu entdecken. Ein Staat wie etwa Iran "wäre kaum verrückt genug, mit einer solchen Waffe einen offenen Angriff auf die USA oder einen ihrer Alliierten zu wagen", sagte Geoffrey Forden, Experte für strategische Waffen am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), 2007 auf einer Tagung in Berlin.

Nuklearer Angriff kann auf viele Arten stattfinden

Einfachere Wege des nuklearen Terrors gibt es dagegen zuhauf: "Atomwaffen können von Flugzeugen nahezu jeder Größe abgeworfen werden, mit Marschflugkörpern durch die Atmosphäre fliegen, an Bord von Schiffen in US-Häfen gezündet oder einfach an Land über die Grenze geschmuggelt werden", schrieb der 2007 verstorbene Panofsky. Ein Raketenabwehrsystem wäre in keinem dieser Szenarien hilfreich.

Unterschiedlichen Schätzungen zufolge hat die Forschung und Entwicklung von Raketenabwehrsystemen die USA bisher nach heutigem Wert weit mehr als hundert Milliarden Dollar gekostet. Durch eine Abkehr von der teuren Missile Defense würden nicht nur Mittel frei, die an anderer Stelle in die Sicherheitsarchitektur der USA investiert werden könnten. US-Präsident Barack Obama würde damit auch eines der großen Hindernisse ausräumen, die seinem kürzlich formulierten Ziel einer atomwaffenfreien Welt im Wege stehen. Die einfache Rechnung lautet: Solange die Amerikaner auch nur vorgeben, ein funktionierendes Abwehrsystem zu besitzen, werden die anderen Atommächte ihre Arsenale allenfalls aufstocken, nicht aber reduzieren.

"Falls US-Politiker glauben, ein Raketenangriff ist eine bedeutende Bedrohung, wäre es unverantwortlich, ein Abwehrsystem als realistische Antwort ins Spiel zu bringen", sagte David Wright von der Union of Concerned Scientists im April, als Nordkorea den Start eines Satelliten an Bord einer potentiellen Interkontinentalrakete vorbereitete. "Das vermittelt ein falsches Gefühl der Sicherheit und verhindert Anreize, effektivere Schutzmaßnahmen zu entwickeln."

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