Streit um Embryonen Willige Spender, sturer Präsident

Paare gegen Präsident: Fast zwei Drittel der Patienten von US-Fortpflanzungskliniken würden überzählige Embryonen an Stammzellforscher spenden. Die hohe Bereitschaft überrascht - und konterkariert das Veto George W. Bushs gegen eine Lockerung des strengen Forschungsverbots.


Der Appell kam prompt - und doch gleichzeitig zu früh und zu spät: Kaum hatte US-Präsident George W. Bush am gestrigen Mittwoch sein Veto gegen eine Lockerung des Gesetzes zur Stammzellforschung eingelegt, veröffentlichte der US-Interessenverband für Unfruchtbare (Resolve) die Ergebnisse einer Umfrage, die das Wissenschaftsmagazin "Science" eigentlich erst morgen online publizieren wollte. Bei wichtigen wissenschaftlichen Zeitschriften gilt es nicht bloß als unfein, vor dem Veröffentlichungstermin die sogenannte Sperrfrist zu brechen - es ist ein Affront. Doch die Umfrageergebnisse waren der Interessenvertretung offenbar zu wichtig für gute Manieren. Und zeitliche Nähe zum Entschluss des Präsidenten schien vorzugehen.

Aus der Retorte: Nach einer künstlichen Befruchtung können überschüssige Embyronen Stammzellforschern helfen
DPA

Aus der Retorte: Nach einer künstlichen Befruchtung können überschüssige Embyronen Stammzellforschern helfen

Fast jedes zweite US-amerikanische Paar, das wegen Unfruchtbarkeit ein Retortenbaby zeugen lässt, würde Embryonen für die Stammzellforschung spenden: So lautet das Ergebnis der Umfrage - es läuft Bushs Entscheidung zuwider.

"Wir sind auf einer Art Kollisionskurs zwischen der derzeitigen öffentlichen Politik auf Bundesebene der Vereinigten Staaten und dem, was Menschen, die juristisch und ethisch für diese Embryonen verantwortlich sind, mit ihnen tun wollen", sagte Ruth Faden, Direktorin des John Hopkins Berman Institute of Bioethics. Bei einer Fruchtbarkeitstherapie werden immer mehr Embryonen erzeugt als gebraucht, denn nicht alle werden der potenziellen Mutter eingepflanzt. Unter Stammzellforschern sind diese winzigen Zellhaufen begehrt.

An mehr als 2000 per Zufall ausgesuchte Paare in Behandlung von neun US-Fruchtbarkeitskliniken wurden Fragebögen geschickt. 1020 Paare, die bereits im Reagenzglas gezeugte Embryonen eingelagert hatten, schickten Antworten zurück - mit überraschenden Ergebnissen.

Forschern spenden oder andere Paare adoptieren lassen?

49 Prozent der antwortenden Paare sagten, sie seien bereit, einige oder alle ihrer Embryonen der Forschung zu spenden. Als die Paare dann konkret nach ihrer Spendenbereitschaft zur Unterstützung der Forschung mit embryonalen Stammzellen gefragt wurden, stimmten sogar 62 Prozent zu - mehr als die Forscher erwartet hatten. 28 Prozent gaben an, sie würden ihre Embryonen auch Medizinforschern spenden, damit Klonierungstechniken verbessert werden könnten. Die wenigsten, nämlich 22 Prozent, würden ihre Embryonen von anderen unfruchtbaren Paaren adoptieren lassen - genau dies war George W. Bushs Vorschlag für den ethisch korrekten Umgang mit Rest-Embryonen gewesen.

Rohstoff Embryo: Gewinnung embryonaler Stammzellen
DER SPIEGEL

Rohstoff Embryo: Gewinnung embryonaler Stammzellen

Dass unfruchtbare Paare bei einer künstlichen Befruchtung in moralischen Schwierigkeiten steckten, weil sie persönlich entscheiden, was mit ihren übrigbleibenden Embryonen geschehen soll, wisse sie, sagte Anne Drapkin Lyerly von der Duke University. Die Gynäkologin und Bioethikerin hat zusammen mit Ruth Faden die Fragebögen ausgewertet hat. Die hohe Spendenbereitschaft erklärt sich Lyerly deswegen so: "Das sind Menschen, die emotional und finanziell in diese Embryonen investiert haben."

Lyerly kritisiert, dass die Diskussion vom Gesetzgeber und von religiösen Gruppen dominiert werden, aber diejenigen, die wirklich betroffen sind, unterrepräsentiert seien. Bleibt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit: Welche Bevölkerungsgruppe hat wie viele "Stimmrechte"?

Seit Jahren wird in den USA über die Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen diskutiert. Das Problem: Um die Alleskönner aus den Zellhaufen zu gewinnen, muss der Embryo zerstört werden. Dabei werde menschliches Leben vernichtet, argumentieren Kritiker. Politiker des konservativ-religiösen Lagers einschließlich des Präsidenten lehnen deswegen staatliche Unterstützung der Forschung an embryonalen Stammzellen ab - und stoppten den Geldfluss.

Tausende Stammzelllinien schlummern in Tiefkühltruhen

Die derzeitige Rechtslage lässt nur die staatliche Finanzierung für Forschung an jenen Stammzellen-Linien zu, die vor August 2001 aus menschlichen Embryos gewonnen wurden. Obwohl wiederholt eine Lockerung des Gesetzes gefordert wurde, betonte Bush immer wieder, die Forschung mit embryonalen Stammzellen in den USA nicht erleichtern zu wollen. Das gestrige Veto gegen den Gesetzesentwurf des demokratisch dominierten US-Kongresses hatte er bereits angekündigt. Bereits im Juli 2006 machte Bush bei einem ähnlichen Gesetzesvorschlag von seinem Einspruchsrecht Gebrauch.

Die betroffenen Forscher reagieren konsterniert. Ihre Forschungsergebnisse könnten später zu Therapien gegen Alzheimer, Parkinson und Krebs führen, wobei kranke Zellen durch neue, aus menschlichen Embryonalstammzellen gewonnene Zellen ersetzt werden. Doch wegen der strikten Reglementierung können US-Wissenschaftler nur mit 20 Stammzellenlinien arbeiten. Groß ist die Furcht, den Anschluss an Länder mit kaum Restriktionen - wie Großbritannien und Spanien - zu verlieren.

Schätzungsweise 400.000 Embryonen liegen ungenutzt und eingefroren in US-Fruchtbarkeitskliniken, schätzen Lyerly und Faden. Daraus ergebe sich folgende Hochrechnung: Angenommen, die Hälfte der Embryonen gehöre spenderwilligen Paaren und davon die Hälfte würde wirklich gespendet, stünden rund 100.000 für die Forscher zur Verfügung - zehn Mal mehr als bislang geschätzt. Aus diesem Vorrat könnten 2000 bis 3000 brauchbare Stammzelllinien hervorgehen - womöglich eine Fundgrube für die Forschung.

fba/AFP/AP/rtr



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