Streit um Seegebiete Kanada steckt Claims in der Arktis neu ab

Die Reaktion kam prompt: Unmittelbar nachdem Forscher über eine eisfreie Nordwestpassage berichtet haben, kündigt nun Kanada an, seinen Einflussbereich in der Arktis auszuweiten - um eine halbe Million Quadratkilometer. Das Problem: Ottawa fehlt die Technik für effektive Kontrolle.
Eisbär an der Baffin Bay in Kanada (Juli 2008): "Nutze sie, oder verliere sie!"

Eisbär an der Baffin Bay in Kanada (Juli 2008): "Nutze sie, oder verliere sie!"

Foto: Jonathan Hayward/ AP

Es war eine Blamage, wie sie größer hätte nicht sein können. Als im Sommer 1999 der chinesische Eisbrecher "Xue Long" auf seiner allerersten Arktis-Expedition im kanadischen Tuktoyaktuk festmachte, fielen Einwohner und Behörden dort aus allen Wolken. Auf einmal lag ein 170-Meter-Pott am Kai des Städtchens an der Beaufortsee, einfach so.

Der kanadische Wetterdienst hatte der Besatzung zuvor noch Navigationstipps gegeben - aber niemand hatte erwartet, dass es sich bei dem Schiff um ein derart großes Vehikel aus einem fremden Land handeln könnte. Innerhalb Kanadas schlugen die Wogen hoch: Die Schlafmützigkeit der Behörden beweise, dass Ottawa im Falle des Falles nicht in der Lage sei, seine Souveränität hoch im Norden zu verteidigen.

Kanadas Ministerpräsident Stephen Harper hat nun einen neuen Vorstoß gestartet, genau das doch noch zu tun. Eine halbe Million Quadratkilometer Meeresgebiet im Polarmeer werde man in Zukunft zusätzlich als kanadisches Territorium betrachten - und dementsprechend überwachen, zitiert ihn die Zeitung "Globe and Mail". Harper verkündete den Plan an symbolischem Ort, in Tuktoyaktuk, wo der Überraschungsbesuch der Chinesen stattgefunden hatte. "Diese Maßnahme sendet eine klare Botschaft in die Welt: Kanada übernimmt die Verantwortung für den Umweltschutz und seine Durchsetzung in unseren arktischen Gewässern", erklärte Harper.

Alle Schiffe, die in Zukunft in die polaren Gewässer Kanadas einfahren, sollen sich nach dem Wunsch der Behörden anmelden. Das hatte übrigens auch die "Xue Long" getan - nur war die Nachricht damals im Dickicht der kanadischen Verantwortungsträger versackt. Mittlerweile hat sich die Lage allerdings verändert, Kanada zeigt mehr Interesse: Die Nordwestpassage, der Schifffahrtsweg in Kanadas Norden, ist das zweite Jahr in Folge eisfrei. Niemand braucht mehr einen großen Eisbrecher, um sie zu durchfahren.

"Wir erkennen Kanadas Anspruch auf diese Gewässer nicht an"

Für die Kanadier ist das nicht ohne Probleme: Zwar bietet die Aussicht auf einen boomenden Schiffsverkehr eine Perspektive für die hoch subventionierten Siedlungen ganz im Norden des Landes, doch auf internationalem Parkett dürfte die schmelzende Arktis Ottawa vor Probleme stellen. Der Rechtsstatus der Passage ist nämlich unklar. Die Kanadier beharren darauf, dass nicht nur die Inselwelt im hohen Norden zu ihrem Staatsgebiet gehört, sondern auch die Wasserwege dazwischen, also die Passage.

Vor allem die Amerikaner, aber auch die EU widersprechen kategorisch. Sie sehen die Passage als internationale Wasserstraße, die von jedem nach Belieben genutzt werden kann. "Wir erkennen Kanadas Anspruch auf diese Gewässer nicht an", erklärte US-Botschafter David H. Wilkins barsch.

Solange die Strecke vom Eis blockiert war, handelte es sich vor allem um eine akademische Diskussion, die mit einem ziemlich faulen Kompromiss in den Achtzigern beendet wurde: Kanada und die USA unterschrieben ein Abkommen, in dem sie die Einigkeit über die Uneinigkeit festschrieben. Die US-Küstenwache gibt den Kanadiern seitdem jedes Mal offiziell Bescheid, wenn ihre Schiffe durch die Passage fahren.

Als Gegenleistung für das Benachrichtigen - von einer Bitte kann keine Rede sein - stimmt Ottawa jedes Mal zu. Militärische Schiffe sind von der Vereinbarung ohnehin nicht betroffen. Amerikanische U-Boote benutzen die Passage angeblich bereits seit langem, ist zu hören. Eine offizielle Bestätigung aus Washington gibt es dafür selbstverständlich nicht.

Andererseits bemühen sich die Kanadier seit Jahren, Präsenz in den Gewässern des Nordens zu zeigen, die sie als ihr Staatsgebiet betrachten. Jahr für Jahr starten sogenannte Souveränitäts-Expeditionen, bei denen einige Militärschiffe durch die eisigen Wasser schippern und Soldaten auf Arktis-Inseln absetzen, von denen Kanada Tausende besitzt. Einfach nur, um Präsenz zu zeigen und seinen Anspruch zu untermauern.

Bei seiner Rede in Tuktoyaktuk sagte Harper nun, die Jagd nach Bodenschätzen in der Polarregion bei gleichzeitigem Abschmelzen des arktischen Eises habe eine Rekordzahl von Schiffen in die Gegend gebracht. Dadurch steige auch das Risiko für Schiffshavarien, Schmuggel und illegale Einwanderung. Sogar die nationale Sicherheit könne von der Arktis aus bedroht werden, warnte Harper. "Aber insbesondere steigen dadurch die Gefahren durch Umweltbedrohungen wie Öl-Einleitungen, Wilderei und Verschmutzungen."

Bisher beansprucht Kanada nach dem Arctic Waters Pollution Prevention Act eine Kontrollzone von 100 Seemeilen vor seinen Küsten. In Zukunft soll diese Entfernung verdoppelt werden. In diesem Bereich will die Küstenwache auf die Jagd nach Umweltsündern gehen - wenn sie denn zufällig ein Schiff vor Ort haben sollte. Die Polarflotte des Landes besteht derzeit aus genau einem größeren und vier kleineren Eisbrechern. Das Flaggschiff der Flotte, die "Louis S. St. Laurent" hat immerhin schon 39 Jahre auf dem Buckel.

Alexander Proelß vom Walther-Schücking-Institut für internationales Recht in Kiel bestätigt auf SPIEGEL ONLINE, dass Ottawa das Recht dazu hat, seine Kontrollen auszuweiten: "Im Grundsatz steckt dahinter nichts anderes als eine Ausschließliche Wirtschaftszone, die nach dem Internationalen Recht bis zu 200 Seemeilen groß sein darf." In diesem Seegebiet hätten die Küstenstaaten besondere Vorrechte, auch beim Umweltschutz. Man dürfe aber keine Schiffe grundsätzlich ausschließen.

Bleibt die Frage, wie viele Ressourcen die Kanadier tatsächlich aufwenden wollen - und können - , um die Souveränität im hohen Norden zu verteidigen. Im vergangenen Sommer hat Ministerpräsident Harper den Bau eines neuen Tiefwasserhafens im Arktisörtchen Nanisivik an der Nordspitze von Baffin Island angekündigt. Die Küstenwache soll sechs bis acht bewaffnete Patrouillenboote bekommen. Die Schiffe sollen rund 3,1 Milliarden kanadische Dollar kosten und - läuft alles nach Plan - im Jahr 2013 oder 2014 fertig sein.

Mit der arktischen Souveränität, so hatte Premierminister Harper damals erklärt, sei es recht simpel: "Nutze sie, oder verliere sie!" Die Verträge für die Patrouillenboote sind ein Jahr nach der markigen Rede noch immer nicht unterschrieben.

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