Stressforschung Gendefekt treibt Mäuse zur Flasche

Wenn ihnen eine bestimmte Erbanlage fehlt, verfallen gestresste Mäuse eher dem Alkohol. Der Gendefekt könnte auch das hohe Rückfallrisiko mancher Ex-Trinker erklären, glauben deutsche Forscher.


Labormaus: Stress macht genveränderte Nager zu Trinkern
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Labormaus: Stress macht genveränderte Nager zu Trinkern

Psychische Belastung macht auch Mäuse trunksüchtig - wenn ihnen ein Gen fehlt, das bei der Stressverarbeitung eine zentrale Rolle spielt. Ein entsprechende genetische Veranlagung könnte auch beim Menschen einen Risikofaktor für stressbedingten Alkoholismus darstellen, berichtet ein deutsches Forscherteam im US-Fachmagazin "Science".

Die Wissenschaftler um Rainer Spanagel vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie hatten in ihrem Experiment den Alkoholkonsum von Mäusen untersucht, bei denen durch eine Genveränderung der so genannte CRH1-Rezeptor blockiert war. Dieses Molekül gehört zu einem Signalsystem des Gehirns, das die hormonelle Stressantwort steuert und eine Reihe von Verhaltensweisen koordiniert, die der Bewältigung von Belastungssituationen dienen.

Um den Einfluss des Rezeptors zu prüfen, setzten die Forscher normalen Mäusen und den genveränderten Tieren Wasser und eine Alkohollösung vor, deren Konzentration mit der Zeit erhöht wurde. Nach der Gewöhnung an eine achtprozentige Lösung unterschieden sich die beiden Gruppen zunächst nicht in ihrem Alkoholkonsum.

Das änderte sich jedoch, als die Nager wiederholt belastenden Situationen ausgesetzt wurden: Die Wissenschaftler konfrontierten die Tiere mit anderen, unbekannten Mäusen oder zwangen sie dazu, an drei aufeinander folgenden Tagen für einige Minuten in einem Wasserbecken zu schwimmen. Während der Alkoholverbrauch der normalen Mäuse konstant blieb, stieg der Konsum der manipulierten Tiere auf das Dreifache - allerdings erst drei Wochen nach dem Stresserlebnis.

Warum dieses Verhalten so spät einsetzt, ist den Forschern zufolge noch unklar. Frühere Studien hätten jedoch gezeigt, dass Stressreaktionen äußerst unterschiedlich ausfallen: Sie setzen schnell oder langsam ein und können sogar zu weniger Alkoholkonsum führen. "Wir glauben", so Spanagel, "dass es verschiedene Erscheinungsformen des Alkoholismus gibt, die auf jeweils anderen Mechanismen beruhen." Einen davon haben die Forscher ihrer Meinung nach mit dem Mäusemodell nachgebildet.

Vergleichbare Genvariationen beim Menschen könnten demnach erklären, weshalb manche ehemalige Alkoholiker unter starkem Stress leicht rückfällig werden. Bestätigt sich der Zusammenhang, dann ließe sich mit einem genetischen Test das erhöhte Risiko aufzeigen, hofft Spanagel. Derzeit laufe eine entsprechende Studie mit 524 Patienten.



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