Foto:

SPIEGEL

Kerstin Kullmann

Megastaudämme Wasserkraft als Massenvernichtungswaffe

Liebe Leserin, lieber Leser,  

wo kommt der Strom her? In Deutschland wird er vor allem aus Kohle, Wind- und Solarkraft und Kernenergie gewonnen. Der Anteil an erneuerbaren Energien soll zunehmen, der Kohleausstieg ist beschlossen. Wann genau, darum wird gestritten. Woran wir aber hierzulande alle gewöhnt sind: Der Energiebedarf von fast 83 Millionen Deutschen wird tagtäglich zuverlässig gedeckt. Der Strom kommt, wie es so schön heißt, aus der Steckdose.

Auch Äthiopien braucht Energie. Viel Energie. Im 110-Millionen-Einwohner-Staat lebt über die Hälfte der Bevölkerung momentan ohne Strom. Das Land plant deshalb, in diesem Jahr das größte Wasserkraftwerk Afrikas in Betrieb zu nehmen. Der "Grand Ethiopian Renaissance Dam"  soll mit 6000 Megawatt Leistung elektrische Energie produzieren.   

Das Problem dabei: Äthiopien wird dafür das Wasser an einem Oberlauf des Nil stauen. Ägypten, das flussabwärts liegt und 90 Prozent seines Wasserbedarfs durch den Nil deckt, fürchtet auszutrocknen. Der Kampf ums Wasser in der immer wieder von Dürre bedrohten Region wird mit großer Härte geführt.  

Äthiopien neuer Staudamm: Größtes Wasserkraftwerk Afrikas

Äthiopien neuer Staudamm: Größtes Wasserkraftwerk Afrikas

Foto:

EDUARDO SOTERAS/ AFP via Getty Images

Weshalb solche Megadämme überhaupt noch gebaut werden, ist die Frage. Die Folgen für Mensch und Natur sind wissenschaftlich gründlich untersucht. Nachdem in den Neunzigerjahren Dämme in China und Indien zu gigantischen Umsiedlungsaktionen geführt hatten, stellte im Jahr 2000 die World Commission on Dams  fest, dass die Riesenbauwerke weltweit bis zu 80 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, ganze Ökosysteme zerstört und zum Aussterben etlicher Tierarten geführt haben. Im Senegal, in Kamerun, Südafrika, Niger oder Mosambik, so berichtete die Kommission, brachen die Fischbestände nach dem Bau von Dämmen ein. Fischerei aber ist häufig die Existenzgrundlage vieler Menschen in ärmeren, ländlichen Regionen. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy bezeichnete die Bauten als "Waffen der Massenvernichtung". Die Zeit dieser Bauwerke schien vorbei.

Doch heute lautet ein Argument der Hydropowerlobby: Strom, der durch Wasserkraft erzeugt wird, ist klimaneutral. Aber auch das stimmt so nicht: Für den Bau braucht es Massen von Beton; und die Stauseen selbst können riesige Mengen an Methan  freisetzen. Im Fall von Äthiopien kommt hinzu: Strom aus Wind und Sonne wird immer günstiger – und auch an diesen natürlichen Ressourcen ist das Land reich. Im Kampf ums Wasser aber gibt es nur Verlierer. 

Herzlich

Ihre Kerstin Kullmann

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen dieser Woche 

  • Die Bilder der Klimakrise: Hier erklären Journalisten der britischen Tageszeitung "The Guardian", weshalb sie sich zunehmend dafür entscheiden, Menschen – und nicht mehr Tiere – als Opfer der Klimakrise  zu zeigen. Kurz gesagt: Sie wünschen sich mehr Aufmerksamkeit für den Ernst der Lage.  

  • Weil ich dennoch finde, dass der Blick auf Tiere uns Menschen bereichert: Hier ein Blick auf das Nest, in dem zwei Albatrosse im neuseeländischen Dunedin seit dem 14. November ihr Küken ausbrüten .  

  • Da wir gerade bei Bildern sind: Der französische Schriftsteller Jérôme Ferrari hat kürzlich seinen Korsika-Roman "Nach seinem Bilde" veröffentlicht. Wer Ferrari kennt, weiß, dass es rau, politisch und poetisch zugehen wird. Ich habe seine ersten Bücher geliebt, den neuen Roman aber noch nicht gelesen. Ich freue mich darauf.  

  • Wir wollen mehr E-Mobilität, mehr Batterieautos: Welche Folgen das für die Jobs in der klassischen Autoindustrie hat, fragt mein Kollege Emil Nefzger den Autoexperten Arthur Kipferler.  

  • Wie kann man weniger Mikroplastik beim Wäschewaschen verursachen? Welche Temperaturen, wie lange die Waschdauer? Wissenschaftler in Großbritannien haben zu Forschungszwecken Wäsche gewaschen.

Quiz* 

  1. Welches Tier springt am höchsten?

  2. Wie heißt die unterste Hautschicht?

  3. Was ist die am höchsten liegende Hauptstadt der Welt?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter. 

Bild der Woche 

Zum Leuchten gebracht haben amerikanische Biologen die Augen von Fruchtfliegen. Dafür schleusten die Wissenschaftler Fluoreszenz-Gene in das Fliegenerbgut ein, die sich auch auf die Nachkommen der Tiere übertragen sollen. Mit dieser Methode versucht man auch, Stechmücken zu züchten, die resistent gegen das Malariavirus sind – was helfen könnte, die Verbreitung der Tropenkrankheit einzudämmen. 

Foto: Craig Cutler/ Craig Cutler/The New York Times Syndicate/Redux

Fußnote  

3000 Jahre alt können Ginkgobäume werden. Weshalb das so ist, hat ein Team von amerikanischen und chinesischen Wissenschaftlern untersucht: Zwischen Holz und Rinde des Baums gibt es eine spezielle Zellschicht (Kambium), die auch für das Wachstum des Baums zuständig ist. Anders als bei anderen Organismen teilen sich diese Zellen mit zunehmendem Alter nicht langsamer. Die Bäume sterben deshalb eher durch Dürren als an Altersschwäche. 

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten:  

  1. Der blaue Delfin springt bis zu sieben Meter hoch.

  2. Die Subkutis ist die unterste Hautschicht, sie ist die direkte Verbindungsstelle zwischen Haut und Organen. Die Subkutis ist dafür zuständig, einen Energievorrat anzulegen, der den Körper warmhält und isoliert.

  3. Die bolivianische Hauptstadt La Paz liegt auf 3650 Meter Höhe.