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12. April 2006, 14:20 Uhr

Studie

Mehrheit der Deutschen für Zwang zum Organspende-Ausweis

Organe zur Verpflanzung sind knapp, auch weil nur jeder fünfte Deutsche einen Spenderausweis hat. Jetzt fanden Forscher aus Leipzig heraus, dass die Mehrheit der Bürger eine verpflichtende Erklärung im Personalausweis gut fände: Organspender ja oder nein.

Mit der eigenen Lunge, dem Herz oder der Bauchspeicheldrüse ein fremdes Leben retten? In der Praxis sind die Deutschen da Muffel, obwohl eine breite Mehrheit das Prinzip der Organspende befürwortet. Medizinpsychologen der Universität Leipzig haben sich die widersprüchlichen Einstellungen der Bevölkerung in einer repräsentativen Studie angesehen, deren Ergebnisse nun veröffentlicht wurden.

Nierentransplantation: Nachfrage wächst, Zahl der Spender stagniert
DPA

Nierentransplantation: Nachfrage wächst, Zahl der Spender stagniert

Frauen, dieses Ergebnis scheint gleich an mehreren Stellen durch, sind die selbstloseren Deutschen. 23 Prozent der Männer, aber nur 17 Prozent der Frauen lehnen eine Organspende generell ab - rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, das klingt moderat.

Das Interesse der Forscher richtete sich indes auf die übrigen vier Fünftel. Denn während in Deutschland der Bedarf nach Spenderorganen - vor allem Herz, Leber und Niere, aber auch Lunge, Bauchspeicheldrüse und neuerdings Dünndarm - wächst, stagnierte die Spendenzahl im Lauf der letzten Jahre auf niedrigem Niveau. Ein Dilemma macht Transplantationsmedizinern zu schaffen: Nur ein knappes Fünftel der Bevölkerung trägt einen Organspendeausweis bei sich.

"Wir sprechen von passiven Spendern", sagte Oliver Decker zu SPIEGEL ONLINE. "Das sind Menschen, die zwar keinen Spendeausweis besitzen, aber prinzipiell zur Organspende bereit wären. Mit 61 Prozent der Befragten liegt da ein großes Potential." Sind alle jene prinzipiell Zugeneigten nur zu nachlässig? Das Formular für einen Organspendeausweis ist nicht weiter als einen Klick entfernt - als Pdf-Dokument und   sogar in türkischer Sprache.

Welche Regelung für postmortale Organspende?

In der repräsentativen Erhebung der Leipziger Forscher wurden auch die Einstellungen der Bürger zu anderen Regelungen erhoben: Wessen Organe sollen unter welchen Umständen nach seinem Tod verwendet werden? Die höchste Zustimmung erfuhr mit fast 90 Prozent die gültige - aber ineffektive - Regelung. Noch über sieben Zehntel der Befragten könnten sich mit einer Widerspruchslösung anfreunden: Hier würden Organe entnommen, solange kein Widerspruch des Betroffenen vorliegt, und falls die Angehörigen zustimmen. Einfacher wäre es, einfach in den Personalausweis einzutragen, wie man zur Spende steht. Noch knapp 60 Prozent der Befragten würden diesem Modell zustimmen.

Medizinpsychologe Decker, der die Studie geleitet hat, beschäftigt sich seit 1997 mit der Betreuung von Lebendspendern in der Transplantationseinheit der Leipziger Uniklinik. Er hält einen solchen Zwang zum Ausweis für ethisch vertretbar.

Aus der relativ hohen Ablehnung eines Ausweiszwangs liest Decker die Frage: "Haben Menschen das Recht, sich nicht mit dem Gedanken an ihren eigenen Tod konfrontieren lassen zu müssen?"

Um die Spendenbereitschaft zu erhöhen, werden Vorschläge diskutiert, mit besserer Versorgung oder gar eine Art Punktesystem Spendewillige zu locken. So könnten Patienten auf einer Organ-Warteliste nach oben rücken, wenn sie selbst einen Ausweis in der Tasche tragen. "Gratifikation oder Prioritätenmodelle, das war ein großes Thema beim letzten Jahrestreffen der Deutschen Gesellschaft für Organtransplantation", sagt Oliver Decker. Die geringe Zustimmung zu solchen Modellen in der Umfrage der Leipziger zeige aber, "dass man diese getrost aus der Debatte streichen könnte", wenn es darum gehe, das Transplantationsgesetz zu überarbeiten. Es war zuletzt 1997 geändert worden.

Lebendspende auch an gute Freunde

Die Leipziger Forscher hatten auch erfragt, wie es sich mit der Bereitschaft zur Lebendspende - einer Niere oder Teilen der Leber - an unterschiedliche Personengruppen verhält. Am besten schneidet da der Nachwuchs ab: Dem eigenen Kind würden 98 Prozent der Befragten ein Organ spenden, dem Lebenspartner immerhin noch rund 96 Prozent, gefolgt von einem Elternteil mit deutlich über 90 Prozent.

Deutlich weniger Menschen würden dem guten Freund oder der guten Freundin etwas abgeben. Gut 70 Prozent der Männer und knapp 78 Prozent der Frauen wären dazu nach eigenem Bekunden bereit. Andere Verwandte liegen etwa jeweils fünf Prozent unter diesen Werten - aber immer noch auf hohem Niveau. "Die Beschränkung der Lebendspende auf Angehörige sollte fallen", folgert Oliver Decker. Nur ein gutes Viertel der Männer und etwas mehr als ein Drittel der Frauen würde auch für gänzlich Unbekannte eine Lebendspende erwägen.

stx

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