Studie mit Profimusikern Das Auge hört mit

Wem Musik vorgetragen wird, den beeinflussen auch optische Reize. Diese können die Wahrnehmung des Klangs sogar dominieren - und das selbst bei geschulten Ohren.
Klangbild-Künstler: Die Optik beeinflusst auch Profimusiker

Klangbild-Künstler: Die Optik beeinflusst auch Profimusiker

Foto: Georg Anderhub/ LUCERNE FESTIVAL

Klang hin oder her - bei der Beurteilung von Musikdarbietungen richten sich Menschen vor allem nach optischen Kriterien. Dies gilt sogar für Profimusiker, wie eine britische Studie zeigt, in der die Teilnehmer klassische Musikaufführungen bewerten sollen. Selbst im Reich der Musik sei das Auge das dominante Sinnesorgan, folgert Chia-Jung Tsay vom Londoner University College in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" .

"Das tägliche Leben ist voller Beispiele, wie stark visuelle Informationen die soziale Wahrnehmung beeinflussen", schreibt sie. Lediglich das Reich der Musik könne sich abheben, so lautete die Vermutung. Diese prüfte die Forscherin in Versuchen mit insgesamt 1164 Teilnehmern. Laien und Profimusiker sollten bei verschiedenen internationalen Klassik-Wettbewerben jeweils die drei Finalisten bewerten. Deren Darbietungen konnten sie in einem Clip von sechs Sekunden Dauer entweder nur hören, nur sehen oder aber hören und sehen.

Optische Eindrücke lenken Jurymitglieder ab

In allen Fällen wählten Laien wie auch Profis, wenn sie nur die Bilder sahen, mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent auch die tatsächlichen Gewinner. Damit lagen sie deutlich über der Zufallsquote von 33 Prozent. Hörten sie lediglich die Musik, so lag die Trefferrate bei nur etwa 26 Prozent.

"Experten und Novizen bevorzugen gleichermaßen visuelle gegenüber akustischen Eindrücken - genau jener Information, die explizit gewürdigt und als Kern der Musikbeurteilung genannt wird", folgert Tsay. "Das Ergebnis zeigt, dass visuelle Hinweise tatsächlich beherrschend sind und Jurymitglieder vom Erkennen der besten Darbietung ablenken."

Menschen sollten sich bewusst sein, dass visuelle Informationen zwar für die Auswahl von Ärzten, Jobbewerbern oder auch Politikern eine wichtige Rolle spielten, aber nicht immer zu guten Entscheidungen beitrügen. "Letztlich wird der Klang vernachlässigt, wenn selbst trainierte 'Ohren' auf die auffälligeren visuellen Hinweise achten. Dass selbst Musiker - ohne es zu wollen - den Klang von Musik auf die Rolle eines Hintergrundrauschens zurückstufen, ist ernüchternd."

Sinne sind fein miteinander verwoben

Wie stark die Wahrnehmung visueller und akustischer Reize verbunden sind, demonstrierten erst kürzlich Forscher aus den USA: Sie sprachen Versuchsteilnehmern zunächst Wörter vor und zeigten ihnen dann Darstellungen - allerdings so kurz, dass das Gehirn sie eigentlich nicht erfassen kann. Entsprach der zuvor gehörte Begriff allerdings dem Bild, gelang es den Teilnehmern häufiger und schneller, das Bild doch zu entdecken. Die Folgerungen der Wissenschaftler: Die Augen funktionieren nicht wie objektive Kameras, und die Sinne arbeiten stärker zusammen als bislang vermutet.

che/dpa
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