Christian Stöcker

US-Republikaner nach Sturm aufs Kapitol Ohne Diagnose gibt es keine Heilung

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die Republikaner schwadronieren nach dem Sturm auf das Kapitol von »Heilung«. Doch psychologisch betrachtet müsste vor einer Heilung die Diagnose stehen. Doch dazu bedarf es therapeutischer Hilfe, die wohl keiner der Handelnden annehmen wird.
Kongressmitglieder flüchteten vor den Eindringlingen

Kongressmitglieder flüchteten vor den Eindringlingen

Foto: Drew Angerer / Getty Images

Wir alle lügen, dauernd. Die Sozialpsychologin Bella DePaulo, die weite Teile ihrer jahrzehntelangen Forschungskarriere diesem Thema gewidmet hat, hat etwa in Studien mit autobiografischen Tagebüchern  gezeigt: Gelogen wird täglich. Oft eher harmlos oder sogar wohlmeinend: »Ich sagte ihr, sie sehe gut aus, obwohl sie aussah wie ein Zeppelin.« Manchmal lügen wir aber auch, um Rollenkonflikte zu vermeiden – oder aus schierem Eigennutz. Und manche dieser Lügen sind so gemein wie gefährlich.

Es gibt sogar eigene Untersuchungen zu der Frage, unter welchen Bedingungen und aus welchen Gründen Menschen in Organisationen lügen. Sie passen zu einer drängenden Frage der US-Politik nach Donald Trump und dem Sturm auf das Kapitol: Wie konnte die sogenannte Grand Old Party, wie konnten die Republikaner vier Jahre lang den nachweislich ständig lügenden  US-Präsidenten decken? Wie konnten sie selbst nach der offenkundigen Wahlniederlage sein offenkundig hochgefährliches Spiel weiter mitspielen, das Vertrauen in den demokratischen Prozess untergraben?

Partei mit pervertierten Normen

Die Konsequenzen dieser Lügen sollten spätestens nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington auch den republikanischen Abgeordneten und Senatoren klar geworden sein: Viele fürchteten zweifellos um ihre Sicherheit. Die sehr reale Bedrohung – manche der Invasoren hatten Schnellhandschellen aus Plastik dabei, augenscheinlich, um im Repräsentantenhaus Geiseln zu nehmen – machte vielen womöglich zum ersten Mal persönlich klar, dass man nicht monatelang Millionen von Wählern mit Verschwörungstheorien und unhaltbaren Behauptungen folgenlos in die Irre führen kann.

Bislang lohnte es sich für die Republikaner, für und mit Trump zu lügen, aus den zwei zentralen Gründen, die der Sozialpsychologe Steven Grover für Lügen in Organisationen benennt : zur Vermeidung von Rollenkonflikten und aus eigenem Interesse. Da die Partei es dem egomanen Narzissten Trump gestattet hat, ihre Normen zu pervertieren, war es aus der Sicht der Organisation angemessen und erforderlich mitzulügen.

Zwar kollidiert bewusste Desinformation über angeblichen Wahlbetrug mit den Rollennormen eines demokratisch gewählten Politikers. Sie passt aber zu den neuen, pervertierten Normen der Partei, die ihr Programm durch die Person Trump ersetzt hat.

Verunsicherte Wähler, das war das Problem? 

Auch die zweite Voraussetzung für organisiertes Lügen war gegeben: Noch nach der verlorenen Wahl versprachen sich viele Republikaner weiterhin persönliche Vorteile vom Weiterlügen. Das war sogar, glaubt man einem von der Washingtoner Publikation »The Hill« zitierten ungenannten Abgeordneten , offizielle Parteilinie, wegen der Nachwahlen in Georgia: »Die republikanische Parteiführung erklärte wiederholt, dass wir Trump brauchten, um die Wähler an die Urnen zu bringen.« Deshalb habe man sein Unbehagen über Trumps eigennützige Lügen heruntergeschluckt.

Dem der Parteiführung angehörenden Senator John Thune zufolge lag das Problem nicht in den Lügen über Wahlbetrug an sich, sondern in den »verwirrenden Botschaften« vor der Nachwahl: Die Wähler seien unsicher gewesen »ob ihre Stimme zählen würde oder nicht«. Thune sagte das nach dem Sturm auf das Kapitol, bei dem mehrere Menschen ums Leben gekommen waren. Trump hatte nicht geliefert, was man sich von ihm versprochen hatte. Und die Partei dann auch noch in diese peinliche Lage gebracht. Unschön.

Manchen ist die Wahrheit zweifellos einfach egal 

Fest steht, dass die gewaltsame Attacke auf den Kongress nicht stattgefunden hätte, wenn Trump, mit republikanischer Rückendeckung, nicht fortgesetzt behauptet hätte, der Wahlsieg sei ihm »gestohlen« worden. Manchen der Rechtsextremisten, die bewaffnet und auf Geiselnahmen vorbereitet in das Gebäude eindrangen, ist das tatsächliche Wahlergebnis vermutlich egal: Sie wünschen sich Trump als Diktator auf Lebenszeit.  

Viele andere aber haben die Lügen wohl geglaubt und hielten sich folgerichtig für im Recht. US-Medien wie Fox News  und noch rechtsradikalere Sender wie OANN und Newsmax sind mitschuldig: Sie haben geholfen das Lügengebäude zu errichten und abzustützen. Wenig überraschend: Der Chef von OANN will Trump weiterhin nach Kräften fördern.

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Kurz nach dem Sturm auf das Kapitol gaben in einer Umfrage 45 Prozent der registrierten Wähler der Republikaner ihre Zustimmung zu dem Angriff zu Protokoll . Unter denen, die an das Märchen vom groß angelegten Wahlbetrug glauben, waren es 56 Prozent.

Zurechtgelogen 

Die Partei hat also fast die Hälfte ihrer Wähler so zurechtgelogen, dass sie in einer Parallelrealität leben. Das ist nicht neu, aber spätestens jetzt wird offenbar, was es anrichtet. Der Sturm aufs Kapitol dürfte sich als Beginn einer rechtsterroristischen Bewegung in den USA erweisen. (Lesen Sie hierzu auch den Gastbeitrag des Terrorismusexperten Peter R. Neumann)

Die Abgeordneten und Senatoren, die sich noch nach der Besetzung und Verwüstung weigerten, die Stimmen der Wahlleute zu zertifizieren, wussten genau, dass sie eine sehr gefährliche Lüge fortschrieben.

Auch das dürfte zum Teil psychologische Ursachen haben: Viele dieser Leute haben zweifellos jahrelang gegen ihre eigenen Überzeugungen gehandelt, haben sich, aus durchaus eigennützigen Interessen, den Lügner, Betrüger, Ehebrecher und aggressiven Leuteschinder Trump schöngeredet. Haben alle Abwehrmechanismen gegen die gewaltige kognitive Dissonanz, die das erzeugen muss, ständig auf Hochtouren laufen lassen.

Verbogenes Weltbild

So etwas verbiegt auf Dauer das eigene Weltbild. Vielleicht sogar so weit, dass man sich irgendwann selbst glaubt, dass ein milder Moderater wie Joe Biden jetzt den Sozialismus einführen wird. Wie sonst wäre das eigene Verhalten zu rechtfertigen?

Manche sind wenigstens jetzt ehrlich zu sich selbst. Steve Womack zum Beispiel, republikanischer Abgeordneter aus Arkansas, sagte einem dortigen Lokalmedium : »Der Präsident hat die Menge mit lauter Versprechungen und Erwartungen angefeuert, die einfach nicht wahr waren.« Diese Einsicht kommt zu spät .

Allzu viele halten an der Lüge fest

Und selbst nach der Räumung des Gebäudes stimmten noch sieben Senatoren und die Mehrheit der republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus gegen die Anerkennung der rechtmäßigen Wahlergebnisse.

Den Abgeordneten und Senatoren, die dann aus dem Kapitol fliehen mussten oder sich voller Angst im Keller oder in ihren Büros verbarrikadierten, sollte eigentlich schlagartig klar geworden sein, dass man mit derart grotesken Lügen am Ende extrem gefährliche Situationen herbeiführt, die Demokratie beschädigt. Dass es weder mit ihrer Rolle noch mit ihrem Eigeninteresse zusammenpasst, weiter an der Lüge festzuhalten. Doch das scheint nach wie vor nur bei einer Minderheit der Fall zu sein. Rollenkonflikt und fehlgeleitetes Eigeninteresse scheinen nach wie vor zu stark.

Vor der Heilung steht die Diagnose

Republikanische Spitzenpolitiker wie Mitch McConnell  und Lindsey Graham , die Trumps Exzesse all die Jahre verteidigt haben, schwadronieren unterdessen von »Heilung«. 

Vor der Heilung aber müsste eine Diagnose stehen. Die Diagnose, dass die Grand Old Party mit ihrer fortgesetzten Realitätsverweigerung, ihrer Sympathie für Verschwörungstheoretiker und Desinformation das Land an den Rand des Abgrunds geführt hat. 

Die Republikaner, oder zumindest der Teil der Partei, der nicht dauerhaft zu einem neofaschistischen Personenkult werden möchte, müssten aus psychologischer Sicht vier Schritte gehen: 

  • eingestehen, dass sie einen gefährlichen, antidemokratischen Demagogen gestützt haben,

  • akzeptieren, dass das ein Fehler war,

  • sich selbst vergeben,

  • ihren Wählern die Wahrheit sagen und auch diese Wähler um Vergebung bitten.

Es fällt im Moment schwer zu glauben, dass diese Herkulesaufgabe ohne individuelle therapeutische Unterstützung gelingen kann. 

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