Südafrika Neue Coronavariante beunruhigt Forscher

In Johannesburg stieg die Zahl der Neuinfektionen zuletzt sprunghaft an – obwohl dort bald der Sommer beginnt. Verantwortlich könne eine bisher unbekannte Variante des Coronavirus sein, fürchten Forscher.
Mitglieder der südafrikanischen Polizei mit Gesichtsmasken

Mitglieder der südafrikanischen Polizei mit Gesichtsmasken

Foto: Michele Spatari/ AFP

In den letzten Wochen war es eher ruhig um neue, besorgniserregende Varianten des Coronavirus. Global ist Delta immer noch auf dem Vormarsch und verdrängt schwächere Mutationen des Virus.

Aber in Afrika ist nun eine neue Form von Sars-CoV-2 aufgetreten, die Wissenschaftler beunruhigt. Bisher läuft sie nur unter dem Kürzel B.1.1.529. Einige, bisher wenige Fälle grassieren derzeit in Südafrika, dazu auch in Botswana. Zudem trug ein Reisender das Virus nach Hongkong. Das Besondere an der Variante ist ihre sehr hohe Anzahl von Mutationen, sagte der Virologe Tulio de Oliveira auf einer Pressekonferenz am Donnerstag.

Demnach weist B.1.1.529 gleich 32 Mutationen im Spike-Protein auf, jenem Teil des Virus, mit dem es sich an die menschlichen Wirtszellen andockt und eindringt. Und auch jenem Teil, der für die Wirkungsweisen der meisten Impfstoffe maßgeblich ist. Zwar sagt die reine Anzahl der Spike-Mutationen nicht unbedingt etwas über die Gefahr aus, die von ihnen ausgeht. Aber die Delta-Variante verfügt mit acht Mutationen über vergleichsweise deutlich weniger Veränderungen.

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Die Wirksamkeit der Vakzine gegen diese Virusvariante sei noch unklar, genauso wie Details zur Verbreitung. Dafür braucht es noch mehr Daten. Südafrikas Gesundheitsminister Joe Phaahla bezeichnete die Variante aber als ernsthaft besorgniserregend und als Ursache für einen exponentiellen Anstieg des Infektionsgeschehens. Bisher seien rund hundert Fälle aus sequenzierten Proben nachgewiesen worden.

Am Kap beginnt gerade der Sommer, die Anzahl der Coronanachweise würde bei einem saisonalen Virus wie Sars-CoV-2 eigentlich zurückgehen. Doch in Gauteng, der bevölkerungsreichsten Provinz, in der auch Johannesburg liegt, legten die Zahlen zuletzt massiv zu. Anfang des Monats verzeichnete die Region noch rund hundert Neuansteckungen, am Mittwoch stieg die Marke auf 1200. Nach Ansicht der Wissenschaftler könnten bis zu 90 Prozent der neuen Fälle in Gauteng auf B.1.1.529 zurückgehen. Möglicherweise hat sich die Variante auch in den anderen acht Provinzen des Landes ausgebreitet. »Sollte es sich also bestätigen, dass der aktuelle Ausbruch durch diese Variante verursacht wird, so wäre es ein Hinweis auf Selektionsvorteil«, teilt der Wiener Genexperte Ulrich Elling auf Twitter mit.

Südafrika hat für Freitag eine Dringlichkeitssitzung einer Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Virusentwicklung beantragt, um die neue Variante zu diskutieren. Gesundheitsminister Joe Phaahla sagte, es sei noch zu früh, um zu sagen, ob die Regierung als Reaktion auf die neue Variante strengere Beschränkungen verhängen werde. »Obwohl die Daten überschaubar sind, arbeiten unsere Experten mit allen etablierten Überwachungssystemen zusammen, um die neue Variante und ihre möglichen Auswirkungen zu verstehen«, veröffentlichte das südafrikanische Nationale Institut für übertragbare Krankheiten in einer Erklärung.

Auch die Beta-Variante stammt vom Kap

Südafrika ist mit rund 2,95 Millionen Coronafällen und mehr als 89.600 Toten das am schwersten betroffene Land in Afrika. Es war das erste, in dem im vergangenen Jahr die Beta-Variante entdeckt wurde. Zudem wurde Anfang dieses Jahres eine weitere Variante nachgewiesen, C.1.2. Sie hat die häufigere Delta-Variante aber nicht verdrängt und macht immer nur einen kleinen Prozentsatz der in den letzten Monaten sequenzierten Genome aus. Beta ist zudem nur eine von vier Varianten, die von der WHO als besorgniserregend eingestuft werden, weil es Hinweise darauf gibt, dass sie ansteckender ist und Impfstoffe weniger gut gegen sie wirken.

Mutationen sind zufällige Veränderungen im Erbgut, die entstehen, wenn sich das Virus im menschlichen Körper vervielfältigt. Dieser Prozess findet ständig statt und ist Teil der natürlichen Evolution des Virus. Forscher hatten schon zu Beginn der Pandemie erklärt, dass mit solchen Veränderungen des Virus zu rechnen ist. Inzwischen sind Tausende Mutationen bekannt, oft treten mehrere in einem Virusgenom auf.

Die meisten sind unproblematisch. Aber manche verschaffen dem Erreger einen Vorteil – etwa indem sie ihn leichter übertragbar machen. Und das kann dazu führen, dass sich solche Varianten stärker verbreiten und sich gegenüber schwächeren durchsetzen.

joe/Reuters
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