Süßes Gift Lakritze treibt den Blutdruck hoch

Schon kleine Mengen Lakritze können womöglich Auswirkungen auf den Organismus haben: Isländische Forscher sind überzeugt, eine bislang weitgehend vernachlässigte Quelle des Bluthochdrucks entdeckt zu haben.


Lakritze: Von den Wissenschaftlern vernachlässigt
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Lakritze: Von den Wissenschaftlern vernachlässigt

Schon seit längerem sind die beliebten Süßigkeiten als Druckmacher in der Diskussion. Doch Wissenschaftler gingen bislang davon aus, Lakritze müsse, so Helga Sigurjonsdottir vom Sahlgrenska Universitätskrankenhaus in Göteborg, in "geradezu heroischen Mengen" verspeist werden, um einen nachweisbaren Effekt zu haben.

Dem ist offenbar nicht so. Wie das Team um Sigurjonsdottir in der Fachzeitschrift "Journal of Human Hypertension" schreibt, reicht schon eine Hand voll Lakritze pro Tag, um den Organismus des Konsumenten gehörig durcheinander zu wirbeln. "Durch Lakritze hervorgerufene Hypertonie wird unterschätzt und häufig nicht erkannt", so die Forscherin gegenüber "Nature Science Update".

Wer zwei bis vier Wochen lang täglich 50 Gramm Lakritze, ein Fünftel einer handelsüblichen Packung, vertilgt, lebt möglicherweise gefährlich. Sigurjonsdottir konnte bei ihren Studien einen "signifikanten Anstieg" des Blutdrucks feststellen. Somit könnte Lakritze, neben genetischen Faktoren, der allgemeinen Ernährung und fehlender Bewegung, zu einer der grundlegenden Ursachen des hohen Blutdrucks aufrücken - einer Erkrankung, an der rund 20 Prozent der Bevölkerung leiden.

Die in Zentralasien angepflanzte Süßholzwurzel (Glycyrrhiza glabra) findet seit Jahrhunderten in der traditionellen chinesischen Medizin Verwendung. Dort wird der schwarze Saft, der aus den Wurzeln des Strauches gewonnen wird, bei Entzündungen oder Bronchitis angewandt.

Auch für westliche Wissenschaftler stellt Lakritze keine Unbekannte dar, berichtet "Nature Science Update". Ein aktiver Inhaltsstoff der Süßigkeit, die Glycyrrhizinsäure, blockiert, so Paul Stewart von der University of Birmingham, den Abbau des Hormons Kortisol. Die Niere kann Wasser und Salz nicht mehr richtig ausscheiden. Dennoch blieb die Rolle der Lakritzsäure bei der Entstehung des Bluthochdrucks bislang weitgehend unbeachtet.

Vor Sigurjonsdottirs Untersuchungen waren gravierende Lakritz-Auswirkungen nur in Ausnahmefällen beobachtet worden - bei Mutationen in einem bestimmten Enzym oder außergewöhnlich hohem Konsum. Jetzt soll laut "Nature Science Update" die Rolle der süßen Schnecken genauer untersucht werden. Stewart: "Offensichtlich ist der Einfluss größer, als wir bislang gedacht haben."



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