Gefahren aus dem Labor Die Angst vorm Missbrauch der Biologie

Wie gefährlich ist es, wenn Forscher im Labor aggressive Grippeviren leichter übertragbar machen? Droht eine verheerende Pandemie? Die Fachwelt ringt um internationale Regeln für die umstrittenen Experimente, findet aber keine.
Hochsicherheitslabor Marburg (Archivbild): Sollte man Experimente verbieten?

Hochsicherheitslabor Marburg (Archivbild): Sollte man Experimente verbieten?

Foto: BERND KAMMERER/ ASSOCIATED PRESS

Geraten sie in die falschen Hände, können wissenschaftliche Erkenntnisse zur Waffe werden. Auch in der Biologie gibt es dieses Risiko. In Hannover diskutieren  internationale Rechts-, Ethik- und Virenexperten seit Mittwoch darüber, inwiefern Forschung mit potenziell gefährlichen Bakterien und Viren reguliert werden sollte. Kritiker fürchten, dass die Organismen zur Bedrohung für die Bevölkerung werden könnten, entweder, wenn sie versehentlich aus einem Sicherheitslabor entweichen oder vorsätzlich als biologische Waffe eingesetzt werden.

Hintergrund der Diskussion sind zwei Studien aus dem Jahr 2012, über deren Veröffentlichung lange gestritten wurde. In einer der Arbeiten hatte ein Team um Ron Fouchier von der Erasmus-Universität Rotterdam das Vogelgrippe-Virus H5N1 in Frettchen leichter übertragbar gemacht. Diese sogenannte "Gain of function"-Forschung soll helfen zu verstehen, welche genetischen Veränderungen das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar machen könnten. Bislang ist das Virus vor allem von Vögeln auf den Menschen übergegangen, Hunderte Menschen sind gestorben, vor allem in Asien.

Je gefährlicher ein Virus, desto wichtiger ist seine Erforschung

Es gibt bereits zahlreiche nationale Gremien und Leitfäden einzelner Institutionen, die sich mit Biosicherheit beschäftigen. Eine internationale Regelung, wie mit Forschung umgegangen werden soll, die zum Nutzen und Schaden eingesetzt werden kann, fehlt jedoch. Wie also kann man Schaden durch eigentlich gut gemeinte Forschung verhindern? Sollte man Experimente verbieten, in denen Viren aggressiver oder leichter übertragbar gemacht werden? Und, wenn ja, wer entscheidet darüber und nach welchen Kriterien?

Bereits die grundlegende Bewertung und Vorhersage, wie gefährlich einzelne Experimente sind, gestaltet sich schwierig, wie die umstrittenen Versuche mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 zeigen. "Meiner Meinung nach wird H5N1 niemals von Mensch zu Mensch übertragbar sein", sagt etwa Peter Palese, der an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York arbeitet und nicht an der Untersuchung beteiligt war. In den Versuchen seien die Frettchen mit riesigen Mengen der Viren infiziert worden, damit sie ansteckend wurden. "Das Virus ist längst nicht so gefährlich, wie oft behauptet wird."

Viren in den falschen Händen

Fouchier dagegen will nicht ausschließen, dass sich das Vogelgrippe-Virus eines Tages so verändert, dass es von Mensch zu Mensch übertragbar wird. "Der entscheidende Punkt ist, dass wir zu wenig wissen über diese Viren und was sie gefährlich macht", sagt er. "Bisher können wir aus den Versuchen nur ableiten, dass H5N1 das Potenzial hat, von Frettchen zu Frettchen übertragbar zu werden. Mehr nicht." Die Versuche lieferten aber Hinweise, in welcher Form sich das Virus grundsätzlich verändern muss, damit es Säugetiere befallen kann. "Je gefährlicher ein Erreger ist, desto mehr Forschung brauchen wir", argumentiert Fouchier.

Richtig gefährlich könnte es werden, wenn tödliche Krankheitserreger in die falschen Händen gelangen und als Waffe genutzt werden. Hochansteckende Bakterien könnten hierzu eingesetzt werden, weil sie sich leichter in großen Mengen züchten lassen als Viren und ohne einen Wirtsorganismus überleben können.

"Wir haben bisher keine einheitlichen gesetzlichen Regelungen in Deutschland und der Europäischen Union, die Missbrauchsrisiken durch Terroristen und Straftäter umfassen", sagt die Freiburger Juristin Silja Vöneky, Sprecherin der Arbeitsgruppe Biosicherheit im Deutschen Ethikrat. Niemand wisse, in wie vielen Einrichtungen in Europa mit gefährlichen Bakterien und Viren gearbeitet werde. Der deutsche Ethikrat empfiehlt daher, eine interdisziplinäre Kommission einzurichten, die Empfehlungen ausspricht, welche Forschungsprojekte finanziert werden sollten.

"Wenn wir auf internationaler Ebene nicht weiterkommen, müssen wir zunächst nationale Regeln finden", so Vöneky. Die deutsche Gesellschaft für Virologie hat allerdings bereits Zweifel angemeldet, ob eine weitere nationale Kontrollinstanz sinnvoll ist. Viele Forscher fürchten eine Einschränkung ihrer Forschungsfreiheit. So gibt es weiterhin keine einheitliche Meinung darüber, wie künftig im Sinne der Wissenschaft und der Sicherheit mit Risiken, die sich aus gut gemeinter biologischer Forschung ergeben können, umzugehen ist.

Mit Material von dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.