Zerstörte Schätze von Palmyra Trost aus Kork

Fünf Jahre Krieg haben einen Großteil der Kulturschätze in Syrien zerstört. Der Künstler Dieter Cöllen baut sie wieder auf: aus Kork. Im Interview erzählt er, wie er auf die Idee kam und was ihm die Nachbauten bedeuten.

Dieter Cöllen

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Dieter Cöllen schafft Kunst aus Kork. Die Cheops-Pyramide hat er aus dem Material nachgebaut und den Kapitolstempel, der zur Römerzeit in Köln stand. Derzeit widmet er sich einem besonderen Projekt. Er errichtet neu, was der Krieg in Syrien zerstört hat. Sein erstes Modell ist gerade fertig geworden: Der Bel-Tempel von Palmyra, auch bekannt als Baaltempel.

Wie kam Cöllen auf die Idee für das Projekt, wie hat er es umgesetzt und was plant er als Nächstes? Fünf Fragen an den Künstler.

Zur Person
  • Rainer Mader
    Dieter Cöllen ist 1953 geboren. Er hat eine Ausbildung als Bauzeichner gemacht und 1985 ein Atelier für Korkbildnerei und Architekturmodellbau gegründet. Nach eigenen Angaben gilt er weltweit als einziger Künstler, der Bauten aus Kork nachbildet. Die Technik hat er sich selbst erarbeitet und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zahlreiche Antike Gebäude maßstabsgetreu modelliert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Cöllen, wie kamen Sie darauf, den zerstörten Bel-Tempel nachzubauen?

Cöllen: Ich bin viel im Nahen Osten gereist und fühle mich mit der Region verbunden. Vor einem Jahr hat der Bel-Tempel noch gestanden. Seine Zerstörung macht mich traurig und wütend. Hier in Deutschland betreue ich eine syrische Flüchtlingsfamilie. Das Schicksaal der Menschen bewegt mich und Ruinen sind eine gute Möglichkeit, komprimiert Geschichten zu erzählen.

SPEIGEL ONLINE: Welche Geschichte erzählt der Beltempel?

Cöllen: Dass er im Sommer 2015 vom "Islamischen Staat" gesprengt und dadurch bis auf die Außenmauer zerstört wurde, hat große Symbolkraft. Man hat unsere westlichen Wurzeln in Palmyra gekappt, denn der Tempel war ein wichtiger Handelsposten. Hier sind Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen zusammengekommen. Ich bin dagegen, den Tempel dort wieder aufzubauen. Seine Zerstörung steht für sich. Aber wenn man ihn gar nicht mehr sehen könnte, wäre es eine Schande. Deshalb habe ich ihn aus Kork nachgebildet.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hat das gedauert?

Cöllen: Etwa drei Monate. Das ist vergleichsweise kurz, was vor allem daran lag, dass ich schnell Pläne bekommen habe. Viele Archäologen interessieren sich für die Nachbauten und unterstützen mich mit Informationen. Die Modelle können auch für sie hilfreich sein, sich in frühere Zeiten zurückzudenken.

Der Triumphbogen von Palmyra, bevor und nachdem er 2015 zerstört wurde
AFP

Der Triumphbogen von Palmyra, bevor und nachdem er 2015 zerstört wurde

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich Ihre Arbeit konkret vorstellen?

Cöllen: Ich versuche zunächst, mit Plänen und Fotos von einem Gebäude so gut wie möglich herauszufinden, wie es gebaut wurde. Dann bilde ich es Stück für Stück von unten nach oben nach. Der Bel-Tempel besteht größtenteils aus massiven, drei Zentimeter dicken, ein Zentimeter hohen und drei Zentimeter langen Korkklötzen. Zum Schluss habe ich ihn mit Ockerpigmenten versehen, die Farbe stelle ich selbst her. Sie verleiht dem Kork eine leicht rötliche Erscheinung, sodass der Tempel aussieht, als würde man ihn zu Sonnenuntergang besichtigen.

SPIEGEL ONLINE: Was planen Sie als Nächstes?

Cöllen: Mich fasziniert auch der Triumphbogen von Palmyra. Er ist extrem filigran. Dass er zerstört wurde, ist scheußlich. Man muss sich klarmachen, dass in Syrien bis heute Bomben fallen und Terror herrscht. Die zerstörten Gebäude stehen stellvertretend für Zigtausende unschuldige Menschen, die ihr Leben oder ihre Heimat verloren haben. Meine Vision ist es, nach und nach weitere bedrohte oder bereits zerstörte Weltkulturgüter nachzubauen und auszustellen. Allerdings kann ich das finanziell nicht allein stemmen und hoffe auf Unterstützung zum Beispiel von der Unesco.



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