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Tabak-Zusatzstoffe Was alles im Glimmstengel steckt

Verbraucherschutzministerin Renate Künast hat eine Liste mit den Zusatzstoffen vorgelegt, mit denen Tabakhersteller ihr Produkt schmackhafter machen wollen. Über 600 verschiedene Substanzen werden Zigaretten beigemischt, damit sie süßer, herber oder einfach weniger giftig schmecken.

Auch wenn die Cowboys und Dschungelwanderer der Zigarettenwerbung etwas anderes suggerieren: Ein Naturprodukt ist das, was sich in handelsüblichen Zigaretten findet, schon lange nicht mehr. "Ohne Dutzende Zusatzstoffe wie Gewürze, Fruchtextrakte, Zucker, Öle, Fette und Harze würden Zigaretten wie 'Räubertabak' schmecken - bitter, beißend", erklärt der Heidelberger Krebsforscher Heinz Walter Thielmann. Die Zusatzstoffe dürfen in Deutschland dem Tabak bislang legal beigemischt werden.

Doch nun will Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) mit dem aufgehübschten Kraut aufräumen. Am Dienstag veröffentlichte sie eine Liste der Zusatzstoffe im Internet . Für jede Zigarettenmarke ist genau aufgelistet, was für Zusatzstoffe sie enthält - insgesamt eine Liste von 100 PDF-Seiten. Zudem gibt es Listen über Feinschnitt (104 Seiten), Pfeifentabak (405), Zigarren und Zigarillos (565).

Ein Expertengremium soll prüfen, welche Zusatzstoffe bei der Verbrennung des Tabaks giftige Substanzen freisetzen oder dazu beitragen, Raucher süchtig zu machen. "Von jährlich 210.000 Krebstoten in Deutschland sind rund ein Drittel auf die Folgen des Rauchens zurückzuführen", rechnet Krebsforscher Thielmann vor. "Wissenschaftliche Studien belegen inzwischen, dass die Zigarette langfristig zwischen einem Drittel und der Hälfte ihrer Konsumenten tötet."

Mehr als zehn Prozent Zusatzstoff pro Zigarette

Und damit die Raucher beim Stengel bleiben, so die Kritiker, werden eben Zusatzstoffe beigemischt. Ermöglicht hat dies die am 20. Dezember 1977 verabschiedete Deutsche Tabakverordnung. Seitdem gibt es regelrechtes Geschmacks-Design für Zigaretten. Die Tabakverordnung lässt bis zu 600 Einzelsubstanzen und chemisch nur vage definierte oder völlig undefinierte Gemische zu, die über zehn Prozent des Gesamtgewichts einer Zigarette ausmachen können. Die Hersteller leugnen dies bislang.

"Es gibt buchstäblich für jeden Geschmack eigene Mixturen", sagt Thielmann. In angeblich besonders männliche Zigaretten werden rustikalere Rezepturen gemischt, für junge Mädchen gehört unter anderem viel Zimt und Vanille zum Rezept. Außerdem werden Stoffe wie Menthol zugesetzt, die beim Einatmen spürbare, aber eher angenehme Reize auslösen und dadurch das eigentliche Schmerz- und Reizempfinden überlagern. "Sie wirken quasi wie ein leichtes Betäubungsmittel. Sonst würden die meisten Raucher ganz erbärmlich husten", erklärt Thielmann.

Die gleichen Gifte wie in Grillfleisch

Hauptgrund für das zusätzliche Gesundheitsrisiko sind chemische Prozesse, die beim Verbrennen des Tabaks entstehen. Die Zusatzstoffe bilden bei der Erhitzung auf 600 bis 900 Grad häufig krebserzeugende Substanzen wie Formaldehyde, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Epoxide und Nitrosamine, wie sie auch bei gegrilltem Fleisch entstehen.

Eine Arbeitsgruppe von Experten soll sich nun im Auftrag des Künast-Ministeriums an die eigentliche Arbeit machen und die Zusatzstoffe, die erwiesenermaßen krebserregend oder zumindest verdächtig sind, herausfinden. Entsprechende Verbote sollen folgen. Doch wann in Deutschland die gefährlichen Zusatzstoffe nicht mehr beigemengt werden dürfen, ist noch nicht klar. Angesichts von 4800 zu untersuchenden Stoffen, von denen inzwischen 80 als krebserzeugend erkannt sind, dürfte die Arbeit ein bis zwei Jahre dauern.