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11. November 2009, 18:31 Uhr

Tabuthema Depression

Wenn die Seele gefangen ist

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Robert Enke litt an Depressionen - einer Krankheit, die tabuisiert wird. Dabei erkrankt fast jeder fünfte Deutsche einmal im Leben daran. Auch erfolgreiche und vermeintlich glückliche Menschen kann ein Schicksalsschlag in tiefe Probleme stürzen. Vor allem Personen mit hohen Ansprüchen an sich selbst sind gefährdet.

Robert Enke hat Selbstmord begangen. Er hatte eine Tochter, war verheiratet und ein sehr erfolgreicher Sportler. Im kommenden Jahr sollte er das Tor der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika hüten.

Warum beendet jemand, der offenbar alles hat, mit 32 Jahren sein Leben?

"Enke passt eigentlich nicht ins Risikoprofil", sagt Angelika Schlarb, Psychologin an der Universität Tübingen. Das sieht bei Männern eher so aus: über 55, alleinstehend und schon mit depressiven Vorerkrankungen belastet.

Vor Depression ist niemand gefeit, auch nicht Personen, die vermeintlich alles haben. "Es kann jeden treffen", sagt Schlarb. Insgesamt leiden in Deutschland derzeit rund vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression, schätzt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Jeder Fünfte erkranke einmal in seinem Leben daran.

Vor allem, so Schlarb, treffe es Personen mit hohem Leistungsanspruch und kritischer Haltung sich selbst gegenüber. Schicksalsschläge wie Tod, Scheidung, Arbeitsplatzverlust können auch vermeintlich gefestigte Menschen aus der Bahn werfen.

"Es hatte etwas Existentielles"

Schicksalsschläge gab es im Leben von Robert Enke: Vor drei Jahren starb seine herzkranke Tochter Lara im Alter von nur zwei Jahren. Enke und seine Frau adoptierten später ein Mädchen. Sein Arzt bestätigte, dass Enke an Depressionen litt. 2003 habe der Sportler sich erstmals bei ihm in Behandlung gegeben, weil er unter Versagensängsten gelitten habe.

Spitzensportler sind sehr leistungsorientiert - und bei jeglichem Versagen hagelt es von allen Seiten Kritik. "Fußball war sein Ein und Alles", sagte Enkes Frau am Mittwoch auf der Pressekonferenz. So hatte er auch berufliche Rückschläge zu verkraften: "Das Tal, das ich durchschritten habe, war ein sehr tiefes. Das war keine Krise, wie sie jeder Torwart mal erlebt, wenn er fünf- oder sechsmal danebengreift. Es hatte etwas Existentielles", sagte Enke im November 2008 dem Fußballmagazin "11 Freunde".

Enke war nicht der einzige prominente Spitzensportler, der an dieser Krankheit litt. Ein weiteres Beispiel ist Sebastian Deisler. Der ehemalige Fußballprofi des FC Bayern litt jahrelang an schweren Depressionen. Im Jahr 2003 machte er sie schließlich öffentlich. "Es ging nicht mehr anders", sagte Deisler vor kurzem in einem "Zeit"-Interview. "Ich wollte niemanden in der Klinik sehen, noch nicht einmal meine Eltern. Ich war krank."

Der enorme Druck, die permanente Öffentlichkeit und die Angst vor dem Karriereverlust machen es Spitzensportlern besonders schwer, mit einer Depression richtig umzugehen. Für ihre Karriere, so Schlarb, seien sie bereit, sehr viele Opfer zu geben. Die vielen Beeinträchtigungen führten mitunter sogar zu einer verzerrten Wahrnehmung. Schlarb: "Sie denken, dass dieser Leidenszustand ganz normal ist, dass das so sein muss."

Im "Stern" beschrieb Deisler dieses Phänomen: "Ich fühlte mich allen gegenüber verpflichtet, und das hat mich die Signale meines Körpers und meiner Seele überhören lassen." Ein enormer Leistungsanspruch und eine sehr kritische Einstellung sich selbst gegenüber - Deisler berichtet, wie er zwischen seinen eigenen und den Erwartungen der Öffentlichkeit förmlich zerrieben wurde: "Ich steckte in einem Teufelskreis. [...] Hier mein Talent, mein Anspruch und der Wunsch, die Hoffnungen und Erwartungen zu erfüllen, auf der anderen Seite die Tatsache, dass ich eigentlich zu nichts mehr in der Lage war. Ich hatte einen krankhaften Ehrgeiz aufgebaut. Und andererseits fehlte mir das Fundament, das tragen zu können." Mit 27 Jahren beendete er schließlich seine Karriere und tauchte jahrelang ab.

Depression ist noch immer ein Tabuthema

Enke machte seine Depression im Gegensatz zu Deisler nicht öffentlich. Einer der Gründe, sagt seine Frau, sei die Sorge gewesen, das Sorgerecht für die adoptierte Tochter zu verlieren. In seinem Abschiedsbrief entschuldigte sich Enke sogar bei Angehörigen und Ärzten dafür, dass er sie über seinen wahren Zustand getäuscht habe.

Aber nicht nur öffentlichen Personen fällt es häufig schwer, über ihre Depressionen zu sprechen. Die Krankheit ist noch immer ein Tabuthema, trotz der hohen Fallzahlen. Häufig reagiere das Umfeld von Depressiven mit wenig Verständnis und nach einer gewissen Zeit sogar genervt bis aggressiv. "'Nun reiß dich mal zusammen', kriegen Depressive oft zu hören", sagt Schlarb. "Depression ist aber weniger in der Gesellschaft tabu als im Berufsleben", meint die Psychologin. Wer depressiv ist, gelte als weniger belastbar, weniger stressresistent und damit auch als weniger leistungsfähig. Also redet man nicht darüber. Schon gar nicht in Krisenzeiten, in denen die Angst um den Arbeitsplatz viele Menschen umtreibt. Dabei zählen Depressionen zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit in Deutschland.

Aus eigener Kraft eine Depression zu überwinden, ist für Betroffene sehr schwer. Es habe Tage gegeben, an denen er halbwegs klargekommen sei, sagte Deisler dem "Stern". "Am nächsten Morgen war alles wieder schlimm. Es kam mir vor, als habe die Krankheit in der Dunkelheit der Nacht Kraft gesammelt. An guten Tagen hatte ich ständig Angst, dass die Spuren der Schwermut wiederkommen." Die Depression habe ihm jegliche Lebensfreude genommen, so Deisler. "Sie hielt mich gefangen in einem Gefühl innerer Leere und Niedergeschlagenheit."

Deisler suchte rechtzeitig Hilfe, und ihm konnte geholfen werden. Viele Selbstmorde könnten vermutlich verhindert werden, wenn nur rechtzeitig jemand eingreifen würde. Die große Mehrheit der 10.000 Selbstmorde und der rund 150.000 Selbstmordversuche in Deutschland, so schreibt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sei vermutlich auf eine nicht oder nicht optimal behandelte Depression zurückzuführen. Enkes Arzt beurteilte ihn aber als nicht selbstmordgefährdet, Enke habe sich von Selbstmordgedanken distanziert.

Mehr Männer als Frauen nehmen sich das Leben

Tatsächlich ist es für Psychologen oft sehr schwer, einen Suizid vorauszusehen. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention gibt an, ein erhöhtes Risiko bestehe grundsätzlich bei allen depressiven Menschen, insbesondere wenn diese hoffnungslos und schwer depressiv erkrankt seien. Doch woran erkennen Psychologen, dass ein Mensch besonders selbstmordgefährdet ist? In gängigen Psychologie-Fachbüchern werden Lehren von Erwin Ringel (1921 bis 1994) beschrieben, einem österreichischen Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Autor eines Standardwerks zum Thema Selbstmord.

Ringel prägte den Begriff "präsuizidales Syndrom", für das bestimmte Merkmale charakteristisch sind. So sehen Betroffene beispielsweise keine Wahlmöglichkeiten mehr und äußern Gefühle wie Hoffnungs- und Sinnlosigkeit. Zum anderen verstärkt sich das Gefühl, der Realität nicht mehr gewachsen zu sein. Der Betroffene baut sich dann eine Scheinwelt auf, in der der Gedanke an den Tod eine immer größere Rolle spielt. Selbstmordgedanken sind ein Warnsignal, sagt Schlarb. "Besonders, wenn es schon um konkrete Handlungen geht."

Dennoch sind Diagnosewerkzeuge wie das von Ringel aber noch lange keine Garantie dafür, dass Betroffene vor einem Selbstmord bewahrt werden können. Und es sind vor allem Männer betroffen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nehmen sie sich dreimal mehr Männer das Leben als Frauen. Außerdem nehmen Männer seltener professionelle Hilfe in Anspruch, sagt Schlarb. Und sie wählen häufig die drastischeren Selbstmord-Arten. Das Beispiel Robert Enke bestätigt dies.

Mitarbeit: Cinthia Briseño

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