Statistik und Wahrheit Hauptsache spektakulär

Umfragen zeigen angeblich, dass Jungen mehr Taschengeld bekommen als Mädchen. Mit der Realität hat das wenig zu tun - wie so oft bei Berichten über Statistiken. Was wirklich dahintersteckt.
Taschengeldvergleich

Taschengeldvergleich

Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / dpa

Tausende Statistiken werden täglich produziert, und niemand hat eine Chance, sich einen vollständigen Überblick über sie zu verschaffen. Mediale Aufmerksamkeit erlangen nur die wenigsten. Häufig sind das solche mit einem Ergebnis, das überrascht und allgemeinere Diskussionen anstößt.

Hier entsteht aber potenziell ein Problem. Denn auf diese Weise schaffen es eher extreme Statistiken in den Fokus der Öffentlichkeit als solche, die die Realität vielleicht passender beschreiben, aber weniger spektakulär sind. Dieser selektive Prozess der medialen Berichterstattung kann dazu führen, dass nicht abgesicherte Ergebnisse als vermeintliche Fakten in Erinnerung bleiben und zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität führen.

Betrachten wir als Beispiel dazu eine Meldung, die kürzlich einige Schlagzeilen machte - den Gender-Pay-Gap beim Taschengeld  (Pocket Money Gap). Eine Umfrage der britischen Bank Halifax ergab, dass Jungen durchschnittlich zwölf Prozent mehr Taschengeld bekommen als Mädchen, auch SPIEGEL ONLINE berichtete. Diese Ergebnisse beziehen sich auf Großbritannien und wurden mit dem - sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland - zu beobachtenden Gender Pay Gap bei Erwachsenen in Verbindung gesetzt.

Beginnt alles schon beim Taschengeld?

Und tatsächlich wurden ähnliche Ergebnisse im Jahr 2009 auch schon für Deutschland berichtet. Eine ebenfalls medial vielbeachtete Studie der LBS fand hierzulande sogar einen noch höheren Unterschied  als im Vereinigten Königreich.

In beiden Studien waren die Ergebnisse statistisch signifikant. Das bedeutet, dass die Unterschiede nur mit geringer Wahrscheinlichkeit durch Zufall zu erklären sind. Etwa weil bei der Befragung überdurchschnittlich viele Jungen mit überdurchschnittlich hohem Taschengeld teilgenommen haben könnten. Die Ergebnisse scheinen deutlich zu bestätigen, dass der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen schon im Kindesalter mit dem Taschengeld beginnt.

Wichtig ist, was nicht berichtet wird

Allerdings sollte bei der Bewertung der Ergebnisse nicht außer Acht gelassen werden, was nicht berichtet wurde. Denn es gibt auch Studien, die zumindest die Klarheit der Ergebnisse in Frage stellen.

So wurde die britische Studie auch schon im Vorjahr durchgeführt, bereits damals hat sie ein höheres Taschengeld für Jungen als für Mädchen ergeben. Allerdings lag der Unterschied nur bei zwei Prozent und war nicht statistisch signifikant. Es erscheint kaum plausibel, dass sich das Taschengeld von Jungen binnen eines Jahres derart stärker erhöht haben sollte als das für Mädchen. Der Zufall, dem alle stichprobenbasierten Befragungen unterliegen, mag dabei eine Rolle spielen.

Nicht signifikant

Und auch für Deutschland finden sich weitere Befragungsergebnisse, die keinen signifikanten Taschengeldunterschied zwischen Jungen und Mädchen gefunden haben. So hat eine aktuellere Befragung der LBS unter knapp 10.000 Schulkindern im Jahr 2014 keine statistisch abgesicherten Unterschiede zutage gefördert. Dieser fehlende Unterschied bei der mittleren Taschengeldhöhe zwischen Jungen und Mädchen fand in der medialen Berichterstattung kaum Beachtung.

Eine weitere alle drei Jahre durchgeführte großangelegte Befragungsstudie, die KidsVerbraucherAnalyse durch Egmont Ehapa Media mit knapp 2500 Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren fand für die Jahre 2009, 2012 und 2015 keine Unterschiede in der Taschengeldhöhe zwischen den Geschlechtern. Dabei wiesen zweimal die Jungen im Mittel ein etwas höheres Taschengeld auf und einmal die Mädchen. In keinem Fall waren die Unterschiede statistisch signifikant.

Die Medien-Filterblase

Alle hier genannten Studien wurden zu kommerziellen Zwecken durchgeführt. Darüber hinaus steht in Deutschland eine sehr solide wissenschaftliche Datenbasis zur Verfügung, das Sozio-oekonomische Panel (SOEP). Dabei wird unter anderem das Taschengeld von Kindern und Jugendlichen abgefragt.

Für 17-jährige Jugendliche liegen dazu gut 4500 Angaben aus den letzten Jahren vor. Das mittlere monatliche Taschengeld lag dabei inflationsbereinigt für Mädchen sogar knapp fünf Prozent höher als für Jungen. Wiederum ist der Unterschied aber nicht signifikant. Gleiches gilt - allerdings nur für gut 300 Befragte - für zehnjährige Kinder, bei denen die Eltern die Angaben gemacht haben.

In unserer kurzen Recherche zu Taschengeldunterschieden zwischen Jungen und Mädchen haben wir also neun Auswertungen gefunden. Bewertet man diese im Überblick, erscheint der Rückschluss auf ein höheres Taschengeld bei Jungen im Vergleich zu Mädchen (Pocket Money Gap) als vorschnell. Denn bei sieben der Studien finden sich keine oder nicht statistisch abgesicherte Hinweise auf ein höheres Taschengeld.

Diese Studien wurden in den Medien allerdings kaum aufgegriffen. Die zwei Untersuchungen, die auf geschlechtsspezifische Unterschiede hindeuten, haben hingegen ihren Weg in die Schlagzeilen gefunden.

Häufig sind also gerade die nicht in den Medien aufgegriffene Meldungen wichtig, um Sachverhalte zu bewerten.


Zusammengefasst: Über Umfragen wird dann besonders gern berichtet, wenn die Ergebnisse überraschend oder spektakulär sind. Befragungen zur selben Sache mit einem weniger aufregenden Ergebnis bekommen nicht so viel Aufmerksamkeit. So kann es passieren, dass fragwürdige Umfrageergebnisse bekannter werden als seriöse.

Angezählt - die Statistikkolumne

Trau keiner Statistik, die du nicht verstanden hast: Die Brüder Björn und Sören Christensen hinterfragen Umfragen und Studien, denen wir täglich begegnen.

Björn Christensen lehrt als Professor für Statistik und Mathematik am Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Kiel.

Sören Christensen ist Professor für Stochastische Prozesse an der Universität Hamburg.Achtung! Statistik - Kolumnen von Björn und Sören Christensen 

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