"Tatort"-Faktencheck So arbeiten Deutschlands Profiler wirklich

Im Münchner "Tatort" sind die Zeugen eines Mordes nicht zu gebrauchen, so sehr widersprechen sich ihre Aussagen. Rettung verspricht eine Profilerin. Wie realistisch ist das?

München-"Tatort" "Die Wahrheit"
BR/ Hagen Keller

München-"Tatort" "Die Wahrheit"

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Ein Mann liegt auf dem Boden und windet sich. Ein junger Familienvater eilt ihm zur Hilfe. Plötzlich zückt der scheinbar Wehrlose ein Messer und sticht zu. Der Mann, der ihm nur helfen wollte, stirbt. Sein Sohn, seine Frau und viele Passanten beobachten die Tat. Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) nehmen die Ermittlungen auf.

Bereits in den ersten Minuten schnauzt Batic die Zeugen an, sie sollten sich nicht unterhalten, bevor sie befragt wurden. Ist das ein guter Tipp für Polizisten?

"Das ist sogar genau das Richtige", weiß Julia Shaw, Rechtspsychologin an der London South Bank University. Sie erforscht unser Gedächtnis und wie sich Erinnerungen manipulieren lassen. "Zeugen sollten unbedingt zuerst isoliert voneinander befragt werden. Die Ermittler brauchen ihre unbeeinflusste Erinnerung. Bekommen Zeugen dagegen die Möglichkeit, sich zu unterhalten, übernehmen sie häufig Beobachtungen anderer und erinnern sich plötzlich an Dinge, die sie gar nicht erlebt haben." Nach den Einzelbefragungen könne ein Gruppengespräch allerdings helfen, weitere Erinnerung wachzurufen, erklärt Shaw.

Münchner Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) in "Die Wahrheit"
BR/ Hagen Keller

Münchner Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) in "Die Wahrheit"

Die Zeugen im "Tatort" machen später widersprüchliche Angaben. Einer behautet, der Täter sei schwarz, der andere will einen Asiaten gesehen haben. Auch bei der Bekleidung sind sich die Befragten nicht einig. Ist das bei Zeugenaussagen häufig der Fall?

"Sogar sehr häufig", meint Shaw. "Vorurteile beeinflussen unsere Erinnerungen." Leider spielten Hautfarbe und Herkunft oft eine Rolle. Trotz widersprüchlicher Aussagen sei es wichtig, Zeugen bei der Befragung nicht zu beeinflussen.

Im "Tatort" wirkt Batic bei einer Gegenüberstellung unzufrieden. Er fordert einen Zeugen auf, sich eine der Personen noch mal anzuschauen, weil diese der Tatverdächtige ist. Genau das Falsche, betont Shaw. "Zeugen wollen häufig die Antwort geben, die von ihnen erwartet wird und könnten so Unschuldige belasten." Grundsätzlich seien vor allem die Menschen gute Zeugen, die sich nicht so leicht beeinflussen lassen und wissen, wie leicht man das Gedächtnis austricksen kann.

Nach wochenlangen Ermittlungen gibt es noch immer keine konkrete Spur. Schließlich sucht Leitmayr Hilfe bei Profilerin Christine Lerch (Lisa Wagner). Gibt es Profiling überhaupt in Deutschland?

Jein. In Deutschland spricht man von Fallanalyse, klingt langweiliger, meint aber in etwa dasselbe. Menschen wie Christine Lerch existieren also tatsächlich. Sie hat sogar ein reales Vorbild: Alexander Horn. Er ist Fallanalytiker der ersten Stunde und berät gelegentlich die Macher des Münchner "Tatort" . Seit 1998 leitet Horn die Dienststelle für Operative Fallanalyse am Polizeipräsidium München.

Er hat dabei geholfen, den "Maskenmann" Martin N. zu ermitteln. N. hatte zwischen 1992 und 2004 vor allen Jungen in Norddeutschland sexuell missbraucht und mindestens drei von ihnen ermordet. Horn hatte damals ein Täterprofil erarbeitet, das genau auf N. passte: Alleinlebend, zwischen 35 und 45 Jahre alt, intelligent, Ortsbezug nach Bremen, vermutlich in einem pädagogischen Beruf.

Ein Zeuge gab schließlich den entscheidenden Hinweis, N. wurde verhaftet. Aber die Beamten hatten kaum handfeste Beweise, und N. schwieg hartnäckig. Als Fallanalytiker Horn dem Verdächtigen am zweiten Vernehmungstag die Hand entgegenstreckte, bricht der Widerstand des "Maskenmanns". N. ergreift Horns Hand und gesteht seine Taten. Seit 2012 sitzt der Täter in Haft.

Fallanalytiker Alexander Horn
imago

Fallanalytiker Alexander Horn

Im Film ist Fallanalytikerin Lerch besonders findig. Sie studiert die Akten und ist sich nach kurzer Zeit sicher: Der Täter ist männlich, wohnt in der Nähe des Tatorts, ist vorbestraft, vermutlich Tierquäler. Wie realistisch ist das?

"Eine Mordermittlung dauert in der Regel länger als 90 Minuten", betont Horn, "Wir versuchen aber schon, ein Täterprofil zu erstellen und ein Verständnis für den Fall zu entwickeln." So können die Fallanalytiker Hinweise geben über das Geschlecht des mutmaßlichen Täters, das Alter, den ungefähren Wohnort und mögliche Vorstrafen.

Horn und sein Team bearbeiten im Jahr zwischen 30 und 50 Straftaten, 70 Prozent davon sind Mordfälle. "Meistens werden wir von den Ermittlern dazu gerufen, wenn es sich um keine Beziehungstat handelt, sondern Opfer und Täter anscheinend zufällig aufeinandertreffen." Um genau so einen Fall geht es auch im Münchner "Tatort" "Die Wahrheit".

Profilerin Lerch sitzt in dem Krimi in einem winzigen, dunklen Büro. Ihre Karriere geht nicht voran. Wie schwer haben es Fallanalytiker in Deutschland?

"Ich kann mich nicht beschweren, ich habe genug zu tun", sagt Horn. Er und sein Team würden meist frühzeitig bei geeigneten Fällen hinzugezogen und blieben über einen längeren Zeitraum mit den Kollegen in Kontakt. "Wir sind so etwas wie ein Beratungsgeschäft", schmunzelt Horn.

Einen Wermutstropfen gibt es für die deutschen Fallanalytiker im neuen "Tatort" allerdings doch. (Falls Sie den "Tatort" noch nicht gesehen haben und das gern nachholen wollen, sollten Sie ab hier nicht weiterlesen). Der wahre Täter konnte trotz aller Hinweise von Fallanalytikerin Lerch nicht geschnappt werden. Gleich zwei Tatverdächtige stellen sich zumindest teilweise als unschuldig heraus.

Bei den weiteren Ermittlungen steht Leitmayr zudem vorerst allein da. Lerch geht zum FBI, und Batic macht erst mal sechs Wochen Urlaub.

Lesen Sie auch unsere Kritik zum "Tatort" aus München: Das Leben ist ein langer, ruhiger Stuss



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
alois.hingerl 24.10.2016
1.
Nach Lektüre dieses Artikels weiß ich jetzt ganz genau, wie Deutschlands Profiler wirklich arbeiten ...
halle/saale-40 24.10.2016
2. Unabhängig von reellen und fiktiven Ermittlungen...
...fand ich die Wahl der Art des Tathergangs sehr unglücklich. Es wird dargestellt, wie ein Helfender vom vermeintlichen Hilfesuchenden betrogen und umgebracht wird. In der heutigen Zeit, wo Bereitschaft zur Hilfe und Zivilcourage schon sehr gering sind, ruft eine solche Szene weitere Ängste in potentiell noch willigen Helfenden hervor. Sowas unterstützt in keinster Weise, eine Trendwende herbeizuführen bei der Bereitschaft zur Leistung erster Hilfe. Ich gebe zu, ich hab den Tatort nicht bis zum Ende gesehen, weiß also nicht, was hinter der Tat steckte. Aber aus Sicht des Helfers und dann Opfers und über die Personen, die ich gerade meine, ist das auch egal. Er war auch zu Beginn des Tatorts tot und wusste nicht, warum er sterben musste.
Suedbaden 24.10.2016
3. Faktencheck?
Es sind häufig die Kleinigkeiten, die viel ausmachen. Ein Fakt, der auf alle Fälle im Münchner Tatort missachtet wurde: Bayerns Polizei ist nicht blau, die sind noch immer grün. Grün-silberne Streifenwagen, beige Uniformhosen, bambusfarbene Uniformhemden... nix blaue Uniform, nix blaue Streifen auf dem silbernen Streifenwagen.
shmubu 24.10.2016
4. Ist das ein Guter Tipp für Polizisten?
"Ist das ein Guter Tipp für Polizisten?" wird im Artikel gefragt. Ja genau! Deutschlands Kriminalpolizisten holen sich ihre "Tipps" im Tatort. Der Sonntagabend gilt dort sicher als Arbeitszeit und läuft unter Fortbildung, schliesslich hängt die gesamte Polizei mit Stift und Block vor der Scheibe und notiert sich gebannt Batics und Leitmayrs Insider-Weisheiten. Danke Frau Köppe, Sie haben mir den Morgen gerettet.
jetzttexteich 24.10.2016
5. Auch wenn ich Fortsetzungen nicht mag.....
...ich hoffe sehr, daß es von diesem Tatort eine Fortsetzung gibt!!!
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