Taube mit Geheimbotschaft Weltkrieg-Code ist nicht zu knacken

War es der Bericht eines Spions hinter den feindlichen Linien? Experten in Großbritannien brüten seit Wochen über einer geheimnisvollen Nachricht aus dem Zweiten Weltkrieg, die an den Überresten einer Brieftaube gefunden wurde. Nun müssen sie eingestehen: Der Code ist zu komplex für sie.

Kein Code ist unknackbar - das glaubt zumindest jeder, der Ermittlern oder Geheimagenten in Film und Fernsehen zusieht. Die geben eine verschlüsselte Nachricht einfach an eifrig wartende Computerexperten weiter - und können sich wenig später über das Ergebnis freuen. Dass das mit der Realität nicht immer etwas zu tun hat, zeigt sich nun in Großbritannien.

Dort hatte der Fall einer Brieftaube für Schlagzeilen gesorgt, die in Surrey bei Renovierungsarbeiten in einem Kamin gefunden worden war. Das Tier hatte eine undatierte, verschlüsselte Nachricht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bei sich. Für geübte Codeknacker müsste deren Entschlüsselung nur eine Frage der Zeit sein. Dachte man jedenfalls.

Doch nun müssen selbst die Krypto-Profis vom britischen Geheimdienst GCHQ ("Government Communications Headquarters") eingestehen: Der Taubencode ist wohl nicht zu knacken  - zumindest nicht ohne alte Hilfsmittel und viel Glück. Man habe keine großen Hoffnungen gehabt, den Text lesbar zu machen, zitiert die "BBC" nun einen Historiker des Geheimdienstes.

Die handgeschriebene Nachricht besteht aus 27 Gruppen von jeweils fünf Buchstaben: "AOAKN", "HVPKD" und so weiter. Ein "Sergeant W. Stot" hat den Text wohl an einen bis heute unbekannten Empfänger unter der Bezeichnung "X02" geschickt. Die Verwendung einer Brieftaube war dabei nicht ungewöhnlich: Die Briten hatten 250.000 von ihnen im Kriegseinsatz, berichtet GCHQ. Alle Bereiche der Armee hätten ebenso auf die tierischen Kuriere gesetzt wie auch die Agenten des Geheimdienstes SOE ("Special Operations Executive").

Mathematisch nachweisbar nicht zu knacken

Jedes der Tiere war durch eine eindeutige Identifikationsnummer gekennzeichnet. Auf dem fraglichen Blatt finden sich allerdings gleich zwei von ihnen: "NURP.40.TW.194" und "NURP.37.OK.76". Die Buchstabengruppe steht für den Verband National Union of Racing Pigeons, die zwei Ziffern danach geben das Jahr der Registrierung der Taube an. Welcher der beiden Codes die Taube im Kamin bezeichnet, ist nicht recht klar. Noch schwieriger wird es beim Inhalt der Nachricht. Um die Botschaft zu verstehen, wären alte Codebücher nötig. Doch welches der zahlreichen Modelle der Briten? Das weiß niemand.

Möglicherweise wurde zur Verschlüsselung des Textes ein sogenanntes One-Time-Pad (OTP) genutzt. Das ist ein vom US-Kryptologen Gilbert Vernam erstmals vorgeschlagenes Codierverfahren, das - mathematisch nachweisbar - nicht zu knacken ist. Zumindest, wenn man es richtig verwendet.

In der Praxis kommen OTPs zwar eher selten zum Einsatz, weil der nötige Schlüssel mindestens so lang sein muss wie der zu verschlüsselnde Text. Auf jeden Buchstaben des Ausgangstextes wird dann einmal der entsprechende Buchstabe des Schlüssels angewendet - und fertig ist der Code. Allerdings kann der Schlüssel, der Name legt es nahe, nur einmal eingesetzt werden. In der Praxis ist das lästig.

Falls die Nachricht an "X02" nun tatsächlich mit einem OTP verschlüsselt wurde, bleibt sie womöglich unlesbar. Wenn der Schlüssel vernichtet wurde, gibt es keine echte Chance zur Entschlüsselung. Es sei, so sagt man beim GCHQ, in gewisser Weise auch ein Kompliment für die Krypto-Experten der Kriegszeit, dass diese trotz des großen Stresses damals bis heute unknackbare Codes fabriziert hätten.

Vielleicht finde sich ja aber doch noch eines Tages irgendwo ein Codebuch, das bei der Lösung des Falles helfe. Man freue sich über Hinweise noch lebender Mitarbeiter aus den Kommunikationszentralen, heißt es beim GCHQ. Der Finder der Taube, David Martin, mag sich damit nicht recht zufrieden geben. Er zweifelt öffentlich daran, dass der Text wirklich nicht zu deciffrieren ist: Die Nachricht sei entweder sensibel oder werfe keine gutes Licht auf die Operationen britischer Agenten hinter den feindlichen Linien in Frankreich, vermutete er gegenüber der "New York Times".

Unwahrscheinlich sei die nach dem Fund der Taube diskutierte Vermutung, dass die Nachricht von einem SOE-Agenten in Europa an die legendäre Codeknacker-Zentrale Bletchley Park gehen sollte, heißt es bei der "BBC". Erstens hätte ein Agent wohl nicht das offizielle Papier für Taubennachrichten verwendet, heißt es. Und zweitens seien in Bletchley Park vor allem deutsche und japanische Nachrichten entschlüsselt worden - eher keine britischen.

chs
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