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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Es geht nicht mit Gas – aber auch nicht ohne

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, Ressortleiter Wissenschaft
Von Kurt Stukenberg, Ressortleiter Wissenschaft
Die EU hält an ihrem Plan fest, klimaschädliches Gas künftig »nachhaltig« zu nennen. Aber wird die umstrittene Taxonomie vielleicht doch noch gekippt? Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserin, lieber Leser,

die EU-Kommission ist offenkundig wild entschlossen, ihren bisher ganz passablen klimapolitischen Ruf zu ruinieren. Denn trotz erheblicher Kritik hält Brüssel an dem Ende Dezember gemachten Vorschlag fest, Atomkraft und sogar fossiles Gas vorübergehend als »nachhaltig« einzustufen. Am Mittwoch legte Brüssel den entsprechenden Rechtsakt zur Taxonomie vor.

Das überrascht insofern, als Kommissionschefin Ursula von der Leyen die EU mit dem Green New Deal in den vergangenen Jahren international als Klimavorreiterin positionierte. Das Ziel lautet, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt zu machen. Und auch die Idee der Taxonomie ist eigentlich eine gute: Indem die EU eine Art Gütesiegel für einwandfrei grüne Investitionen vergibt, können sich Anleger besser orientieren und einfacher nachweisen, dass sie ihr Geld in nachhaltige Projekte stecken. Dadurch würde der Energiewende mehr Geld zufließen, so der Plan. In dieses Regularium einen klimaschädlichen fossilen Brennstoff wie Gas aufnehmen zu wollen, ist allerdings eine Gaukelei erster Güte.

Im Europaparlament formiert sich Widerstand

Inzwischen fordern Österreich, Dänemark, Schweden und die Niederlande deshalb, Gas aus der Taxonomie zu streichen, denn dieses als grün zu bezeichnen, sei wissenschaftlich nicht haltbar. Hinzu kommt, dass eine Zustimmung zu dem Plan im EU-Parlament längst nicht mehr so sicher ist, wie es zunächst schien. »Ich sehe eine Chance, dass diese Taxonomie keine Mehrheit findet«, sagt  Joachim Schuster, der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Gruppe. Für eine Ablehnung würden 350 Abgeordnete benötigt, 100 bis 150 Stimmen fehlten noch. Die Grünenfraktion ist ohnehin dagegen. Auch Markus Ferber, wirtschaftspolitischer Sprecher der Christdemokraten im Parlament, sagt : »Es wird knapp werden bei der Abstimmung.«

Es gibt nun zwei Möglichkeiten, wie das Ganze ausgeht. Entweder, der Vorschlag geht im Parlament und Ministerrat durch (was eher wahrscheinlich ist) und setzt damit neue Maßstäbe in staatlich organisiertem Greenwashing. Oder aber: Den EU-Parlamentariern gelingt es irgendwie doch noch, das gesamte Projekt zu Fall zu bringen – was für die Konstrukteure dann aber ziemlich peinlich würde und auch das Problem nicht löst, wie man Investitionen in Brückentechnologien sicherstellt, die zwar nicht nachhaltig sind, die man aber zur Begleitung der Energiewende noch eine Zeit lang benötigt.

Wenn das Gas verschwindet – kommt dann die Kohle zurück?

Denn man wünscht sich den Energieträger regelrecht herbei , wenn man sieht, was sonst drohen könnte: Wie eine Untersuchung des Thinktanks Ember  gerade gezeigt hat, helfen die explodierenden Gaspreise nämlich gerade dabei, das Ableben der Kohlekraft hinauszuzögern  – der klimaschädlichsten Form der Energieerzeugung schlechthin.

Die Kohleverstromung in der EU ist in den vergangenen Jahren gesunken, in die Lücke stießen erneuerbare Energien und Gas. Seit 2019 aber ist die Kohlenutzung demnach nur noch um drei Prozent zurückgegangen, verglichen mit einem Minus von 29 Prozent in den zwei Jahren zuvor. Weil Gas extrem kostspielig geworden ist, verdrängen neue Kapazitäten von Wind- oder Solarstrom nun zunehmend Gaskapazitäten aus dem Markt, Kohle hingegen kaum noch, dabei müsste aus Klimaschutzsicht die vordringlichste Aufgabe das Beenden jeglicher Kohlenutzung sein – so schnell wie möglich.

Echter Klimaschutz geht nicht mit Gas – vorübergehend aber wohl auch nicht ohne. Anreize für den Betrieb entsprechender Back-up-Kraftwerke zu setzen, wäre also richtig. Als »nachhaltig« muss man den fossilen Energieträger deshalb noch lange nicht einstufen. Und man sollte es auch nicht.

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Selbst wenn der Strombedarf allein durch erneuerbare Energien gedeckt würde – bis auch die Wärmeversorgung gänzlich grün ist, wird es noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit wird auch fossiles Gas benötigt.

Selbst wenn der Strombedarf allein durch erneuerbare Energien gedeckt würde – bis auch die Wärmeversorgung gänzlich grün ist, wird es noch eine Weile dauern. In der Zwischenzeit wird auch fossiles Gas benötigt.

Foto: Florian Gaertner / photothek / picture alliance

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