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für Autofahrer in den Niederlanden beginnt im Jahr 2020 eine neue Zeitrechnung. Von da an gilt ein niedrigeres, aus deutscher Sicht geradezu unfassbar niedriges, die Menschenwürde verletzendes Tempolimit auf den Autobahnen. Statt wie bisher mit bis zu 130 km/h dürfen die Niederländer tagsüber nur noch mit 100 Stundenkilometern unterwegs sein.

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Heft 47/2019
Von Watergate bis Trump - Macht und Tragik der Whistleblower

Mit einem Schlag verwandelt sich unser Nachbarland in eine Teststrecke. Forscher erwarten folgende Konsequenzen: Zu Beginn könnte es mehr Unfälle geben, weil sich gelangweilte Autofahrer vermehrt nebenher mit ihren Handys beschäftigen. Aber nach der Anfangsphase, in der die Polizei das Tempolimit hart durchsetzen muss, könnten sich wahre Wunder ereignen.

Hollandse Hoogte/ imago images

Es wird weniger Zusammenstöße und weniger Tote und Verletzte geben. Die Fahrer werden Geld sparen, weil ihre Autos weniger Treibstoff verfeuern. Den Auspuffen entweichen weniger gesundheitsschädliches Stickstoffdioxid und weniger vom Klimagas Kohlendioxid. Die Reichweite von E-Autos steigt. Die Lärmbelastung für Anwohner sinkt. Das Stresslevel auf der Straße nimmt ab. Trotzdem werden viele Fahrer früher zu Hause sein, denn der Verkehrsfluss wird sich spürbar verbessern. Langsamere Autos brauchen weniger Sicherheitsabstand, es passen schlicht mehr von ihnen auf die vollen Straßen. Das einheitlichere Tempo führt zudem dazu, dass weniger Überholvorgänge und Bremsmanöver nötig sind - und das wiederum reduziert die Zahl der nervtötenden Phantomstaus.

Alle fahren langsamer. Alle profitieren. Aber natürlich sind nicht alle zufrieden. Auch in den Niederlanden wollen manche Fahrer auf der Straße vor allem ihre Freiheit ausleben. Diese Leute hat die Regierung in Den Haag jetzt auf eine Weise düpiert, die in Deutschland nicht vorstellbar ist. Aber allzu wütend sollten die Schnellfahrer nicht sein: Ihnen bleibt ja immer noch die deutsche Autobahn.

Herzlich

Ihr Marco Evers

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

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  • Ein ungewöhnlicher Erdbebenschwarm plagt derzeit das Schweizer Kanton Wallis mit seinen Alpenresorts und Weingütern. Seit Anfang November bebte die Erde dort mehr als 200 mal. Der Seismologe Tobias Diehl erklärt, woran das liegen könnte.
  • Was ist die tödlichste Waffe des 20. Jahrhunderts? Die Atombombe? Keineswegs. Mehr als hundert Millionen Exemplare des einst sowjetischen, nun russischen Sturmgewehrs AK 47 wurden seit 1947 gebaut, sie haben Millionen Menschen den Tod gebracht. Der Geburtstag von Michail Kalaschnikow jährt sich jetzt zum 100. Mal. Erst gegen Ende seines Lebens bereute er seine Erfindung.
  • Wie intelligent sind heutige Menschenaffen im Vergleich zur Vormenschin "Lucy", die vor drei Millionen Jahren lebte? Australische Forscher sagen: Heutige Gorillas und Schimpansen haben viel mehr auf dem Kasten als Lucy, der Australopithecus.
  • Wann kommt der nächste El Niño? Forscher aus Deutschland und Israel haben ein neuartiges Vorhersagemodell für das Klimaphänomen entwickelt, das weiter in die Zukunft blicken kann als die bisherigen. Sie wagen die Prognose: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent kehrt El Niño Ende 2020 zurück - schlechte Nachrichten für Menschen in vielen Teilen der Welt, wo es je nach Region zu vermehrten Dürren, Überschwemmungen, Erdrutschen und Waldbränden kommt.
  • Sie hoffen, dass die vielen Topfpflanzen in Ihrem Wohnzimmer Ihnen bessere Atemluft bescheren? Vergessen Sie's und lüften Sie lieber mal. Die Pflanzen sind schön, aber sie nützen Ihnen nicht.

Quiz*

Was ist die "Kritische Masse"? Eine Protestbewegung? Ein Begriff aus der Atomphysik? Eine Marke für gesundheitsschädliches Übergewicht?

Welche große mathematische Leistung wird Thales von Milet zugeschrieben? Die Berechnung des Inhalts rechtwinkliger Dreiecke? Die Exponentialrechnung? Die Berechnung der Höhe einer Pyramide?

Was bezeichnet man als "negativen Sturz"? Einen Sportunfall? Die Art der Radaufhängung eines Fahrzeugs? Den Abdruck einer Kuchenform?

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Bild der Woche

Daniel López/ TeideLab HANDOUT/ EPA-EFE/ REX

Ein Spannungsfeld von bemerkenswerter Ausdauer entlud sich in dieser stürmischen Nacht Ende Oktober über den Kanarischen Inseln. Mehr als 2000 Blitze erleuchteten den Himmel, allerdings nicht alle im selben Moment, wie dieses Foto vermuten lassen könnte. Es handelt sich um eine Montage von 200 Einzelbildern, die in der Nähe des Vulkans Teide auf Teneriffa aufgenommen wurden - ein spektakuläres Lichtspiel.

Fußnote

2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Diabetes und wissen noch nichts davon, schätzt die Deutsche Diabetes Gesellschaft. Anfangs sind die Symptome bei Diabetes Typ 2 nicht offensichtlich, oft macht sich erst später der erhöhte Blutzuckerspiegel bemerkbar. Die Fachgesellschaft empfiehlt deshalb, Patienten ab 50 Jahren bei einem Krankenhausaufenthalt routinemäßig auf die Stoffwechselstörung hin zu untersuchen.

Die SPIEGEL+- Empfehlungen aus der Wissenschaft

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  • Umwelt: Vom Segen der Verwesung - Wissenschaftler erforschen die Bedeutung von Aas für Ökosysteme

* Quiz-Antworten: Die "Kritische Masse" beschreibt in der Atomphysik die Mindestmasse spaltbaren Materials, ab der eine Kettenreaktion der Kernspaltung in Gang kommt. / Thales berechnete als junger Mann die Höhe der Pyramiden von Gizeh, indem er ihre Schattenlänge mit der eines Gegenstands bekannter Höhe verglich. / Von "negativem Sturz" spricht man im Fahrzeugbau, wenn ein Rad nicht lotrecht sondern schräg zur Fahrtrichtung mit der Unterseite nach außen angebracht ist.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
Ruhrsteiner 16.11.2019
1. Was der Autor vergessen...
hat zu erwähnen, dass die Flüssiggasversorgung statt Benzin oder Diesel bereits vor Jahrzehnten zu einer hocheffektiven Kraftstoffalbernative in den NL aufgebaut wurde, was bereits zu einer nicht zu unterschätzenden Reduktion der verkehrsbedingten CO2-Emissionen beigetragen hat. In Belgien war und ist es genau so. Eine Tabuisierung des Individualverkehrs als solchem ist der völlig falsche Ansatz. Na ja, vielleicht wird das neue TESLA-Automobilwerk in Brandenburg ja die bundesdeutsche E-Mobilität professionalisieren. An den Niederlanden hat man sich leider hierzulande bisher leider zu wenig orientiert, wohl nach dem Standardmotto: Wir schaffen das (alleine?).
Bibs1980 16.11.2019
2.
Das Tempolimit in den Niederlanden wird wegen Überschreitung der EU-Stickoxid-Grenzwerte gesenkt. Dass durch geringeres Tempo zusätzlich die CO2-Emissionen senkt, weil halt eben weniger Sprit verbrannt wird bei gleicher Gesamtkilometerzahl, ist ein angenehmer Nebeneffekt.
sundance1965 16.11.2019
3. Der deutsche Begriff von "Freiheit" . . .
. . . ist ja auch nur für Autonarren zu verstehen. Freiheit kann ja auch sein: - der Meeresspiegel bleibt wo er ist und das Meer läuft nicht in mein Haus. - Das Klima bleibt so wie es ist. - Ich darf auch mal einen LKW überholen ohne von einem "Hüter der linken Spur" bedrängt zu werden. - Ich kann frische Luft atmen - Ich komme schnell an mein Ziel ohne bedrängt zu werden. Offenbar sehen die Niederländer das auch so.
Ruhrsteiner 16.11.2019
4. zu 2.: Eine Überschreitung der EU-Stickoxid-Grenzwerte....
in den NL dürfte bei dem dort hohen LKW-Aufkommen (Rotterdam ist der größten Übersee-Import-Exporthafen der EU) und damit den Dieselmotoremissionen in ursächlichem Zusammenhang stehen, da liegt es natürlich noch grundsätzlich ziemlich im Argen mit Alternativen zur Dieselmotortechnik für LKW. Von schweröbetriebenen Schiffsmotoren ganz zu Schweigen. Ich frage mich allerdings zu dem was dazu zu lesen ist, ob das alles "Remakes" des alten einstigen Katalysator-Märchens für PKW sind.
Flari 16.11.2019
5.
Zitat von Ruhrsteinerhat zu erwähnen, dass die Flüssiggasversorgung statt Benzin oder Diesel bereits vor Jahrzehnten zu einer hocheffektiven Kraftstoffalbernative in den NL aufgebaut wurde, was bereits zu einer nicht zu unterschätzenden Reduktion der verkehrsbedingten CO2-Emissionen beigetragen hat. In Belgien war und ist es genau so. Eine Tabuisierung des Individualverkehrs als solchem ist der völlig falsche Ansatz. Na ja, vielleicht wird das neue TESLA-Automobilwerk in Brandenburg ja die bundesdeutsche E-Mobilität professionalisieren. An den Niederlanden hat man sich leider hierzulande bisher leider zu wenig orientiert, wohl nach dem Standardmotto: Wir schaffen das (alleine?).
Sie sind es, der vergessen hat, sich schlau zu machen, um Zusammenhänge zu verstehen. Die thermische Rohöldestillation ist die ursprüngliche und billigste Form, Rohöl in verwertbare Produkte zu wandeln. Dabei fallen automatisch 2,5% bis 3% Flüssiggase wie Butan und Propan, also LPG an, wofür man natürlich auch Abnehmer braucht. Da in Belgien und den Niederlanden bedeutend mehr Rohöl raffiniert wird, als im Inland benötigt wird, stehen allein an Flüssiggas entsprechende Mengen billiges LPG zur Verfügung, dessen Transport über weite Strecken aber teuer ist/wäre. Der inländische Verbrauch über LPG-Fahrzeuge bietet sich daher an. In Deutschland besteht aber eine riesige chemische Industrie, die alleine mehr Flüssiggas benötigt, als deutsche Raffinerien alleine mit der thermischen Rohöldestillation anfällt, LPG-Fahrzeuge und andere Flüssiggasanwendungen kommen on top. Mittels den diversen (teuren) Crackingverfahren erhöhen deutsche Raffinerien die Flüssiggasanteils drastisch, dennoch müssen riesige Mengen an LPG zusätzlich importiert werden. Es bestehen in DE also ganz andere Voraussetzungen, als in BE und NL.
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