SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. November 2010, 15:10 Uhr

Testosteron, Sex und Fingerlänge

Urmenschen waren männlicher

Wie oft wechseln Männer ihre Sexualpartner? Die Fingerlänge verrät dabei so einiges, denn das Hormon Testosteron hat Einfluss auf das Wachstum. Jetzt haben Paläoanthropologen dem modernen Menschen und seinen Vorfahren auf die Finger geschaut - und Erstaunliches über ihr Verhalten herausgefunden.

Wann ist ein Mann ein Mann? Genetisch betrachtet, ist die Frage einfach: Auf dem männlichen Y-Chromosom sitzt ein Gen, das beim Embryo die Hodenbildung anstößt. Diese Geschlechtsdrüse produziert vor allem das Sexualhormon Testosteron, jenen mächtigen Botenstoff, der für die wichtigsten Unterschiede zwischen Mann und Frau verantwortlich ist. So bewirkt Testosteron nicht nur, dass ein Penis sowie die Samenleiter entstehen. Es sorgt auch etwa dafür, dass Männer eine stärkere Körperbehaarung haben und in ihrem Verhalten anders als Frauen geprägt sind.

Testosteron, so eine seit längerem bekannte Annahme, beeinflusst auch die Länge des Ringfingers im Verhältnis zum Zeigefinger: Je mehr ein männliches Embryo im Mutterleib mit Testosteron in Kontakt kommt, desto kürzer wird der Zeige- und desto länger der Ringfinger. Genau diesen Zusammenhang haben Wissenschaftler genutzt, um Rückschlüsse auf das soziale Verhalten des Neandertalers zu ziehen.

Wie das Team um Emma Nelson von der University jetzt in den "Proceedings of the Royal Society B" berichtet, tendierten Neandertaler demnach eher zu häufigem Partnerwechsel als zur monogamen Lebensweise. Denn wie die Forscher herausfanden, besaßen sie einen relativ kurzen Zeige- und einen vergleichsweise langen Ringfinger - ein typisches Merkmal für heute lebende Primaten, bei denen die Männchen ständig um die Weibchen konkurrieren müssen. Schimpansen und Gorillas etwa weisen dieses Merkmal auf, während monogam lebende Gibbons fast gleich lange Zeige- und Ringfinger heben.

Doch die Menge an Testosteron im Mutterleib beeinflusst nicht nur das Finger-Verhältnis: Ein hoher Hormonspiegel geht auch mit einer dominanteren, eher zu Aggressionen neigenden Persönlichkeit einher.

Solche Individuen können sich vor allem in Konkurrenzsituationen behaupten, wie sie beispielsweise in Gesellschaften herrschen, in denen es keine festen Paarbindungen gibt. Und tatsächlich: Bei Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans dominieren meist Individuen mit langen Ring- und kurzen Zeigefingern. Beim Menschen dagegen gibt es eine große Bandbreite an Fingerlängenverhältnissen und dazu passend auch viele verschiedene Partnerschaftsmodelle.

Evolution des Fingerknochen-Verhältnis

Nelson und ihre Kollegen untersuchten deshalb die Fingerknochen einer Reihe früherer Hominiden. Dazu gehörten der vor etwa 12 Millionen Jahren ausgestorbene Pierolapithecus catalaunicus, der Orang-Utan-ähnliche Hispanopithecus laietanus, der vor etwa 9,5 Millionen Jahren lebte und Ardipithecus ramidus, rund 4,4 Millionen Jahre alt, der entweder ein direkter Vorfahr der Menschen oder ein enger Verwandter unserer Urahnen war. Dazu kamen noch Australopithecus afarensis, der als echter Menschenvorfahr gilt, der Neandertaler und ein 90.000 Jahre alter Homo sapiens.

Die frühen Spezies hatten alle ein ähnliches Fingerlängenverhältnis wie die heutigen Menschenaffen, zeigte die Analyse - sie lebten demnach vermutlich in promiskuitiven Gruppen. Das änderte sich erst bei Australopithecus: Seine Fingerlängen deuten auf eine monogame Lebensweise hin. Beim Neandertaler und auch beim frühen Homo sapiens ergibt sich kein ganz eindeutiges Bild.

Obwohl das Fingerlängenverhältnis bei allen bekannten Menschenaffen inklusive des Menschen direkt mit der jeweiligen Gesellschaftsstruktur korreliert, geben die Forscher selbst zu: Ein wenig gewagt sei es schon, aus der Fingerlänge auf das Sozialverhalten einer ausgestorbenen Spezies zu schließen. Dennoch halten sie ihre Folgerungen für legitim - und hoffen, die Gültigkeit ihrer Methode mit Hilfe weiterer Funde bestätigen zu können.

Beim Menschen haben Männer übrigens durchschnittlich ein kleineres Zeige-Ringfinger-Längenverhältnis als Frauen, das heißt, sie haben im Allgemeinen kürzere Zeigefinger und längere Ringfinger. Es gibt jedoch auch Frauen mit eher männlichen Fingerlängen und umgekehrt auch manche Männer, die fast gleich lange Finger haben.

Besonders ausgeprägt ist der Längenunterschied bei Autisten, die der gängigen Theorie nach im Mutterleib überdurchschnittlich vielen männlichen Hormonen ausgesetzt sind. In einigen Bevölkerungsgruppen tritt ein großer Längenunterschied gehäuft auf. Bei diesen sind oder waren bis vor Kurzem interessanterweise Partnerschaftsmodelle verbreitet, die nicht auf der klassischen monogamen Paarbindung basieren.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war von einem "Penis mit einem Samenleiter" die Rede. Dieser Satz war falsch. Korrekt muss es lauten, dass "ein Penis sowie die Samenleiter entstehen". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

cib/ddp

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung