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18. August 2004, 13:23 Uhr

Teure Fachmagazine

Aufstand gegen die Hüter des Wissens

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Verlage verdienen kräftig mit, wenn Wissenschaftler ihre Ergebnisse publizieren. Doch unter Forschern wächst die Wut über Gängelei und horrende Kosten. Gratis-Journale im Internet sollen die Front der etablierten Zeitschriften brechen und die Forschungspublikation revolutionieren.

Als Reporter auf einer Wissenschaftskonferenz erhält man schnell einen Eindruck, wie es beim Publizieren aktueller Forschungsergebnisse zugeht: "Schreiben Sie das nicht, wir bekommen es sonst in der Fachpresse nicht mehr veröffentlicht", erklären Vortragsredner, die gerade noch stolz den Laser-Pointer auf ihre neusten Geistesfrüchte gerichtet haben.

Forscherkarrieren hängen weltweit von eindrucksvollen Veröffentlichungslisten ab. Denn nur wer es möglichst oft in die angesehenen Journale schafft, kann sich wissenschaftliche Meriten verdienen. Das geltende Verdikt lautet: "Publish or perish" - veröffentliche oder verende. Doch um die Arbeiten zu publizieren, müssen diese von Verlagen akzeptiert werden - und zwar zu deren Bedingungen.

Internationale Wissenschaftsverlage wie Marktführer Elsevier Reed, John Wiley oder Springer publizieren regelmäßig Zehntausende von Zeitschriften und organisieren so die Verbreitung des neuesten Wissens in den Fachzirkeln. Mit dem wachsenden Spezialisierungsgrad steigt aber auch beständig die Zahl der Journale.

Und ebenso wächst seit Jahren die Unzufriedenheit mit einem System, das mittlerweile vor allem den Verlagen nutzt. Ihnen spülte die Publikationsmethode in den vergangenen Jahren ansehnliche Gewinne in die Kassen.

Doch es formiert sich eine Gegenbewegung. In der Wissenschaft, so fordert eine zunehmende Reformerschar, soll der Zugriff auf die Erkenntnisse für alle Interessierten frei und kostenlos sein: "Open Access" über das Internet.

Die sprachliche Anlehnung an die "Open Source"-Bewegung von Programmierern ist kein Zufall. Hier wie da geht es um geistige Inhalte, die schnell und kostenlos im Netz ausgetauscht werden. Dass solch ein Konzept gut funktionieren kann, hat das Betriebssystem Linux als Flaggschiff der Open-Source-Bewegung bereits bewiesen.

Astronomische Gewinne

Fachblatt "Nature": "Publish or perish"
Nature

Fachblatt "Nature": "Publish or perish"

Den Instituten und Universitäten käme Open Access gerade recht. Ihre Bibliotheken ächzen unter den Kosten für die zahllosen Fachblätter, die ihnen die Verlage aufbrummen. "Wir haben zunehmend Probleme, die wichtigen Zeitschriften zu abonnieren. Trotz unserer stagnierenden Etats langen einige Verlage mit regelmäßigen kräftigen Preiserhöhungen für die Subskriptionen zu", erklärt Klaus Franken, der als Leiter der Universitätsbibliothek an der Uni Konstanz das fehlende Berufsethos der betreffenden Verlage beklagt. "Verlagsleitungen versprechen ihren Anlegern üppige 20-Prozent-Renditen. Da gibt es völlig überzogene Erwartungen."

Besonders ärgert Franken, dass die meist mit Steuergeldern bezahlte Forschung im vorherrschenden System teuer zurückgekauft werden muss. "Um in möglichst renommierten Publikationen zu erscheinen, müssen die Wissenschaftler das exklusive Urheberrecht an die Verlage übertragen."

Mit diesem Verwertungskotau ist dem Preisdiktat vor allem in den so genannten STM-Disziplinen, also "Science, Technology und Medicine", Tür und Tor geöffnet: "Subskriptionen von über 6000 Euro pro Zeitschrift und Jahr sind keine Seltenheit", klagt der Konstanzer Jurist. Die ihrem Fachgebiet verhafteten Forscher sind oft ahnungslos, welche astronomischen Preise die Bibliotheken aufbringen.

Doch der Bogen ist mittlerweile überspannt, Franken spricht von einer Zeitschriftenkrise: "Mit den Abbestellungen von Fachblättern zieht die Kommunizierung der Wissenschaft den Kürzeren."

Doppelt bezahltes Wissen: Lesen Sie im zweiten Teil, wie die Verlage die öffentlich finanzierte Forschung zu Geld machen

Fachmagazin "Science": Exklusives Copyright an die Verlage
Science

Fachmagazin "Science": Exklusives Copyright an die Verlage

Auch Nicht-Wissenschaftler haben das Nachsehen. Auf Interessierte, die aktuelle Originalaufsätze über die Websites der Journale herunterladen wollen, wartet eine teure Überraschung: 30 Dollar etwa für einen einzelnen "Nature"-Artikel machen größere Recherchen schon im Ansatz unbezahlbar.

Das Renommee einer Wissenschaftszeitschrift speist sich aus mehreren Quellen. Unbedingt nötig ist ein so genanntes peer-review-Verfahren, also ein Begutachtungsprozess für eingereichte Artikel durch externe Experten. Dieser oftmals steinige und mit Korrekturdurchläufen gepflasterte Weg kann den Autoren starke Nerven abverlangen. Dafür genießt das Werk danach die Aura der erfolgreichen Prüfung durch einen quasi-objektiven Wissenschafts-TÜV.

Geheimnisvolle Preisgestaltung

Das editorial board, ein der Zeitschrift angegliedertes Expertengremium, kann außerdem zum Renommee seines Blattes beitragen. Hohe Nimbus-Werte erzielt dasjenige Journal, dessen Gremium mit klangvollen Namen der betreffenden Wissenschaftsgemeinde besetzt ist. Auf statistischer Basis schließlich fußt der so genannte impact factor. Er beschreibt, wie oft eine Zeitschrift in einem festgelegten Zeitraum zitiert wurde und soll - mathematisch unangreifbar - die wissenschaftliche Relevanz des Blattes belegen.

Wieso die Publikationen allerdings so teuer sind, bleibt ein verlegerisches Geheimnis. Die Gutachter des peer review und das editorial board arbeiten in der Regel ehrenamtlich, und die Autoren müssen ihre Arbeit nach Redaktionsvorgabe druckfertig einreichen. Layout-Kosten werden so frühzeitig abgewälzt.

Autorenhonorare zahlen die Verlage nicht - im Gegenteil: Für Extras, etwa Farbabbildungen, wird zuweilen zusätzlich kassiert. Da können durchaus 1700 Euro pro Aufsatz zusammenkommen.

Die Sprecherin der deutschen Niederlassung eines Wissenschaftsverlages räumte ein, dass es in den neunziger Jahren zu einer Preisspirale gekommen sei, die zu Abbestellungen von Zeitschriften geführt habe. Gleichzeitig verwies sie auf die Kosten der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle, die auch beim Publizieren nach dem Open-Access-Modell anfielen: "Das sind beides unterschiedliche Business-Modelle." Zusammen mit den Bibliotheken würden Auswege gesucht.

Prinzip offener Zugang

Doch die Unzufriedenheit grassiert, und Alternativen zu den elitären Wissens-Verwahranstalten der Verleger wachsen im Internet heran. Die schwedische Universität Lund etwa hat eine Liste von "Open Access"-Journalen aus allen Wissenschaftsgebieten zusammengestellt, die beständig aktualisiert wird. Über 1100 Publikationen sind dort mittlerweile aufgeführt, in den letzten zwei Monaten wurden 16 Journale neu dem Verzeichnis hinzugefügt. Voraussetzung für die Aufnahme ist eine Prüfung eingereichter Arbeiten über ein peer-review oder eine redaktionelle Qualitätskontrolle. "Die Zahl der Publikationen wächst schnell", sagt Projektkoordinatorin Lotte Jorgensen. "Wissenschaftliches Veröffentlichen per Open Access ist ein sich beschleunigender Prozess."

Auch die Forschungspolitik beobachtet die Open-Access-Bewegung mit wachsendem Interesse. Ein Ausschuss des britischen Parlamentes empfahl kürzlich in seinem Abschlussbericht, dass alle publizierten Forschungsarbeiten online kostenlos und frei zugänglich gemacht werden sollen.

In ihrer "Berliner Erklärung" hielten bereits im vergangenen Herbst die wichtigen deutschen Wissenschaftsorganisationen das Prinzip des offenen Zugangs hoch und verkündeten, ihre Forscher anzuhalten, in Open-Access-Medien zu publizieren.

Wortgewaltiger drückt es Medizin-Nobelpreisträger Harold Varmus aus. Er sieht eine grundlegende Umwälzung im Anmarsch und will die Wissenschaftler überzeugen, "Teil der Revolutionsarmee zu werden". Ein ambitioniertes Ziel, denn im täglichen Konkurrenzkampf werden viele seiner Kollegen weiterhin auf Traditionsblätter wie "Science" oder "Nature" als renommierte Karriereverstärker setzen.

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