Hirnforschung Was macht den Menschen zum Menschen?

Wir können uns in eine andere Person hineinversetzen - diese Fähigkeit macht den Menschen zu einem äußerst erfolgreichen sozialen Wesen. Aber von welchem Alter an sind wir dazu in der Lage?
Neugeborene Babys

Neugeborene Babys

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance / dpa
Foto: DER SPIEGEL/ Rick Friedman

Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

"Babys sind keine richtigen Menschen", sagte mir kürzlich George Church. Er ist eine der schillerndsten Figuren der Bostoner Biotech-Szene und stets zu haben für Provokationen. In diesem Fall jedoch wollte er nur zum Ausdruck bringen, was kaum jemand bestreiten würde: Einem Baby fehlen noch viele der Eigenschaften, die wir normalerweise als Inbegriff des Menschseins begreifen.

Was aber macht dann den Säugling zum ganzen Menschen? Eine neue Studie aus dem Hirnforschungsinstitut des MIT gibt Antworten. Die Neurobiologin Rebecca Saxe öffnet Einblicke in einen wichtigen geistigen Reifungsprozess. Im Kernspintomographen konnte sie verfolgen, wie sich im Kleinkindgehirn ein erstes zwischenmenschliches Verständnis regt.

Saxe beschäftigt sich mit einem Phänomen, das die Psychologen "Theory of Mind" nennen. Gemeint ist damit eine Fähigkeit, ohne die unser Miteinander in einer modernen Gesellschaft wohl nicht möglich wäre: das Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen. Erst mit dem Erwachen dieses Sinns wird der Mensch zum sozialen Wesen.

Es gilt zwar als wahrscheinlich, dass diese Begabung zumindest in rudimentärer Form auch bei einigen Tieren, etwa bei Schimpansen, vorhanden ist. Doch kein anderes Geschöpf ist in so differenzierter Form in der Lage, sich in die Gedankenwelt seiner Artgenossen einzufühlen, wie der Mensch.

Die "Theory of Mind", so lehren es die Entwicklungsbiologen, tritt bei Kindern zuerst im Alter von vier Jahren auf. Dann jedenfalls bestehen sie den sogenannten "False-Belief-Test", bei dem Jüngere versagen.

Wo ist der Schatz?

Dieser Test wird typischerweise mit Puppen durchgeführt. Die kleinen Probanden sehen, wie Kasperl die Bühne betritt und einen Schatz in einer Kiste verstaut. Nachdem er abgetreten ist, kommt Seppl, holt den Schatz aus der Kiste und versteckt ihn hinter dem Vorhang. Wenn nun Kasperl zurückkehrt, wo wird er suchen? Nur die älteren Kinder begreifen, dass er ja nichts davon weiß, dass der Schatz jetzt hinter dem Vorhang ist.

Schon vor 15 Jahren ist es Saxe gelungen, die "Theory of Mind" im Gehirn zu lokalisieren. Sie schob Probanden in den Kernspintomographen und stellte fest, dass stets dieselbe Hirnregion aktiv war, wenn die Testpersonen in der Röhre sich in Gedanken oder Gefühle anderer hineinversetzen sollten. Unser Einfühlungsvermögen sitzt demnach oberhalb des rechten Ohrs, genau an der Stelle, wo Scheitel- und Schläfenlappen des Großhirns aneinandergrenzen.

Auch bei fünfjährigen Kindern, so konnte Saxe damals zeigen, ist die Funktion dieses Hirnareals bereits nachweisbar. Bei noch jüngeren Kindern dagegen, die im "False-Belief-Test" durchfallen, scheiterten die Versuche der Forscherin lange - allerdings nicht, weil es diesen Kindern an der entsprechenden Hirnaktivität gefehlt hätte, sondern schlicht, weil sich diese nicht messen ließ. Alles gute Zureden half nicht: Die Kleinen wollten nicht lang still in der Tomographenröhre liegen bleiben.

Erst jetzt ist es Saxe schließlich geglückt - weil sie sich ein Zaubermittel zunutze machte, das eigentlich alle Eltern bestens kennen: Wenn man Kinder stillstellen will, dann hilft nichts so gut wie die Glotze. Saxe führte den im Tomographen liegenden Kindern einen Kurzfilm vor, der ihr Einfühlungsvermögen forderte.

Es geht darin um eine Wolke, die Tierbabys produziert , um sie dann einem Storch zur Auslieferung zu übergeben. Die meisten der Wolken stellen kuschelige Küken oder Welpen her - bis auf eine, die gebiert kleine Alligatoren und Stachelschweine. Den Storch stellt das vor schmerzhafte Zustellungsprobleme.

"Theory of Mind" entwickelt sich schrittweise

Und siehe da: Das Wolkendrama war spannend genug, die Kinder blieben gebannt liegen. Saxe konnte ihre Hirntomogramme aufnehmen und stellte fest: Selbst bei Dreijährigen regte sich Aktivität in der Schläfen-Scheitel-Grenzzone, und zwar genau bei denselben Filmszenen, bei denen diese Region auch bei erwachsenen Betrachtern aufflackerte. Allerdings war der Effekt bei den Kleinen weniger deutlich ausgeprägt. Zudem war ihr Gehirn beidseitig aktiv, die Spezialisierung der rechten Hemisphäre, wie sie bei Älteren zu finden ist, entwickelt sich offenbar erst später.

Saxe wertet ihre Ergebnisse als Indiz dafür, dass die "Theory of Mind" in der kindlichen Entwicklung nicht plötzlich auftritt, wie es viele Forscher vermutet hatten, sondern dass sich diese Fähigkeit allmählich und schrittweise herausbildet. Selbst bei Zweijährigen seien möglicherweise schon Vorformen des Einfühlungsvermögens zu finden.

Andererseits, merkt die Forscherin an, sei die Entwicklung ja auch bei den Vier- oder Fünfjährigen noch keineswegs abgeschlossen. Mit Ironie etwa, die ein besonders differenziertes Nachvollziehen fremder Gedankengänge erfordert, hätten selbst acht- oder neunjährige Kinder noch Schwierigkeiten (Es sollte an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass es Menschen gibt, die dieses Entwicklungsstadium zeitlebens nicht erreichen).

Was die Studie vom MIT bedeutsam macht, sind nicht nur die Erkenntnisse über die Reifung der "Theory of Mind", sondern auch die methodischen Fortschritte: Erstmals ist es gelungen, die Hirntomographie bis fast ins Kleinkindalter auszuweiten. Viele andere geistige Reifungsprozesse könnten in ähnlicher Weise untersucht werden.