Soziologe über Thüringen-Wahl "AfD-Wählern geht es wirtschaftlich gut"

Wer ökonomisch abgehängt ist, wählt eher AfD? Falsch, sagt der Soziologe Alexander Yendell. Der wahre Grund für den Erfolg der Rechtspopulisten in Thüringen ist demnach Rassismus.
AfD-Kundgebung zum 1. Mai in Eisenach

AfD-Kundgebung zum 1. Mai in Eisenach

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Zur Person
Foto: Swen Reichhold/ Universität Leipzig

Alexander Yendell, Jahrgang 1975, forscht seit Jahren zu politischer Polarisierung in Deutschland. Der Soziologe ist Vorstandsmitglied des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig.

SPIEGEL: Die Erklärung für den Erfolg der AfD in Thüringen lautet häufig: Arbeitslosigkeit und niedrige Einkommen seien entscheidend - sozial Benachteiligte wählten also AfD. Wie valide ist dieses Argument?

Yendell: Unsere Modelle zeigen , dass es sich bei den genannten Faktoren um Scheinkorrelationen handelt. Ein berühmtes Beispiel einer solchen Konstellation: In Industrieländern ist die Zahl der Störche zurückgegangen. Gleichzeitig sank die Geburtenzahl. Aber lässt sich daraus schlussfolgern, dass Störche die Babys bringen? Nein. Ähnlich verhält es sich bei der AfD und der Armut.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Yendell: Wir haben durch repräsentative Umfragen eine ziemlich genaue Vorstellung von den Lebensumständen der AfD-Wähler und können berechnen, welche Faktoren es am wahrscheinlichsten machen, ob jemand rechts wählt oder nicht. Das Ergebnis: Arbeitslosigkeit und niedrige Einkommen spielen überhaupt keine Rolle. Wirtschaftliche Benachteiligung erklärt nicht den Erfolg der AfD.

SPIEGEL: Wenn strukturelle Benachteiligung keine Rolle spielt, was dann?

Yendell: Viel wichtiger ist eine grundsätzlich fremdenfeindliche Einstellung - besonders gegenüber Muslimen - gepaart mit der diffusen Angst der Überfremdung. Die Diskussion über wirtschaftliche Gründe für den Erfolg der Rechten führt also in die Irre. Das verbindende Element der AfD-Wähler ist Fremdenfeindlichkeit.

SPIEGEL: Woher kommt diese Angst?

Yendell: Das ist das Paradoxe. Im Osten ist die Fremdenfeindlichkeit dort besonders hoch, wo es kaum Ausländer gibt. Wir haben es also nicht mit einer tatsächlichen Bedrohung zu tun, sondern mit der abstrakten Befürchtung eines vermeintlichen Kulturkampfs, den Rechtspopulisten suggerieren. Wer dagegen tatsächlich Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund hat, baut Vorurteile ab. Es ist schwieriger, Menschen abzuwerten, die man kennt. In der Soziologie spricht man auch von der Kontakthypothese.

SPIEGEL: Bilden sich AfD-Wähler ihre Probleme also nur ein?

Yendell: Laut unseren Studien leiden AfD-Wähler nicht unter existenziellen Nöten. Ihnen geht es wirtschaftlich gut, aber sie haben Angst, dass sich das ändern könnte. Sie fühlen sich ständig benachteiligt, bedroht und flüchten in eine Opferhaltung.

SPIEGEL: Lässt sich die zunehmende Radikalisierung noch aufhalten?

Yendell: Wir müssen die Menschen mit ihrem Handeln konkret konfrontieren. Ein Beispiel: Ich habe einem Pegida-Anhänger bei einer Diskussionsrunde gesagt, dass ich es richtig finde, wenn er bessere Integration fordert. Aber warum engagiert er sich nicht aktiv, statt einmal die Woche auf die Straße zu gehen? Ist es nicht besser, für die Gesellschaft zu arbeiten als gegen sie? Er wusste darauf keine Antwort.

SPIEGEL: Hat die Entscheidung, lieber an einer Demonstration gegen Flüchtlinge teilzunehmen, statt sich für praktische Integrationshilfe zu engagieren, auch mit mangelnder Empathie der AfD-Wähler zu tun?

Yendell: Laut unseren Untersuchungen sind AfD-Wähler überdurchschnittlich autoritär eingestellt. Sie suchen nach jemandem, der Stärke verspricht, die sie selbst nicht haben. Gleichzeitig haben sie einen Hang zu Narzissmus. Sie halten sich für etwas Besonderes und würdigen andere herab. Umfragen haben ergeben, dass 85 Prozent der AfD-Wähler Muslime ablehnen, über 80 Prozent stimmen Vorurteilen gegen Sinti und Roma zu. Insofern: Ja, es fehlt ihnen an Mitgefühl.

SPIEGEL: Das ist ein hartes Urteil über immerhin ein Viertel der Wähler in Thüringen.

Yendell: Sicher, aber das sind nun mal unsere Forschungsergebnisse und die sollten wir nicht verschweigen. Wir möchten keine Schuldzuweisungen betreiben, aber der Wähler wird zu oft geschont.

SPIEGEL: In Thüringen haben vor allem Menschen unter 60 Jahren AfD gewählt. Gibt es dafür eine Erklärung?

Yendell: Wir wissen seit einer Umfrage aus dem Jahr 2016, dass in den neuen Bundesländern das Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit unter jungen Menschen weiter verbreitet ist als bei den Älteren. Im Westen ist es andersherum. Woran das liegt, wissen wir noch nicht genau.

SPIEGEL: Ticken die Rechten im Westen anders als im Osten?

Yendell: Rechtsextremismus ist nicht das alleinige Problem des Ostens, auch im Westen ist die AfD dort besonders erfolgreich, wo es Fremdenfeindlichkeit gibt. Die Mechanismen dahinter sind dieselben. Aber wir dürfen nicht vergessen: Mehr als 75 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Thüringen haben nicht AfD gewählt.

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