Tiefsee-Expedition Tauchfahrt zum Grab der "Bismarck"

Mehr als zwölf Stunden Enge, Nässe, Kälte, Schweißgeruch und Finsternis. Als erster Deutscher tauchte der Hamburger Dieter Heitmann zum Wrack der "Bismarck". Das deutsche Schlachtschiff liegt nach einer dramatischen Verfolgungsjagd seit 61 Jahren in 4680 Metern Tiefe auf dem Grund des Atlantik.

Von Alexander Schwabe


Die "Bismarck": Das deutsche Flaggschiff galt als unbesiegbar
AP

Die "Bismarck": Das deutsche Flaggschiff galt als unbesiegbar

Hamburg - Diese Nacht schlief Dieter Heitmann, 59, ziemlich schlecht. "Ich konnte vor Glück nicht schlafen", sagt er, und aus Angst, es könnte im letzten Moment noch etwas schief gehen. Heitmann war an Bord der "R/V Akademik Mstislav Keldysh", die am 5. Juni 2001 vom südirischen Cork aus in See gestochen war. Vor dem pensionierten Marine-Offizier lag eine der spannendsten Entdeckungsfahrten seit dem Tauchgang zur "Titanic": Eine Fahrt in einem Mini-Tauchboot zum Wrack der "Bismarck" in 4680 Metern Tiefe.

An Bord der "Keldysh" befanden sich neben der Besatzung etwa 35 Personen, darunter der Australier Mike McDowell, Inhaber der Firma "Deep Ocean Expedition", der vermutlich für viel Geld von Robert Ballard die Positionsdaten über die Lage der "Bismarck" gekauft hatte. Der US-Ozeanograf hatte das Wrack des größten Schlachtschiffs der Nazis im Juni 1989 mit Hilfe von Magnetometer, Sonarsystemen und des satellitengestützten Global Positioning Systems geortet, rund 1200 Kilometer westlich der Bretagne, 600 Kilometer vor der südirischen Küste.

"Bismarck"-Veteranen mit an Bord

Am 7. Juni erreichte die "Keldysh" die Untergangsstelle der "Bismarck". Tiefsee-Fans wie der ehemalige amerikanische U-Boot-Kommandant Fred McLaren, der bereits siebenmal unter dem Nordpol durchgetaucht ist, wie der US-Marine-Leutnant Don Walsh, der mit Jacques Piccard 1960 im Marianengraben bei Guam die mit 10.916 Metern größte Meerestiefe überhaupt erreichte, aber auch Touristen, die willens waren, 35.000 Dollar für den Trip in die kalte Tiefe hinzublättern, fieberten dem Unternehmen "Bismarck" entgegen, das darin bestand, mit den in Finnland gebauten Tauchbooten "Mir I" und "Mir II" in die Dunkelheit des Atlantik zu sinken, um den stählernen Körper des Kriegsschiffes mit eigenen Augen zu sehen.

Mit an Bord waren auch zwei Überlebende der "Bismarck"-Katastrophe: Heinrich Kuhnt aus Hannover, und Heinz Steeg aus Hamburg. Stellvertretend für sie und für den Rest der Mannschaft war Heitmann als Vorsitzender der "Kameradschaft Schlachtschiff Bismarck" angeboten worden, zum Wrack zu tauchen. Zusammen mit dem Münchner Chirurgen Thomas Bachmann sollte er der erste Deutsche sein, der zur "Bismarck" gelangte.

In die Flasche? "Ja, sicher"

Zum Frühstück hatte es nur trockenen Keks gegeben. Am Vorabend nichts zu trinken. Denn der Ausflug in die Tiefe würde mehr als zwölf Stunden dauern, und in dem Mini-U-Boot gibt es keine Toilette für die drei Mann an Bord - "ich musste aber", sagt Heitmann. In die Flasche? "Ja, sicher."

In den Tauchbooten ist es sehr eng. Heitmann hatte einen Overall angelegt, dicke Socken angezogen, denn an Bord ist es kühl, und man trägt keine Schuhe. Er hatte Handtücher mitgenommen, um das Kondenswasser von den kleinen Bullaugen zu wischen, und sich auf seine 1,70 Meter lange Liegefläche begeben, von der er sich bis zum Auftauchen "wie in einem Sarg" nicht erheben konnte.

Geruch aus Waschküche und Körperausdünstungen

"In dem Moment, als der Deckel zuging", sagt der "alte U-Boot-Fahrer", "stellte sich das vertraute Gefühl ein. Halbdunkel, Armaturenbeleuchtung. Und der Geruch - ein Gemisch von Waschküche und Körperausdünstungen. Da fühlte ich mich wohl." Bachmann führte Logbuch: 11.50 Uhr: Luke wird geschlossen. 12.05 Uhr: Beginn des Tauchgangs. 12.13 Uhr: 200 Meter. Scheinwerfer sind ausgeschaltet. Totale Dunkelheit. 15.50 Uhr: Am Heck der "Bismarck". 22.25 Uhr: Beginn des Auftauchens. 1.25 Uhr: An Bord der "Keldysh".

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Die "Mir I"-Kapsel sank mit einer Fallgeschwindigkeit von 25 Metern pro Minute in die Tiefe, der Druck auf das Gehäuse stieg mit fortschreitender Fahrt bis auf 500 Kilogramm pro Quadratzentimeter an. Der Sinkvorgang in der Finsternis dauerte rund vier Stunden - die "Bismarck" war nach dem vernichtenden Beschuss durch die Briten nicht so kontrolliert gesunken.

Geschütztürme fielen aus der Rüstung

Als das Schlachtschiff mit schwerer Schlagseite unterging, drehte es sich unter Wasser einmal um seine Längsachse. Dabei fielen die je zwei vorderen und hinteren schweren Geschütztürme aus den Halterungen. Als die "Bismarck" aufschlug, brach ein Teil des bereits beschädigten Hecks ab, der Schiffsrumpf schlitterte über mehrere hundert Meter über den Schlick und blieb auf ebenem Kiel liegen. Vorausgegangen war eine der verlustreichsten Seeschlachten des Zweiten Weltkriegs.



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