Tiere Liebe Leserin, lieber Leser,


seit vorigem Jahr habe ich ein Bienenvolk. Es haust in einer Kiste auf einer städtischen Wiese, und ich komme gern vorbei, um mir das Gewimmel Zehntausender Krabbeltiere auf den Waben anzusehen. Mir imponiert, wie tüchtig meine Bienen ihren Geschäften nachgehen, aber sie bleiben mir auch - auf faszinierende Weise - völlig fremd. Nie würde ich auf die Idee kommen, sie könnten mir etwas beibringen. Wie sollten sie auch? Honigbienen leben, wie alle Tiere, in ihrer ganz eigenen Welt. Und ihr Verhalten genügt nicht immer den Normen der aufgeklärten Verantwortungsethik. Sollte ich mir ein Beispiel daran nehmen, wie sie die Honigvorräte schwächerer Nachbarvölker plündern, sobald sich die Gelegenheit ergibt? Oder wie sie ihre alte Mutter abmurksen, wenn die - nach Jahren als amtierende Königin - in ihrer Legeleistung nachlässt?

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Heft 15/2019
Wie der Kreml die Rechtspartei für seine Zwecke benutzt

Sarah Wiener, die bekannte Köchin und Bioaktivistin, blickt offenbar ganz anders auf die Bienen. In ihrem neuen Buch "Bienenleben" erzählt sie, was sie von ihren Tieren alles lernt: Ego zurückfahren, selbstlos arbeiten, niemanden übervorteilen. Nun, das ist eine ziemlich willkürliche Auswahl aus dem Verhaltensrepertoire. Habe ich schon erwähnt, dass meine Bienen jederzeit ihre Brut fressen würden, wenn die Nahrung knapp wird?

Monika Skolimowska / DPA

Aber das Tier als vorbildliches Naturwesen ist eben gerade groß in Mode. Mir scheint, es kommen kaum noch Bücher über irgendwelche Mitgeschöpfe auf den Markt, in denen nicht behauptet wird, man könne von ihnen eine Menge fürs eigene Leben lernen. Kürzlich hatte ich eine andere Neuerscheinung auf dem Tisch, ein Buch über Vögel. "Nestwärme" steht auf dem Titel und darunter "Was wir von Vögeln lernen können". Ich fasse zusammen: fit bleiben, viel bewegen, naturbelassen futtern.

Wenn man sich mit so schlichten Allerweltsweisheiten begnügt, dann haben uns natürlich auch Ziegen und Schmetterlinge, Ameisen und Trottellummen eine Menge beizubringen. Und in der Tat, alle diese Tiere sind längst zu "Lehrmeistern" verklärt worden. Ein Bestsellerautor ließ sich von hoffentlich geschäftstüchtigen Nagern zu einer "Mäusestrategie für Manager" inspirieren; eine Fortbildungsfirma suchte sich Schafe als Mentoren ("MÄÄH-Erfolg für Führungskräfte"). Selbst das Faultier wurde bereits in einem Buch als Vorbild präsentiert, ein Meister in der Kunst des Herumhängens. Damit haben wohl bald alle Tiere ihre didaktische Zusatzqualifikation erworben, einschließlich derjenigen, denen man sonst gemeinhin mit Gift und Fallen nachstellt: Das Buch "Lehrmeister Ratte" bietet bewährte Tipps und Tricks von den "erfolgreichsten Säugetieren der Welt".

Herzlich

Ihr Manfred Dworschak

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Mir kommt die Sorge vor eingewanderten ("invasiven") Arten von Tieren und Pflanzen oft übertrieben vor. Wenn die erste Aufregung vorbei ist, hält sich der Schaden doch meist in Grenzen. Auf Hawaii zum Beispiel haben eingewanderte Vögel viele heimischen Arten verdrängt. Nun zeigt sich, dass die Neulinge die vakanten Jobs im Ökosystem - etwa beim Verbreiten von Pflanzensamen - auch ganz gut ausfüllen.
  • Bei den Erfolgen künstlicher Intelligenz wird leicht vergessen, wie viel menschliche Arbeit ihnen vorausgeht. Damit ein Computer Fahrräder auf Fotos zu erkennen lernt, muss man ihm erst einmal Abertausende Fahrräder zeigen. Und all diese Fotos muss zuvor jemand etikettiert haben - eine denkbar stupide Arbeit, die gern in Billiglohnländer ausgelagert wird. Ein Start-up in Finnland kam jetzt auf eine andere Idee: Strafgefangene übernehmen dort den Job.
  • Schon klar, dass YouTube seit Jahren die Ausbreitung von Videos mit Verschwörungstheorien und Hasspropaganda fördert - aber es überrascht mich dann doch, dass dies im vollen Wissen und mit Billigung der Unternehmensleitung geschieht. Das Publikum emotional aufzupulvern, ist eben gut fürs Klickgeschäft.
  • Unsere Vorfahren tüftelten unentwegt nützliche Dinge aus: Pfeil und Bogen, Nähnadeln, Boote. Damit zeigten sie eine Menge Verstand und Erfindergabe, möchte man meinen. Ein pfiffiges Experiment an der Universität von Exeter belegt nun, dass im Zweifelsfall das Erfinden auch mit erstaunlich wenig Grips vonstattengeht - der Mensch kann schlaue Dinge entwickeln, ohne zu verstehen, was er da tut.
  • Ich staune seit Jahren darüber, wie hartnäckig viele Medien auf den E-Zigaretten herumhacken. Mittlerweile ist immerhin anerkannt, dass diese Dampfgeräte für Raucher eine weit weniger schädliche Alternative darstellen. Die Kritik lässt trotzdem kaum nach: Was, wenn die Dampferei aber die Jugend verdirbt? Könnte sie nicht als "Einstiegsdroge" wirken? Eine große Studie im Journal "Tobacco Control" fand dafür keine Belege.
  • Forscher haben einen Weg gefunden, Pflanzen mit Superkräften auszustatten. Sie flößen ihnen dafür Metallsalze und organische Verbindungen über die Wurzeln ein, und die Pflanzen bauen sich daraus nützliche Nanoteilchen. Auf diese Weise könnte ihnen beispielsweise die Fähigkeit zuwachsen, schädliche UV-Strahlung in energiespendendes Licht umzuwandeln.
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"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)
  • Welcher Käfer kommt von weit her geflogen, wenn der Wald brennt?
  • Warum knallt eine Peitsche?
  • In welcher Sprachregion rangiert man "arschlings" in eine Parklücke?

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Mieten, bauen oder kaufen? Kaum jemand findet noch den passenden oder bezahlbaren Wohnraum. Der Immobilienmarkt in Deutschland spielt verrückt. Gleichzeitig war den Deutschen die Frage, wie will ich wohnen, noch nie so wichtig wie heute. Was sind die Ursachen dafür und wie finden wir Wege aus dieser Immobilienkrise? Überraschende Antworten stehen im aktuellen SPIEGEL WISSEN "Wohnst du schon, oder suchst du noch?", seit dem 18. Februar am Kiosk.

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Bild der Woche

Ein Augenblick der Stille in einem Windtunnel, durch den sonst gewaltige Stürme tosen: Das Langley-Forschungszentrum der Nasa in Virginia nutzt diese Röhre vor allem zum Testen senkrecht startender Flugzeuge unter realistischen Bedingungen. Ein Rotor mit einem Durchmesser von gut zwölf Metern peitscht die Luft dafür mit einem Tempo von nahezu 400 Stundenkilometern durch den Kanal.

Vincent Fournier


Fußnote

Vier Bier am Tag - an die zwei Liter - könnten das Gehirnwachstum bei jungen Menschen schon deutlich verlangsamen. Pro Jahr geriete es dadurch um rund einen Viertelmillimeter in Rückstand. Darauf deutet eine Studie an 71 Rhesusaffen hin, die Primatenforscher in Oregon durchführten. Lebenswandel und Alkoholkonsum der Affen wurden dafür genau überwacht. Sie durften sich während des Versuchs nach Belieben an den berauschenden Getränken bedienen.


Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Der Schwarze Kiefernprachtkäfer - seine Larven können sich nur im Bast verbrannter Bäume entwickeln. / Das dünne Peitschenende beschleunigt im Schwung auf etwa die doppelte Schallgeschwindigkeit - der Knall entsteht, wenn es die Schallmauer durchbricht. / In Bayern und Teilen Österreichs ist dieses alte Wort für "rückwärts" noch gebräuchlich.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
kawahh 06.04.2019
1. Bienensozialismus
Sozialismus der chinesischen Prägung hat doch was von Bienen- oder Wespenvölkern.. Von Bienen lernen heisst siegen lernen.. Honig und Elektrizität und Wlan = Sozialismus oder so ähnlich,.. Gut dass wir heutzutage so viele Bioaktivisten haben und warum Köche eben Köche sind und nicht..
noalk 06.04.2019
2. Vom Ende der Nahrungskette ...
... habe ich meine tierischen Vorbilder: Löwe, Tiger, Wolf, Bär ... Warum haben es die wohl dahin geschafft? Weil sie sich viel bei den Bienen abgeguckt haben ...
jsmeta 06.04.2019
3. Bienen
……dass meine Bienen jederzeit ihre Brut fressen würden, wenn die Nahrung knapp wird? Was für ein inkompetenter UNSINN! Jürgen Schmit Imker seit 40 Jahren
taglöhner 06.04.2019
4. Wichtiger Unterschied
Zitat von kawahhSozialismus der chinesischen Prägung hat doch was von Bienen- oder Wespenvölkern.. Von Bienen lernen heisst siegen lernen.. Honig und Elektrizität und Wlan = Sozialismus oder so ähnlich,.. Gut dass wir heutzutage so viele Bioaktivisten haben und warum Köche eben Köche sind und nicht..
Die Arbeitsbienen eines Volkes sind unfruchtbare Geschwister. Sie sind also nur Reprouktionshelfer ihrer Eltern. Eher vergleichbar mit den spezialisierten Zellen des elterlichen Organismus, als mit einem unterdrückten Volk von selbst fortpflanzungsfähigen Individuen.
taglöhner 06.04.2019
5. Biologie
Zitat von jsmeta……dass meine Bienen jederzeit ihre Brut fressen würden, wenn die Nahrung knapp wird? Was für ein inkompetenter UNSINN! Jürgen Schmit Imker seit 40 Jahren
Sind Sie sicher? https://www.apidologie.org/articles/apido/pdf/1984/03/Apidologie_0044-8435_1984_15_3_ART0006.pdf
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