Tierisches Ersatzteillager Schweine sollen Menschen Organe spenden

Mediziner sind ihrem Ziel, Tiere als "Ersatzteillager" für Menschen zu nutzen, einen großen Schritt näher gekommen. Paviane überlebten fast drei Monate mit Nieren von genmanipulierten Schweinen, deren Organe von anderen Tieren nicht abgestoßen werden.


Schweine: Zukünftige Ersatzteillager für den Menschen?
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Schweine: Zukünftige Ersatzteillager für den Menschen?

Die Schweine waren im vergangenen Jahr eigens gezüchtet worden, um für Menschen verwendbare Organe zu entwickeln. Den Tieren fehlt ein wichtiges Zuckermolekül, das eine aggressive Reaktion des Immunsystems von Menschen und Affen auslöst.

Ein Team um David Sachs vom Massachusetts General Hospital in Cambridge hat acht Pavianen die Nieren der genmanipulierten Schweine eingepflanzt. Die Affen überlebten bis zu 81 Tage, wie der Online-Wissenschaftsdienst "Nature Science Update" berichtet. Nur mit Organen von Artgenossen hätten Paviane noch länger gelebt, mit nicht-transgenen Implantaten aber seien sie nach spätestens 30 Tagen gestorben. Nach Meinung der Mediziner zeigt das Experiment, dass gentechnisch hergestellte Schweineorgane auch beim Menschen die sonst übliche Immunreaktion umgehen könnten.

Fehlendes Zuckermolekül

Zwar stellten 81 Tage einen Rekordwert für das Überleben eines Pavians mit einem Schweineorgan dar, doch laut Sachs ist die Höchstgrenze noch nicht erreicht. "Es ist wahrscheinlich, dass wir noch weit mehr schaffen können", sagte der Forscher, der die Ergebnisse des Experiments bei einem internationalen Kongress für Xenotransplantation in Glasgow vorstellte.

Sachs' Schweinen fehlte ein Gen mit der Bezeichnung Alpha-1,3-Galactosyltransferase (GGTA1), das Zuckermoleküle an die Oberfläche von Zellen bringt. Affen und Menschen besitzen ein Arsenal an Antikörpern, die diesen Zucker augenblicklich erkennen und binnen Minuten eine heftige Abstoßungsreaktion auslösen. Dem Bericht zufolge existierten schon früher Schweine, deren Organe durch Genmanipulation für den Menschen verträglich gemacht werden sollten. Sie enthielten allerdings zusätzliche Gene, um eine Immunreaktion zu unterdrücken, anstatt sie vollständig zu umgehen.

Unabhängig von Sachs fand auch ein Team um David Ayares von der Firma Revivicor in Blacksburg (US-Staat Virginia) Beweise, dass Organe von Schweinen ohne GGTA1 eine Abstoßung verhindern. Revivicor ist aus dem schottischen Unternehmen PPL Therapeutics hervorgegangen, das durch das Klonschaf "Dolly" berühmt wurde.

Mediziner hoffen, dass tierische "Ersatzteillager" eines Tages den enormen Mangel an menschlichen Spenderorganen beheben können. Allerdings bestehen neben medizinischen Problemen - wie etwa der Existenz unbekannter Viren in Schweineorganen - auch ethische Bedenken, Tiere eigens zum Zweck der Ausschlachtung zu züchten.



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