Tierschutz-Studie Viagra soll Seehunde retten
Seehunde werden oft missverstanden. Im Zirkus müssen die Tiere auf Podesten balancieren und klatschen, als ob sie blendend gelaunt wären. Im Zoo gelten sie als Kinderlieblinge, weil sie immer so schön zu grinsen scheinen und ihre braunen Augen so fröhlich blitzen. Dabei sind Seehunde, vor allem männliche, in Wahrheit ganz arme Schweine.
Sie sind einsam - auf die Berührung von Artgenossen reagieren sie aggressiv, ja gewalttätig. Auf ihrer Sandbank halten sie eineinalb Meter Abstand voneinander. Wenn es ans Paaren geht, wird es besonders schlimm: Mehrere Männchen sammeln sich dabei im Wasser um ein Weibchen und versuchen, es zu besteigen. Das Weibchen beißt um sich, wird aber schließlich selbst mit einem Biss in den Nacken gefügig gemacht. Die Paarung dauert dann drei Minuten.
Abgeschnitten, getrocknet, pulverisiert
Warum, könnte man sich fragen, gelten dann bitteschön ausgerechnet Seehundpenisse als Garant für ein erfülltes Sexualleben, zumindest in China? So manches Hundeleben endet nur deshalb durch eine Kugel oder einen Schlag mit dem Knüppel. Die Seehund-Männlichkeit wird abgeschnitten, getrocknet und zu Pulver zerstoßen. Und das alles, um einem ängstlichen Mann den Glauben an die eigene Zeugungskraft zurückzugeben.
Nun aber lässt der Druck auf die geschundenen Tiere langsam nach, dank Viagra. Das behaupten jedenfalls zwei Brüder namens von Hippel - einer ist Psychologe in Australien, der andere Biologe in Alaska - in der britischen Fachzeitschrift "Environmental Conservation".
Die kleinen blauen Pillen, glauben die Hippels, erscheinen alternden Chinesen verlässlicher als der Seehundpenis und ähnliche traditionelle Hilfsmittelchen wie pulverisierte Teile von Seelöwen, -nadeln, -gurken und -pferdchen. Auch asiatische Hirsche und Geckos seien nun dank Viagra, Cialis und anderen medizinischen Aufrichtern geschützt. So lautet zumindest das Ergebnis einer Studie, die die Gebrüder Hippel durchgeführt haben. Weiterhin bedroht seien jedoch Tiger und Nashörner.
256 chinesische Männer zwischen 50 und 76 Jahren befragten die beiden. Alle wurden in einer Klinik in Hongkong behandelt, und 35 von ihnen hatten sich in der Vergangenheit mit gemahlenem See- und anderem Getier selbst mediziert. 29 probierten dann jedoch Viagra, und siehe da: Kein einziger griff anschließend erneut zu Mittelchen aus Seehundpenis oder Hirschgeweih - Tierschutz per Potenzpille, frohlocken die Hippels. Andere Zipperlein wie Verdauungsstörungen und Arthritis dagegen würden weiterhin mit den traditionellen tierischen Arzneien behandelt.
"Schlimmer als Kopfweh"
Schon 2002 hatten die Brüder berichtet, der internationale Handel mit den Tier-Teilen sei zurückgegangen. Kritiker vermuteten allerdings schon damals, dass Hirsch und Seehund womöglich eher von der asiatischen Wirtschaftskrise als von den blauen Pillen profitierten.
William von Hippel glaubt dagegen, Männer seien im Falle eigener Schlaffheit eher als sonst bereit, jahrtausendealten Aberglauben beiseite zu lassen. "Männer wollen das wirklich schnell in Ordnung bringen", sagte er dem Online-Nachrichtendienst der Wissenschaftszeitschrift "Nature". Das Problem sei für die Betroffenen schlimmer als Kopfweh, so Hippel.
Tierschützer dagegen halten die Hippelschen Thesen für ein Placebo. Glenn Sant, von der Tierschutzorganistaion Traffic etwa sagte "Nature.com": "Ich sehe nicht, dass Viagra Auswirkungen auf die Erhaltung bedrohter Arten hat." Schließlich, so Sant, würden diese Spezies "für eine breite Palette von Produkten neben solchen zur Behandlung von Impotenz" ausgebeutet. Viagra "verneble die Diskussion", so der Tierschützer.
In der Tat lässt zumindest die Finanzierung Zweifel an der Tragweite der Ergebnisse aufkommen. Bezahlt wurde die Befragung vom Viagra-Hersteller Pfizer.
Christian Stöcker