Todeszellen-Studie Mörder aus den US-Südstaaten sind höflicher

US-Südstaatler gelten als traditionsbewusster und höflicher als ihre nördlichen Mitbürger. Das stimmt auch für Mörder, belegt eine aktuelle Studie. Zum Tode verurteilte Täter aus dem Süden sagen mit ihren letzten Worten eher "Sorry".
Death Row: Die USA zählen neben China, dem Irak und Iran zu den Staaten mit den meisten Hinrichtungen

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Foto: Seth Perlman/ ASSOCIATED PRESS

In vielen Ländern gibt es soziale wie regionale Unterschiede, mit welchem Paket an Werten und Verhaltensmaßregeln man aufwächst. Gilt es in der einen Landesecke schon als ungehörig, wenn ein Kind zur Begrüßung nicht die Hand gibt, hält man es in anderen Ecken für normal, wenn der Balg noch nicht einmal weiß, wie man die Tageszeit ansagt (Beispiel: "Guten Morgen!"). Die "Manieren", die man so ausprägt, werden zum Bestandteil der eigenen Identität und bestimmen in nicht unerheblichem Maße, wie man von Mitmenschen wahrgenommen wird.

Einem verbreiteten Klischee zufolge gilt das ganz besonders auch in den Vereinigten Staaten. Dort gilt vor allem der Südstaatler als Manieren-bewusster Traditionalist, der das ganze Repertoire vom Türen-für-Frauen-Öffnen, Mam-und-Sir-Sagen, Vater-und-Mutter-Ehren bis zum Hut-ab-beim-Grüßen schon mit der Muttermilch aufnimmt.

Aber wie weit geht das wirklich, wollte die Psychologin Judy Eaton, Professorin für Kriminologie an der Wilfred Laurier University in Ontario wissen. Gilt es etwa sogar für verurteilte und exekutierte Mörder? Um das herauszufinden, untersuchte sie die Exekutionsprotokolle von 359 zwischen Januar 2000 und Dezember 2011 in den USA hingerichteten Straftätern. 299 davon kamen aus den Südstaaten, 60 aus nördlichen oder westlichen Bundesstaaten. Und siehe da: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Südstaatler in ihren letzten Worten für ihre Taten entschuldigten, war doppelt so hoch wie bei Verurteilten aus anderen Teilen des Landes.

"Sorry" hilft Angehörigen bei Bewältigung der Tat

Im Detail untersuchte Eaton dann noch qualitative Merkmale der Entschuldigungen. Sie erfasste, ob diese eine Bitte um Vergebung enthielten, Gefühle des Bedauerns ausdrückten und ob sie ernsthaft und ehrlich wirkten - Eaton fasste das zum Faktor "Reue" zusammen.

Hier ergab sich ein etwas anderes Bild. Im direkten Vergleich lag die Entschuldigungswahrscheinlichkeit bei Südstaatlern zwar höher. Wenn sich aber Verurteilte aus anderen Landesteilen entschuldigten, standen sie ihren südlichen Nachbarn in Sachen Reue in nichts nach. Letztlich, so Eaton, komme es darauf aber noch nicht einmal an.

Denn eine Entschuldigung hat laut Eaton unabhängig von ihrer Qualität einen Wert: Zwar seien ein bloßes "Sorry" und ein echter Ausdruck von Reue qualitativ nicht dasselbe. Beides könne aber dazu beitragen, dass sich die Hinterbliebenen der Opfer besser fühlten.

Und das besonders, wenn diese die gleichen Manieren wertschätzten wie die Täter. Eaton: "Wenn Opfer oder deren Familien aus dem Süden den gleichen Höflichkeitsnormen und sozialen Interaktionsregeln anhängen wie die Täter, mag es sein, dass eine Entschuldigung von einem Täter dazu führt, dass sich die Familien besser fühlen. Egal, ob die Entschuldigung ehrlich ist oder nicht."

Judy Eatons Studie "Honor on Death Row: Apology, Remorse, and the Culture of Honor in the U.S. South"  ist im Fachmagazin "Sage Open" online abrufbar.

Dass Südstaatler in Eatons Studie rein numerisch so überrepräsentiert sind, dürfte übrigens höchst profane Gründe haben: Die mit Abstand meisten Hinrichtungen in den USA  werden in den höflichen Südstaaten vollstreckt. So ließ seit 1976 allein der US-Bundesstaat Texas 512 Häftlinge exekutieren - das entspricht 37 Prozent aller 1373 Hinrichtungen in den USA.

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