Fund in der Tollense Archäologen rätseln über 2700 Jahre alte Bronzestatue

In Mecklenburg-Vorpommern hat ein Mann im Wasser der Tollense eine Figur entdeckt, die Wissenschaftler vor die Frage stellt: Wozu diente sie? Ist die Statue das Abbild einer Göttin – oder ein Gewicht?
Über Jahrtausende lag diese Figur im Tollensetal verborgen

Über Jahrtausende lag diese Figur im Tollensetal verborgen

Foto: Volker Minkus

Im Sommer 2020 entdeckte ein Mann in der Tollense, einem Fluss in Mecklenburg-Vorpommern, eine kleine Statue aus Bronze: knapp 15 Zentimeter hoch, mit einem eiförmigen Kopf und einer prominent geformten Nase, geschwungenen Armen, kugelrunden, kleinen Brüsten, einem angedeuteten Ring um den Hals und einem Gürtel um den Bauch.

Erst einmal zuvor war ein ähnliches Figürchen in Deutschland gefunden worden: im 19. Jahrhundert in der Nähe des Ortes Klein Zastrow, nur wenige Kilometer von der neuen Fundstelle entfernt. Insgesamt weiß man mittlerweile von 13 dieser Statuetten, die in der Ostseeregion entdeckt worden sind. Sie alle sind ähnlich geformt.

Doch noch ist unklar, welchen Zweck sie in der jüngeren Bronzezeit erfüllt haben könnten. Wissenschaftler aus Göttingen, Greifswald und Schwerin haben nun in einem Aufsatz, der in der »Praehistorischen Zeitschrift«  erschienen ist, ihre Ideen formuliert – ebenso wie die Fragen, die bislang unbeantwortet sind.

»Ein archäologisches Rätsel«

»Die jüngste Statuette gibt ein archäologisches Rätsel auf«, sagte der beteiligte Archäologe Thomas Terberger der »New York Times« . »Was war sie, wie ist sie dorthin gekommen und wozu wurde sie benutzt?«

Terberger und seine Kollegen hielten in ihrem Artikel fest: Datieren lasse sich die kleine Frauenstatue in das siebte Jahrhundert vor Christus. Und sie könnte entweder ein Gewicht darstellen, ein Kultobjekt oder eine Kombination aus beidem. Allerdings gebe es auch Einwände gegen diese Deutung.

Für die Interpretation, dass es sich um ein Gewicht im Sinne einer Maßeinheit handeln könnte, spricht das tatsächliche Gewicht der Statue: Sie wiegt 155 Gramm. In der jüngeren Bronzezeit sei die Gewichtseinheit von 26 Gramm eine vermutlich übliche Größe gewesen – die Statue wiege damit beinahe sechsmal so viel wie das gebräuchliche Maß.

Gegen den Gebrauch der Statuen als Gewichte spreche die geringe Zahl der Figuren, die bislang gefunden wurden.

Ist die Figur das Abbild einer Göttin?

Weil das Tollensetal einst vermutlich Teil einer wichtigen Handelsroute war, sei es denkbar, dass ein Zusammenhang zwischen den Orten, an denen die Statuetten deponiert worden sind, und bestimmten Kommunikationsknotenpunkten bestehe.

Für eine Interpretation der Figur als Göttin sehen die Forscher ihrem Artikel zufolge »kaum Argumente«. Allerdings war es im Tal der Tollense vor 3300 Jahren vermutlich zu einer großen Gewalttat gekommen – manche Fachleute vermuten eine kriegerische Auseinandersetzung, andere halten einen Raubüberfall auf Kaufleute für wahrscheinlicher. Durch zahlreiche Funde aus den letzten Jahrzehnten  ist jedenfalls bestätigt, dass etliche Menschen gewaltsam getötet worden sind. Die neu entdeckte Statue könnte absichtlich an einer Talquerung niedergelegt worden sein, schreiben die Forscher – als Erinnerung an die Menschen, die dort Jahrhunderte zuvor gestorben waren.

vki
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