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03. März 2001, 17:20 Uhr

Tonerstaub

Gefahr aus dem Drucker

Millionenfach surren Laserdrucker in deutschen Büros und Wohnungen. Doch die verwendeten Toner können die Atemwege schädigen ­ bis zur Berufsunfähigkeit.

Die Spur führte in das Landeskriminalamt Hamburg, hinauf in den ersten Stock, hinein in den Raum 806, hinüber zu den Lüftungsschlitzen, und dann hatte der Ermittler Hans-Joachim Stelting gefunden, wonach er die ganze Zeit gefahndet hatte: die Ursache für seinen Reizhusten und Dauerschnupfen, den Grund, warum er schon mit knapp 40 Jahren berufsunfähig war.

Hochgiftige Fracht: Die Toner von Laser-Drucken können die Atemwege schädigen

Hochgiftige Fracht: Die Toner von Laser-Drucken können die Atemwege schädigen

"Stark durch Tonerstaub" verschmutzt, notierte der Kriminalhauptkommissar; der Pulvernebel des amtlichen Laserdruckers hatte sich überall verteilt. Nicht nur besonders auffällig "im Bereich der Lüftungsschlitze", wie Stelting akribisch festhielt, sondern auch in seinen Lungen.

Stelting ist das erste deutsche "Toneropfer", anerkannt vom Personalamt der Hamburger Innenbehörde und deshalb seit 1996 außer Dienst.

Seitdem sammelt Stelting in seinem Einfamilienhaus im Hamburger Norden in einer "Interessengemeinschaft Tonergeschädigter" (IGT) weitere Beweise für den Verdacht, dass die über 16 Millionen angestellten und häuslichen Nutzer von Computertechnik einem unsichtbaren Risiko ausgesetzt sind: Rund eine Million Laserdrucker werden jedes Jahr nach Branchenangaben in Deutschland produziert, "in vielen Tonern stecken giftige und auch möglicherweise Krebs erregende Substanzen", urteilt Michael Braungart, wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts.

Mikrometer große Partikel schweben in dem Pulver, das durch einen magnetisch-thermischen Effekt als Druckbuchstabe aufs Papier gebrannt wird. Starke Luftgebläse in der Hightech-Hardware sorgen nicht nur für Kühlung, sondern auch für eine großflächige Verteilung der brisanten Teilchen.

DER SPIEGEL
Im Auftrag der Interessengemeinschaft hat Braungarts Institut im vergangenen Jahr drei unterschiedliche Toner des amerikanischen Herstellers Hewlett-Packard und der japanischen Firma Kyocera untersucht. Überraschender Befund: Anders als behauptet, fanden sich in dem Gemisch aus Ruß, Pigmenten und Bindemittelharzen auch gesundheitsschädliche Schwermetalle wie Cobalt, Quecksilber sowie Nickel. "Davon können schwerwiegende toxische Wirkungen ausgehen", urteilt Braungart.

Weil das Quecksilber verdampft, wenn der Tonerstaub beim Drucken erhitzt wird, werde das Gift "in hohem Maße" aufgenommen. Die Konzentrationen der Krebs erregenden Nickel- sowie Cobaltstäube seien mit jeweils 42 Milligramm pro Kilogramm bei einem Hersteller als "relevant" einzustufen.

Doch nicht nur die unmittelbare Gefährdung durch giftige Schwermetalle bereitet den Fachleuten Sorgen. Anfällige Menschen reagieren auf den Schadstoffcocktail in der Tonerwolke. "Wir haben neuartige Wirkungsfälle", urteilt Studienleiter Ralf Ketelhut.

Zu einem Selbstversuch entschloss sich ein Mitarbeiter der Deutschen Telekom bei einem Hamburger Facharzt für Lungenund Bronchialheilkunde. Nach der "nasalen Provokation" mit den beiden Tonerarten "TBS" und "Tally" lautete die Diagnose: "Verdacht auf Atemwegserkrankung durch Tonerstäube am Arbeitsplatz."

Inzwischen haben die Berufsgenossenschaften schon mehrere Fälle von Tonererkrankungen offiziell anerkannt. Ein Zehntel der bundesweit 60 Verdachtsfälle der IGT sind medizinisch bewiesen.

Schon länger bekannt ist das so genannte Sick Building Syndrom unter Deutschlands Büroarbeitern. Fast jeder Zehnte klagt über Augenreizungen, Halsund Nasenentzündungen, Kopfschmerzen oder allergische Reaktionen der Haut am Arbeitsplatz.

Mit der Nase leicht auszumachen ist dabei das stechend riechende Ozon, das Kopierer und ältere Laserdrucker vor allem im Dauerbetrieb freisetzen. Umfangreiche Nachrüstungen der Hersteller und eingebaute Aktivkohlefilter haben den Anteil des Schleimhäute reizenden Stoffs in den vergangenen Jahren gemindert.

Anders bei den Tonerstäuben. Ein Test der Landesgewerbeanstalt Bayern erbrachte im vergangenen Jahr bei 33 von 34 untersuchten Lasertonern von Markenherstellern zu hohe Schadstoffwerte. Insbesondere in den preiswerten "Mischungen aus Fernost" (Stelting) finden sich für den Druckprozess nicht notwendige Giftstoffe.

Die Hersteller bestreiten den Vorwurf. Bei "bestimmungsgemäßem Gebrauch", so ein Siemens-Sprecher, seien "keine Gesundheitsschäden zu erwarten". Hewlett-Packard gibt zwar zu, "dass der Toner aus dem LaserJet-Drucker bei Personen mit "extrem sensibler Haut und Schleimhäuten" zu "allergischen Reaktionen" führen könne. Das sei aber "kein spezielles Problem der Toner", sondern der allgemeinen Luftbelastung durch "viele Substanzen".

In Köln bekam ein tonergeschädigter Zollbetriebsinspektor von seinem Arbeitgeber gute Tipps für den Umgang mit dem angeblich "nicht gesundheitsschädlichen" Stoff: "Nach dem Kartuschentausch sollten die Hände mit Wasser und Seife gründlich gereinigt werden."

Obwohl mancher Laserdrucker sogar den "Blauen Engel" des Umweltbundesamts tragen darf, empfiehlt dessen Sprecher Karsten Klenner "höchste Vorsicht" sowie das Tragen von "Mundschutz und Handschuhen" beim Umgang mit den Tonerkartuschen. Gerade bei älteren Geräten, so berichtet ein Fachmonteur, "sieht es innen drin manchmal aus wie im Schornstein".

SEBASTIAN KNAUER

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