Trainierter Geist Meditierende Mönche erleuchten Forscher

In Meditation erfahrene buddhistische Mönche erlauben Forschern neue Blickwinkel auf alte wissenschaftliche Phänomene. Jetzt erhellen sie einen Wahrnehmungseffekt, über den man sich seit Jahrhunderten den Kopf zerbricht – weil sie ihren Geist so gut unter Kontrolle haben.


Mönch beim Experiment: Trainierter Geist
Olivia Carter

Mönch beim Experiment: Trainierter Geist

Dass wissenschaftliche Studien nur "mit Unterstützung seiner Heiligkeit des Dalai Lama" zustande kommen, ist ungewöhnlich. Dass tibetanische Eremiten, die seit 20 Jahren im Himalaja in Einsamkeit meditieren, sich als Versuchspersonen zur Verfügung stellen, ist es auch. Beides ist Ergebnis einer Entwicklung, die Forschern einen ganz neuen Zugang zum menschlichen Gehirn eröffnet: "Den gut trainierten Geist studieren", nannte das Wissenschaftsmagazin "Science" diesen Ansatz im vergangenen Jahr.

In der Kunst des Meditierens erfahrene buddhistische Mönche vollbringen mit ihrem "gut trainierten Geist" Dinge, von denen Wissenschaftler bislang gar nicht glauben wollten, dass sie überhaupt möglich sind. Nach jahrzehntelanger Übung berichten sie beispielsweise, sie könnten die bildliche Vorstellung eines komplexen Musters für Minuten, gar Stunden vor ihrem geistigen Auge stabil halten - eine Behauptung, die Wissenschaftler mit Skepsis erfüllt.

"Das sollte nicht möglich sein"

"Von meinem Verständnis der Funktionsweise unseres Gehirns ausgehend sollte das nicht möglich sein", sagte etwa der Wahrnehmungsforscher Stephen Kosslyn von der Harvard University im vergangenen Jahr bei einer Tagung. Sowohl Neurowissenschaftler als auch buddhistische Mönche hatten sich am Massachusetts Institute of Technology versammelt, um Gemeinsamkeiten zu entdecken. Denn sowohl Forscher wie Mönche interessieren sich für Themen wie Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und Emotionen.

Kosslyn und andere sind inzwischen bereit, sich eines Besseren belehren zu lassen. Eine ganze Reihe von Studien untersucht derzeit, welche Auswirkungen jahre- oder jahrzehntelange Meditation auf Wahrnehmungs- und Vorstellungsprozesse hat. Die Neurowissenschaftler Olivia Carter and Jack Pettigrew von der University of Queensland in Australien beispielsweise haben sich jetzt ein seit Jahrhunderten bekanntes Phänomen vorgeknöpft: Die sogenannte binokulare Rivalität, die schon im 16. Jahrhundert erstmals beschrieben wurde. Seitdem streiten die Gelehrten um die richtige Erklärung des Effektes. Auch Größen wie Hermann von Helmholtz haben sich im 19. Jahrhundert an der Debatte beteiligt - denn sie steht im Zusammenhang mit der großen Frage, wie unser Bewußtsein zustande kommt.

Wahrnehmungs- und Vorstellungsprozesse verändert

Den Effekt kann jeder selbst ausprobieren (Beispiele findet man zum Beispiel auf der Webseite des Wahrnehmungsforschers Randolph Blake von der Vanderbilt University in Nashville). Hält man zwei verschiedene Bilder vor seine beiden Augen, kann man nicht beide gleichzeitig sehen. Das Gehirn entscheidet sich gewissermaßen für eines der beiden Bilder, schaltet aber nach einer gewissen Zeit auf das Bild vor dem anderen Auge um - ohne, dass man viel dagegen unternehmen kann. Über einen längeren Zeitraum hinweg springt das Bild im Kopf immer wieder vom rechten zum linken Auge und wieder zurück. Bestimmte Eigenschaften der Bilder können den Effekt allerdings verändern: Sieht man einen "schwächeren" Reiz, etwa ein Gitter aus horizontalen, dünnen Linien, und einen "stärkeren Reiz", etwa ein vertikales Gitter aus dick gezeichneten Linien, dominiert der starke Reiz - er drängt sich öfter ins Bewusstsein als der schwache.

Meditationsexperten: Bilder über Minuten stabil
Olivia Carter

Meditationsexperten: Bilder über Minuten stabil

Auch wer besonders viel Aufmerksamkeit in das Bild investiert, das er gerade bewusst sieht, kann dieses dadurch unter Umständen etwas länger im Bewusstsein halten. Diese Art von Kontrolle über die binokulare Rivalität hat aber ihre Grenzen - zumindest bei Normalsterblichen.

In Meditationstechniken versierte Mönche dagegen können eins der beiden Bilder über Minuten stabil halten, wie Carter und ihre Kollegen jetzt zeigen konnten. Die Forscher glauben, dass die Meditation tatsächlich dauerhaft die Art verändern kann, wie das menschliche Gehirn arbeitet: "Die Veränderungen der visuellen Funktion, die hier beobachtet wurden, liefern neue Hinweise darauf, dass ... verschiedene Arten von Meditation und Trainingsdauer zu erkennbaren kurz- und langfristigen Veränderungen auf der neuronalen Ebene führen", schreiben sie im Fachblatt "Current Biology" (Bd. 15, S. 412).

Die Forscher ließen ihre kahlrasierten Versuchspersonen zwei unterschiedliche Arten von Meditation praktizieren, und zeigten ihnen anschließend oder auch währenddessen zwei unterschiedliche Muster, eins vor jedem Auge. Die Mönche trugen dazu eine Spezialbrille.

Die Bezeichnung für die eine Form der Meditation, deren Wirkung überprüft würde, lässt sich grob mit "Mitgefühl" übersetzen: Dabei versenken sich die Mönche ohne konkreten Bezugspunkt in eine Vorstellung vom weltlichen Leiden, kombiniert mit einem Gefühl liebevoller Güte. Diese Art von Meditation beeinflusste die Wechselrate im binokularen Rivalitätstest kaum: Das Bild im Kopf sprang genauso oft zwischen dem Muster vor dem rechten und dem vor dem linken Auge hin und her wie ohne Meditation.

Kontrolle mit "Ein-Punkt-Meditation"

Die "Ein-Punkt-Meditation" dagegen erlaubte gut der Hälfte der insgesamt 76 Mönche, den Wechseleffekt drastisch zu reduzieren. Bei dieser Art von Meditation wird der Geist auf ein einzelnes Objekt oder einen einzelnen Gedanken fokussiert. Einigen Mönchen gelang es während der Ein-Punkt-Meditation sogar, über fünf Minuten hinweg nur ein einziges, stationäres Bild wahrzunehmen. Unter diesen waren auch zwei der drei echten Eremiten, die für die Studie gewonnen wurden. Diese Männer leben seit zwanzig Jahren oder mehr isoliert und auf Meditation fokussiert in Gebirgs-Refugien.

Weil die Effekte nur bei einer der zwei Meditationsformen auftraten, sind sich die Forscher sicher, es mit einer realen Auswirkung und nicht mit einem durch verfälschte Berichte verzerrten Resultat zu tun zu haben. Das Fazit von Carter und Kollegen: "Individuen, die in Meditation geübt sind, können die normalen Fluktuationen, die binokulare Rivalität im Bewusstseinszustand auslöst, messbar verändern." Das Ergebnis leistet einen Beitrag zu der alten Debatte, die über dieses Phänomen geführt wird: Ob es ausschließlich vom Reiz, also von den Bildern vor den Augen bestimmt wird, oder ob bewusste Kontrolle diese Wahrnehmungsprozesse verändern kann. Ihre Studie sei ein Beleg für "auf hohem Niveau angesiedelte ... Modulation" der binokularen Rivalität, schreiben die Wissenschaftler.

Die Forscher hoffen nun auf weitere Kooperationen mit den Mönchen. Und auch andere arbeiten daran, den "gut trainierten Geist" für Forschungszwecke zu nutzen. Selbst der Skeptiker Stephen Kosslyn von der Harvard University führt derzeit eine Studie zur visuellen Vorstellungskraft von Meditationsexperten durch. Der nächste Schritt wird dann sein, die Mönche bei der Kontemplation in einen Magnetresonanz-Scanner zu legen und zu sehen, was dabei tatsächlich im Gehirn vor sich geht.

Christian Stöcker



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