Christian Stöcker

Netzpropaganda Wie ich einmal Putins Trolle traf

Bei Twitter begegnet man oft seltsamen Figuren. Eine Gruppe, die sich vergangenen Sommer brennend für den Brexit interessierte, war besonders merkwürdig. Jetzt ist klar, warum.
Russischer Präsident Putin

Russischer Präsident Putin

Foto: SHIPENKOV/ EPA/ REX/ Shutterstock

Der 23. Juni 2016 ist ein Datum, das den meisten Deutschen auf Anhieb nichts sagt, aber vielen Briten einen kalten Schauer über den Rücken jagt. An diesem Tag fand das Referendum statt, bei dem im Vereinigten Königreich 51,9 Prozent der Abstimmenden dafür votierten, die EU zu verlassen.

Ich selbst saß an diesem Tag in einem Tagungsraum in Münster, gemeinsam mit Kollegen der dortigen Universität und von der Uni Braunschweig, die am Forschungsprojekt Propstop  beteiligt sind. Darin geht es um das Aufspüren und die Abwehr "verdeckter Propaganda-Angriffe über Online-Medien". Genau ein solcher Angriff fand an diesem Tag live statt. Ich konnte ihn auf dem Tablet sehen, das ich dabei hatte.

Bei Twitter sprachen mich diverse Nutzer, von denen ich noch nie gehört hatte, auf das Referendum an, mit auf Deutsch aber seltsam formulierten Fragen, oft mit dem gleichen Schreibfehler: "Wird Deutschland jedes Ergebnis annhemen?" Ergänzt wurden die monotonen Tweets mit Hashtags wie #BrexitOrNot oder #BritainInOut. Andere waren noch kryptischer: "Wir müssen diesen Stein nicht ziehen."

Journalisten und Politiker im Fokus

Ich war nicht der Einzige, der in diesen etwas seltsamen Tweets direkt angesprochen wurde, die gleichen Fragen wurden auch an Politiker und diverse andere Journalisten gerichtet, die man bei Twitter findet. All die Accounts mit brennendem Brexit-Interesse hatten Profilfotos und ausgefüllte Twitter-Biografien. Oft allerdings mit Texten, die ein bisschen nach maschineller Übersetzung klangen: "In der Kindheit habe ich Schwimmschule besucht und jetzt betreibe ich Radsport als Hobby."

Nun ist man als regelmäßiger Twitter-Nutzer allerhand Schwachköpfe, Schwätzer und Spammer gewöhnt und drückt in einer solchen Situation mal schnell auf den Mute- oder Block-Button. Weil ich aber ja einem Forschungskonsortium angehöre, das sich genau für solche Aktivitäten interessiert, begann ich während des Projekttreffens Screenshots von den seltsamen Accounts zu machen und von weiteren, die sie retweeteten oder mit denen sie anderweitig verknüpft waren.

#wirliebentrump und @erdollum

Manche interessierten sich aktuell augenscheinlich vor allem für das Thema Brexit, manche aber gleichzeitig auch für "Widerstand gegen den radikalen Islam", einige priesen mit dem Hashtag #wirliebentrump den damals noch künftigen US-Präsidenten oder retweeteten Nazi-Propagandabildchen. Einer mit dem Accountnamen "Erdollum" hatte offenbar eine starke Meinung zu den Themen Türkei und IS.

Heute ärgere ich mich ein bisschen, dass ich damals nicht noch viel mehr Screenshots gemacht habe. Mittlerweile sind diese seltsamen Accounts noch viel interessanter als damals im Sommer 2016. Etwa die Hälfte der knapp 20 Twitterer, deren Accounts ich damals gespeichert hatte, habe ich Anfang November wiedergefunden, auf einer Liste. Es ist die Liste mit Account-Namen, die Twitter selbst als Tarnkonten der sogenannten Internet Research Agency identifiziert hat, auch bekannt als "Putins Trollfabrik".

201, 2700, oder vielleicht doch noch mehr?

Für dieses Unternehmen arbeiten junge Leute, die in Internetforen westlicher Medien und in Social-Media-Kanälen Propaganda im Sinne des Kreml machen, etwa um im Zusammenhang mit der US-Wahl die gesellschaftliche Spaltung zu befördern, mit Themenschwerpunkten wie Homosexualität und Religion, Rassismus oder auch Hillary Clintons Vermögen. Twitter hatte noch Ende September erklärt, man habe nur 201 Accounts identifizieren können , die sich mit Facebook-Accounts in Verbindung bringen ließen, über die ebenfalls russische Propaganda gelaufen war.

Anfang November veröffentlichte das Unternehmen dann diese Liste mit 2752 Account-Namen , die "russischen Trollen", eben der Internet Research Agency zugeordnet werden konnten. Darunter mittlerweile berüchtigte Rechtsaußen-Twitterer wie "Ten_GOP", der sogar von namhaften britischen Medien zitiert wurde  - und eher unbekannte, wie mein Kontakt aus dem Sommer 2016 mit den starken Meinungen zum Thema Türkei, "Erdollum". Oder "AnniEisbär", die am 23.6. noch Wert auf die Feststellung legte, den "Normalbürger" habe "der #Euro nur gekostet".

Andere Ansätze, gleiches Ergebnis

Ein paar von meinen neuen Freunden begegneten mir dann Ende November noch mal wieder, "Angelika Fehr" zum Beispiel oder "Diana Gruber", und zwar auf bei "Buzzfeed" gezeigten Screenshots . Dort ging es um 45 Troll-Accounts, die Forscher von der University of Sheffield identifiziert hatten. Die Kollegen waren mit einer anderen Methode vorgegangen. Sie hatten auf Basis der von Twitter veröffentlichten Liste nach weiteren Accounts gesucht, die mit jenen auf der Liste in Beziehung standen.

Lustigerweise erschien der "Buzzfeed"-Artikel ungefähr zwei Stunden, nachdem ich mich bei Twitter öffentlich darüber gefreut  hatte, dass ich Putins Trollen gewissermaßen schon persönlich begegnet war.

Zwietracht, Spaltung, Streit

In jedem Fall kamen wir zum gleichen Ergebnis: Twitters Liste mit Accounts, die von bezahlten Propagandisten in St. Petersburg, vermutlich mit Bot-Unterstützung, betrieben werden, ist nicht vollständig. Es sieht aus, als seien die Social-Media-Giganten mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Rolle in den Propagandaattacken auf westliche Demokratien noch lange nicht am Ende angelangt. Und es wird immer klarer, welche Strategie die Herren der Propaganda in Moskau verfolgen: Zwietracht, Spaltung, Streit säen im Westen, egal ob in den USA oder Europa.

Mein Tweet über den Trollfund förderte noch etwas anderes zutage: Jan-Hinrik Schmidt , ein Kollege vom Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, der unter anderem das Twitterverhalten deutscher Politiker erforscht, stellte bei einem Blick in seinen Datensatz etwas Interessantes fest: 80 Kandidaten für die Bundestagswahl 2017 folgten mindestens einem der Troll-Accounts .