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SPIEGEL

Hilmar Schmundt

Infektionskrankheit Die vergessene Pandemie

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt eine Schutzimpfung, es gibt wirksame Medikamente, es gibt über einhundert Jahre einschlägige Erfahrungen mit der Krankheit. Und doch befindet sich die Seuche auf dem Vormarsch, gegen besseres Wissen, gegen jede Vernunft und jedes Mitgefühl. 

Es geht nicht um Covid-19, Mers, Sars oder Ebola. Sondern um die Tuberkulose (TB), die tödlichste aller Infektionskrankheiten, die jedes Jahr über 1,5 Millionen Menschen das Leben kostet, darunter mehr als 200.000 Kinder.

Einst grassierte die "Schwindsucht" auch in Europa, teils wurde sie romantisiert wie in der "Kameliendame" oder, mit ironischem Unterton, in Thomas Manns "Zauberberg", dessen Romanheld Hans Castorp philosophiert: "Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf."

Zum Glück entdeckte der Mediziner Robert Koch den Erreger, das Mycobacterium tuberculosis, und bekam dafür 1905 den Nobelpreis. 

Griechische Krankenschwestern lernen den Umgang mit Tuberkulosekranken (1949)

Griechische Krankenschwestern lernen den Umgang mit Tuberkulosekranken (1949)

Foto: Jean-Pierre Grisel / RDB / ullstein Bild/ Getty Images

Heute ist die Tuberkulose in Industrieländern weitgehend in Vergessenheit geraten, doch in ärmeren Weltgegenden grassiert sie weiter. Die Schwindsucht will einfach nicht verschwinden, im Gegenteil. Schätzungsweise rund ein Fünftel der Weltbevölkerung sind mit TB infiziert, schätzen Experten, doch oft handelt es sich nur um eine "stille Infektion" ohne Symptome. Denn solange das Immunsystem stark genug ist, kann es die Erreger in Schach halten. Aber kommen dann Belastungen wie Mangelernährung oder eine HIV-Infektion hinzu, bricht TB oft mit voller Wucht aus. Sechs Länder tragen zu 60 Prozent der Neuerkrankungen bei: Indien, Indonesien, China, Nigeria, Pakistan und Südafrika.

Mehr als 500 Medikamenten- und Interventionsstudien laufen derzeit zu Covid-19, und das ist auch gut so. Ganz anders sieht es bei Tuberkulose aus. Der größte Killer der Welt wird weitgehend ignoriert.

Diese fehlende Aufmerksamkeit rächt sich nun. Die Corona-Anstrengungen führen zu einer weiteren Verstärkung des ohnehin vorhandenen Tunnelblicks, auf Kosten der Tuberkulose-Bekämpfung. Die Spendenbereitschaft sinkt, Patienten können nicht mehr behandelt werden, die einst geplante Ausrottung bis 2030 ist kaum noch zu schaffen, warnt der Mediziner Mel Spigelman, der Leiter der Nichtregierungsorganisation TB Alliance, im Zoom-Gespräch mit dem SPIEGEL: "Könnten wir die Tuberkulose bis 2030 ausrotten? Na klar! Schaffen wir das mit den heutigen Anstrengungen? Auf keinen Fall!".

Die Weltgemeinschaft könnte für nur rund 15 Milliarden Dollar pro Jahr für Forschung, Diagnose und Behandlung riesige Fortschritte im Kampf gegen die Tuberkulose erzielen und gigantische Folgeschäden vermeiden, sagt Lucica Ditiu, Leiterin der internationalen Kampagne "Stop TB Partnership".

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Stattdessen wartet die Weltgemeinschaft ab. Und sieht zu, wie sich das Problem immer weiter verschärft. Multiresistente Tuberkulosestämme sind auf dem Vormarsch, vor allem in Osteuropa. Doch die Welt schaut weg, sagt Ditiu im Telefongespräch: "Ich bin wütend und frustriert." Auch sie selbst hat sich auf Reisen mit TB infiziert, eigentlich wollte sie im Frühjahr eine Therapie beginnen, doch durch die Coronakrise musste sie ihre eigene Behandlung aufschieben.

Ein Hoffnungsschimmer: Seit rund 30 Jahren hat sich in der Tuberkulosetherapie wenig getan, nun bewegt sich etwas. In den USA wurde mit Pretomanid ein neues Medikament als Kombinationstherapie zugelassen. Entwickelt wurde es nicht von einem Pharmakonzern, sondern erstmals von einer gemeinnützigen Organisation, nämlich der oben genannten TB Alliance. Bald könnte das neue Antituberkulotikum auch die EU-Zulassung bekommen. Es wäre ein kleiner Erfolg inmitten einer großen Tragödie. Hans Castorp aus dem "Zauberberg" lag komplett falsch: Krankheit hat nichts Ehrwürdiges.

Mit den besten Grüßen

Hilmar Schmundt

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Die Nasa schickt neuen Roboter auf Marsmission: Vor Kurzem flog die US-Raumfahrtbehörde erstmals seit 2011 wieder Astronauten von Florida aus ins All, nun will sie den Roboter "Perseverance" zum Mars senden. Er hat zwar keine Mannschaft, aber elf Millionen Namen an Bord.

  • Schmetterlinge und Raupen können schmackhafte Pflanzen erschnuppern, doch die tarnen sich durch irreführende Düfte. Diesen olfaktorischen "Informationskrieg"  beschreibt ein Paper in der Zeitschrift "Science".

  • Laut einer Oxford-Studie kann Dexamethason die Sterblichkeitsrate schwer erkrankter Corona-Patienten deutlich senken. Wie das Mittel wirkt und was noch unklar ist, erklärt meine Kollegin Julia Köppe.

  • Yann LeCun gilt als einer der "Godfathers of AI". Jetzt entwickelt er für Facebook als Chef künstliche Intelligenz, die Falschinformationen erkennen und die Corona-Folgen eindämmen soll. Hier erklärt er die Probleme dabei.

Quiz*

1. "Das Ding" hieß ein geheimnisvoller Fund aus der Arktis bislang. Nun haben Forscher der University of Texas in Austin sein Geheimnis gelüftet. Es handelt sich dabei um

  • a) fossilisierte Socken von der Mannschaft des Forschers Roald Amundsen

  • b) Weltraumschrott aus der Apollo-Ära

  • c) ein fettes Dino-Ei

2. Am 21. Juni ist die Sommersonnenwende. Schlaumeier, Lateiner und Astro-Geeks sagen dazu auch

  • a) Äquinoktie

  • b) Solstitium

  • c) Fiesta tropicana

  • d) Apogäum

3. Wann werden die meisten wohlgemut klingenden Messages auf Twitter gepostet?

  • a) An Weihnachten, hohoho

  • b) Natürlich am Valentinstag ❤️

  • c) Am Black Friday, weil Influencer Twitter mit Werbung fluten.

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Moment/ Getty Images

Siamesische Kampffische sind bekannt für ihr aggressives Verhalten, erbittert greifen sie sich gegenseitig an, wenn sie ihr Revier verteidigen wollen. Doch was geht dabei im Hirn der prächtigen Tiere vor sich? Eine Stunde lang ließ ein Team um den japanischen Biologen Norihiro Okada die Kampffische aufeinander los und stellte fest: Je länger der Kampf, desto stärker ähnelten sich die genetischen Expressionsmuster im Gehirn der Kontrahenten. Wer miteinander kämpft, wird dadurch dem Gegner immer ähnlicher, so scheint es. Dieser hirnphysiologische Befund scheint eine Vermutung zu bestätigen, die der Philosoph Friedrich Nietzsche bereits dunkel raunend andeutete: "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird." Wie auch immer. Als Nächstes wollen die Forscher testen, ob auch das Werben zwischen Männchen und Weibchen zu molekularen Harmonisierungen führt.

Fußnote  

5,63

Auf diesen Rekord-Tiefpunkt ist eine Twitter-Glücksskala namens "Hedonometer" zwischenzeitlich gesunken. Seit März hält das Corona-bedingte Stimmungstief beim Kurznachrichtendienst an, länger als je zuvor. Selbst nach dem Massenmord in Las Vegas 2017 oder dem Anschlag auf den Marathon in Boston 2013 lag der Wert nicht so tief wie derzeit. Die neunteilige Glücksskala reicht von 1 (traurig) bis 9 (fröhlich). Sie beruht auf der Auswertung von rund zehn Prozent aller 500 Millionen Twitternachrichten pro Tag.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. c) Es handelt sich bei dem Fossil um das Ei eines riesigen Meeresreptils, das vor rund 66 Millionen Jahren lebte.
2. b) Solstitium  wird die Sonnenwende genannt. Der Fachbegriff bedeutet auf Lateinisch wörtlich: Sonnenstillstand.
3. a) Zu Weihnachten wurden in der Vergangenheit auf Twitter die meisten gut gelaunt klingenden Nachrichten gepostet laut der Forschungsgruppe hinter dem "Hedonometer" . Auch Neujahr und Muttertag schneiden bei der "Sentiment analysis" recht positiv ab.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Newsletters stand, dass Lucica Ditiu für die "TB Alliance" arbeitet. Sie arbeitet aber für die "Stop TB Partnership". Wir haben das korrigiert.

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