Türkei Forscher finden antikes Sektenzentrum

Sie glaubten an ein nahes Weltende, praktizierten Gleichberechtigung und wurden für ihre Ansichten von der Kirche verfolgt: die frühchristlichen Montanisten. Nun haben Forscher das Heiligtum der Bewegung entdeckt.


Montanisten-Siedlung Pepouza: "Das Rätsel kann als gelöst gelten"
Prof. W. Tabbernee & Prof. Peter Lampe, University of Heidelberg

Montanisten-Siedlung Pepouza: "Das Rätsel kann als gelöst gelten"

Den frühchristlichen Montanisten galt der Ort Pepouza als heilig: Hier sollte den Prophezeiungen zufolge das in der Bibel beschriebene neue Jerusalem vom Himmel herabkommen. Ein internationales Forscherteam will die rätselhafte Stätte, die Wissenschaftler seit Jahrzehnten erfolglos gesucht hatten, nun in der Türkei aufgespürt haben.

In einem unzugänglichen Flusstal südlich der Stadt Usak entdeckten die Forscher um Peter Lampe von der Universität Heidelberg einen Siedlungsplatz aus römischer Zeit. Die Struktur der Anlage, zu der die Überreste einer Stadt und ein in die Felsen gehauener Klosterkomplex zählen, stimmt den Wissenschaftlern zufolge mit Beschreibungen in antiken Quellen überein. Lampe: "Das Rätsel Pepouzas kann als gelöst gelten."

Pepouza war das Zentrum der prophetischen Montanisten-Bewegung, die um 165 nach Christus in Kleinasien von dem aus Phrygien stammenden Montanus gegründet worden war. Seine Anhänger glaubten an die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Jesu Christi. Von der Hauptströmung der Kirche unterschied sich der Montanismus auch dadurch, dass Frauen Priesterinnen werden konnten.

Als die von ekstatischen Verkündigungen geprägte Bewegung immer mehr Anhänger fand, befürchtete die konservative Kirche eine Spaltung der Christenheit. Zudem wurde der Montanismus verdächtigt, vom phrygischen Kult der Muttergottheit Kybele beeinflusst zu sein. Ab dem vierten nachchristlichen Jahrhundert ließ man die Anhänger der Bewegung als Ketzer verfolgen.

Auch Pepouza fiel um 550 nach Christus der Säuberung zum Opfer: Kaiserliche Soldaten beschlagnahmten das Kloster sowie weitere Gebäude der Montanisten und zerstörten den Schrein, in dem die Gebeine des Gründers Montanus aufbewahrt wurden.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.