Türkenangriff auf Wien Sturm auf den "Goldenen Apfel"

61 Tage lang zitterte Wien im Jahr 1683 unter der Belagerung der Türken, die Bewohner aßen sogar Katzen, um nicht zu verhungern. Einem Heer aus Österreichern, Polen, Bayern und Sachsen gelang es schließlich, die Belagerer zu bezwingen. Das war der Anfang vom Ende des Osmanischen Reichs.
Schlacht am Kahlenberg 1683 (Gemälde von Jan Wyck, 1698): Krieg der Kanoniere und Baumeister

Schlacht am Kahlenberg 1683 (Gemälde von Jan Wyck, 1698): Krieg der Kanoniere und Baumeister

Foto: Nimatallah / AKG

Wien

Sultan Mehmed IV. ist siegesgewiss: Diesmal will er nach dem "Goldenen Apfel" greifen, wie die Türken nennen. Bevor Mehmed im Frühjahr 1683 seine Streitmacht in Marsch setzt, schreibt er an Kaiser Leopold I., seinen Gegner: "Wir sind im Begriffe, Dein Ländchen mit Krieg zu überziehen." Siegesgewiss diktiert der Sultan: "Vor allem befehlen wir Dir, Uns in Deiner Residenzstadt zu erwarten, damit Wir Dich köpfen können." Er werde die "Giauren", die Ungläubigen, den "grausamsten Qualen aussetzen und dann dem schändlichsten Tod übergeben".

Türken

Wien ist schon lange Ziel allen Sehnens und Strebens für die Herrscher der Hohen Pforte. Jahrhundertelang haben die Europa berannt, 1521 fiel Belgrad an sie, fünf Jahre später eroberten sie den größten Teil Ungarns. Sogar vor Wien standen sie bereits einmal, 1529. Doch damals kam den Belagerten ein früher Wintereinbruch zu Hilfe, der die Türken zum Abzug zwang.

Diesmal muss es also klappen. Wer Wien unterwirft, kontrolliert den Zugang nach Westeuropa. Sultan Mehmed will sein Reich dorthin ausdehnen. Deshalb übergibt er die grüne Fahne des Propheten an seinen Großwesir Kara Mustafa, auf dass der sie über den Zinnen von Wien hisse.

Am 13. Juli gelangt die Vorhut der Türken nach Wien. "Der Herzog von Lothringen, der damals noch auf der Praterinsel stand, ließ sofort die Vorstädte anzünden", notierte Oberstleutnant Johann Georg von Hoffmann später. Dem Feind soll keine Deckung geboten werden. Innerhalb der gewaltigen Bastionen, die Wien umschließen, ist die Lage verzweifelt. Feldzeugmeister Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, dem Kommandanten der Stadt, unterstehen etwa 11.000 Soldaten und weniger Geschütze als Kara Mustafa. Schon eine Woche vorher hatten sich kaiserliche Savoyen-Dragoner mit Tatarenschwärmen, die auf Seiten der Türken kämpfen, bei Regelsbrunn ein Gefecht geliefert. In Panik setzt sich, wer Geld und Wagen hat, aus Wien nach Westen ab; vorneweg rollt die Kutsche des Kaisers.

Krieg der Kanoniere und Baumeister

Europa hat den Sturm aus dem Osten kommen sehen. Jahrelang haben kaiserliche Gesandte in Venedig, beim Kurfürsten von Sachsen, in Bayern und beim polnischen König für die Türkenabwehr geworben. Es sind mühevolle Verhandlungen. Die muslimische Gefahr lässt Europas Fürsten ihre Ambitionen und Eitelkeiten keineswegs vergessen. So will der Polen-König Jan III. Sobieski sein Militärkontingent nur stellen, wenn er selbst den Oberbefehl führen darf - über alle kaiserlichen Truppen.

Noch Anfang Juli unterstehen Leopold I. viel zu wenig Soldaten, um Kara Mustafa, der mit mehr als 200.000 Mann anrückt, wirkungsvoll entgegentreten zu können. Es soll noch gut einen Monat dauern, bis die Alliierten ihre Armeen zusammengezogen haben.

Ende Juli schließt sich der Belagerungsring um Wien. Es ist ein Krieg der Kanoniere und Baumeister. Nachdem Kara Mustafa einen Platz für seine Zeltburg auf der Schmelz gefunden hat, lässt er seine Pioniere ein gewaltiges Labyrinth aus Laufgräben ausheben. Die Wiener wühlen ihre Schützengräben den Türken entgegen, versuchen mit Ausfällen die Bauarbeiten zu stören. Über die Köpfe der Grabenden und Kämpfenden rollt der Donner der Artillerie.

"Mit welchem Herzeleid ich unser liebes Vaterland also ruiniert ansehen muss", klagt in einem Brief an die Stadt Baron Georg Christoph von Kuniz, der als kaiserlicher Botschafter die Kämpfe aus dem Lager des Großwesirs mitansehen muss. Der Diplomat berichtet unter dem Schutz der Immunität, dass die Wiener "Hagelmörser de facto stattlichen Effekt getan und dem Feind großen Schaden zugefügt" hätten. Deshalb wolle Kara Mustafa "künftig den Unsrigen mit Minieren zusetzen". 5000 Mineure haben die Türken vor die Stadt gebracht. Sie treiben Stollen unter die Schanzen und bringen dort Sprengladungen an. Die erste explodiert am 23. Juli und schickt "100 oder 200 Giauren in das ewige Feuer der Hölle", wie ein türkischer Beobachter notiert.

Um Grabungen früh zu erkennen, stellen die Wiener in den Häusern nahe der Stadtmauer Wasserbottiche auf. Schlägt das Wasser Wellen, nähern sich die Türken. Die Stadtbesatzung gräbt ihnen entgegen. Treffen die Schächte aufeinander, entbrennen Gefechte unter der Erde.

Das süßliche Fleisch der gebratenen Katzen

Die Situation wird immer ernster. Graf Starhemberg lässt jeden verpflichten, der Waffen tragen kann. Studenten kämpfen gegen die Türken Seite an Seite mit Handwerkern und Gastwirten. Die haben ohnehin wenig zu tun. Denn längst sind die Lebensmittel im verwöhnten Wien knapp, die Bürger brutzeln sich schon "Dachhasen". Das süßliche Fleisch der gebratenen Katzen lasse sich mit gesalzenem Speck "temperieren", empfiehlt ein Zeitgenosse.

Doch auch Kara Mustafa gerät im August langsam unter Zeitdruck. Der Sturm der Türken hat sich vor den Wiener Bastionen verrannt, die Truppen erleiden hohe Verluste. Nachts stehlen sich Deserteure davon. Essen wird knapp, weil die Tataren die Umgebung verwüstet haben. Vor allem aber droht nun die Ankunft einer alliierten Streitmacht. Allein Jan III. Sobieski führt von Norden 27.000 Polen und Litauer heran.

Doch Kara Mustafa wendet sich nicht von Wien ab und dem neuen Feind entgegen. Er versucht stattdessen im Wettlauf gegen die Zeit, die Stadt einzunehmen, bevor der Entsatz da ist - ein schwerer strategischer Fehler.

Sobieski will losschlagen. In einem Brief an seine Gemahlin Maria Kasimira beschwert er sich über "endlose Kriegsversammlungen, die Langsamkeit, die Unentschlossenheit" und "Ärgernisse, welche die Etikette" bei den Zusammenkünften der alliierten Heerführer mit sich bringt. Endlich, am 12. September, können die fast 60.000 Mann aus Venedig, Bayern, Sachsen, Franken, Schwaben, Baden, Oberhessen und Polen angreifen. Oberstleutnant Hoffmann aus Wien: "Die ganze Stadt war auf die Wälle geeilt, und heiße Gelübde stiegen zum Himmel empor." Zwölf Stunden wogt der Kampf, der als "Schlacht am Kahlenberg" in die Geschichte eingeht. Den entscheidenden Schlag führt Sobieski mit der Kavallerie von den Höhen des Wienerwaldes hinab. Die Türken wenden sich zur Flucht.

Wien atmet nach 61 Tagen Belagerung auf. "Die ganze Artillerie, das ganze Lager der Osmanen, unermessliche Reichtümer sind uns in die Hände gefallen", schreibt Sobieski an seine Frau: "Gott sei hochgelobt in Ewigkeit!" Die kaiserlichen Truppen verzichten darauf, den Türken nachzusetzen, und plündern lieber das verlassene feindliche Lager. Die Katastrophe vor Wien markiert den Anfang vom Ende des Osmanischen Reiches.

"Ist mir der Tod bestimmt?"

Nach der Schlacht treffen sich Sobieski und der Kaiser bei Schwechat vor Wien. Die Atmosphäre ist frostig: Leopold kann den kämpferischen Lebemann aus Polen nicht leiden, der dazu noch den Sieg gegen die Türken erfochten hat. Er fürchtet wohl, das Königreich Polen könnte noch stärker werden. Tatsächlich fügt Sobieski den Türken in der folgenden Zeit weitere schwere Niederlagen zu. Dennoch gelingt es den Polen nicht, aus ihren Verdiensten um die Türkenabwehr auf Dauer neues politisches Gewicht in Europa zu gewinnen. Nach dem Tod Sobieskis 1696 versinkt das Wahlkönigreich sogar im Chaos.

Österreich

Habsburg unter Leopold nutzt dagegen den Sieg, um die Osmanen aus Ungarn und Siebenbürgen zu vertreiben. 1687 beschließt der ungarische Reichstag, dass die Habsburger fortan ein erbliches Recht auf die Stephanskrone haben sollen. Erst 1699 endet der sogenannte Große Türkenkrieg, in dessen Verlauf Prinz Eugen von Savoyen zum führenden Feldherrn des Hauses Österreich aufsteigt. Die Monarchie in Wien kann sich nun als Beschützer des Abendlandes gerieren. Bis zum Ersten Weltkrieg bleibt die Hegemonialmacht im südöstlichen Europa.

Kara Mustafa setzt sich nach der Schlappe vor Wien nach Belgrad ab. Dort erreichen ihn Gesandte des Sultans, der die grüne Fahne zurückfordert. "Ist mir der Tod bestimmt?", fragt er die Delegation. "Gewiss, es muss sein", lautet die Antwort. Noch vor dem Mittagsgebet am 25. Dezember lässt Kara Mustafa die Henker eintreten. Er hebt seinen Vollbart, damit sie die Seidenschnur gut anlegen können. Zwei- oder dreimal ziehen sie die Schlinge zu, dann ist der Belagerer Wiens tot.