Übergewicht Die dicken Ratten von Indien

Sie sind die fettesten Ratten der Welt - und bergen möglicherweise den Schlüssel zu einem Gen, das für Übergewicht verantwortlich ist. Mit Hilfe einer Kolonie dickleibiger Nager wollen indische Wissenschaftler dem Volksleiden jetzt auf den Grund gehen.


Sumo-Ratten: Vier mal so schwer wie normale Tiere
Nappan Veettil Giridharan

Sumo-Ratten: Vier mal so schwer wie normale Tiere

Ihre Beine sind unter den Fleischbergen kaum zu erkennen. Zwischen 900 Gramm und einem Kilo wiegen die Mitglieder einer Rattenkolonie, die Forscher am Indischen Nationalinstitut für Ernährung gezüchtet haben. Die dickste von ihnen schaffte es gar auf ein Gewicht von 1,4 Kilogramm - das ist vier mal so viel wie eine Durchschnittsratte auf die Wage bringt. Ausgerechnet diese unansehlichen Tiere sollen nun ein Geheimnis lüften, das Wissenschaftler seit langem beschäftigt: die Ursache von Übergewicht.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein bestimmtes Gen ihre Versuchstiere anfällig für Übergewicht macht. Denn obwohl die fetten Nager nach internationalen Standards für die Haltung von Labortieren ernährt werden, nehmen sie ständig zu. Aufgrund ihrer Veranlagung essen sie vier mal so viel wie eine normale Ratte, berichteten die Wissenschafter gegenüber BBC Online.

Dicke sterben früher

Von der Entdeckung des Fettsucht-Gens erhoffen sich die Forscher positive Auswirkungen auf die Weltgesundheit. Denn dass Übergewicht krank macht, konnten sie auch am Beispiel ihrer fetten Labortiere bestätigen: Mit zunehmendem Körperumfang traten bei diesen auch vermehrt degenerative Erkrankungen auf.

Tiere mit und ohne Fettsucht: Genetische Ursachen bislang unbekannt
Nappan Veettil Giridharan

Tiere mit und ohne Fettsucht: Genetische Ursachen bislang unbekannt

Alle Pummelratten waren unfruchtbar, die meisten litten unter Veränderungen der Nieren. Etwa 60 Prozent entwickelten Brustkrebs, bei 20 Prozent trübte sich die Linse im Auge. Das Übergewicht wirke sich auch auf die Lebenserwartung ungünstig aus, so die Wissenschaftler: Während eine durchschnittliche Ratte ein Alter von drei Jahren erreichen kann, wurde keiner der Vielfraße älter als 18 Monate.

Die Suche nach Erbanlagen, die für Fettsucht verantwortlich sind, ist nicht ganz neu: Bereits 1994 bestimmte Jeffrey Friedmann von der New Yorker Rockefeller-Universität mit seinen Kollegen ein Gen, das Mäuse dick werden lässt.

Hormon Leptin macht Mäuse schlank

Das Gen beeinflusst die Ausschüttung eines Hormons, das satt macht. Dieses so genannte Leptin fehlte den übergewichtigen Mäusen, sie fraßen ungebremst weiter. Bei Menschen angewandt, zeigte das Hormon jedoch nur selten Wirkung, nämlich nur dann, wenn die Leptin-Produktion gestört war.

Auch die Laborratten in Indien blieben von einer Leptineinnahme gänzlich unbeeindruckt - und somit rund. Es müsse also noch ein anderes Gen geben, das für Übergewicht verantwortlich ist, sagte Nappan Veettil Giridharan vom Indischen Nationalinstitut für Ernährung der BBC. Die Herausforderung bestehe nun darin, dieses zu isolieren. So könne es irgendwann doch ein Medikament gegen Übergewicht geben, glaubt der Forscher.





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