Übergewicht Muttermilch schützt vor Fettsucht

Ein spezielles Protein in der Muttermilch senkt das Risiko für Kinder, im späteren Leben fettleibig zu werden. Die Mütter geben das Eiweiß beim Stillen an ihre Babys weiter und können so deren Stoffwechsel langfristig beeinflussen.


Dicke am Ostsee-Strand: "Ernährungsbewegung für Deutschland"
DPA

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Ärzte wissen schon lange, dass der Grundstein für starkes Übergewicht in der Kindheit gelegt wird. Umso alarmierter registrieren sie deshalb, dass immer mehr Kinder zu dick sind. In Bayern gelten beispielsweise über 11 Prozent der Schulanfänger als übergewichtig, in Brandenburg sogar mehr als 15 Prozent. Als Hauptursache werden falsche Ernährung und mangelnde Bewegung genannt.

Die amerikanische Forscherin Lisa Martin aus Cincinatti hat nun herausgefunden, dass die Weichen für eine Speck-Karriere bereits im Säuglingsalter gestellt werden. Sie untersuchte die Muttermilch von zehn verschiedenen Frauen und entdeckte darin ein Protein namens Adiponectin. Es senkt das Risiko für gestillte Kinder, im späteren Leben stark übergewichtig zu werden und an Stoffwechselkrankheiten zu leiden. Durch das Stillen können Mütter so den Stoffwechsel ihrer Kinder langfristig beeinflussen, berichtete das Team um Martin vom Kinderkrankenhaus in Cincinatti (USA) auf der Jahrestagung der American Pediatric Society in San Francisco.

Die Theorie, dass Stillen die Kinder vor späterem Übergewicht schützen kann, war bisher umstritten: Es war lange unklar, worin genau die Schutzfunktion des Stillens bestehen könnte. Diese Lücke schließen nun die US-Forscher mit der Entdeckung des Proteins Adiponectin in der Muttermilch.

Stillende Mutter: Stoffwechsel in früher Kindheit dauerhaft programmieren
ABDA

Stillende Mutter: Stoffwechsel in früher Kindheit dauerhaft programmieren

Das Eiweiß wird von Fettzellen abgegeben und bestimmt, wie Zucker und Fette vom Körper verarbeitet werden. Eine höhere Konzentration von Adiponectin im Blut scheint die Häufigkeit von Krankheiten wie Insulinresistenz, Fettleibigkeit, Diabetes vom Typ-2 und Erkrankungen der Herzkranzgefäße zu reduzieren, so die Wissenschaftler.

Martin und ihre Kollegen wiesen neben Adiponectin auch Leptin in der Muttermilch nach. Dieses Hormon spielt im Fettstoffwechsel vermutlich ebenfalls eine entscheidende Rolle, denn es signalisiert dem Körper, dass er satt ist. Sind diese Stoffe in der Muttermilch vorhanden, könnten sie den Stoffwechsel in der frühen Kindheit dauerhaft programmieren, vermutet die Forscherin. Auf diese Weise werde die Veranlagung zur Fettleibigkeit unterdrückt.

Unterdessen hat Verbraucherministerin Renate Künast angesichts der zunehmenden Gewichtsprobleme der Deutschen eine "Ernährungsbewegung für Deutschland" ausgerufen. Schon mehr als die Hälfte der Deutschen sei übergewichtig, jeder fünfte fettleibig, sagte die Grünen-Politikerin auf der Jahrestagung des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde in Berlin. Die volkswirtschaftlichen Kosten wurden schon vor Jahren auf jährlich 57 Milliarden Euro beziffert.

"Weder die Politik noch die Wirtschaft können sich der Verantwortung entziehen. Und auch nicht die Schule und das Elternhaus", sagte Künast. Zur wirksamen Prävention sei eine Ernährungserziehung in der Schule unerlässlich. "Das Wissen über gesunde Ernährung ist erschreckend schlecht." Ständig neue Diätwellen seien keine Lösung.



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