Neue Überwachungstechnik Die Geschwindigkeit verrät das Ziel

Allein der Startpunkt und ein Geschwindigkeitsprotokoll verraten, wohin ein Auto unterwegs ist. Versicherungen in den USA erfassen diese Daten bereits.
Ortsbestimmung per GPS: Es geht auch allein über den Geschwindigkeitsverlauf

Ortsbestimmung per GPS: Es geht auch allein über den Geschwindigkeitsverlauf

Foto: Corbis

Es geht auch ganz ohne Peilsender: Forscher haben ein Verfahren entwickelt, das ganz neue Formen der Überwachung möglich macht. Noch ist die "elastic pathing" genannte Technik zwar nicht so genau wie die Verfolgung über einen GPS-Sender oder das Signal eines Mobiltelefons. Auf einen halben Kilometer konnten Janne Lindqvist und Kollegen der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey den Zielort aber bestimmen - und das allein anhand des Starpunkts und der Geschwindigkeiten eines Autos.

Der Trick hinter der Technik ist, die gefahrenen Geschwindigkeiten mit Straßenverläufen abzugleichen. Angenommen, jemand wohnt an einem Ende einer ruhigen Straße, in der nur 30 Stundenkilometer erlaubt sind. Fährt er nach dem Start nur eine kurze Strecke Tempo 30, ist er zum kurzen Ende der Straße hin abgebogen. Fährt er dagegen einen längeren Zeitraum in dieser gemütlichen Geschwindigkeit, hat er sich zum längeren Ende der Straße hin gewendet.

Nach diesem Prinzip geht es weiter. Führt ein Abbiegen nach links auf eine Schnellstraße, ein Abbiegen nach rechts aber auf eine kleine Straße mit vielen Ampeln, lässt sich aus den nächsten Geschwindigkeitsdaten wieder die Richtung nachvollziehen: Fährt der Fahrer eine lange Strecke in einer hohen Geschwindigkeit, hat er die Schnellstraße auf der linken Seite genommen, bewegt er sich langsam mit vielen Stopps voran, ist er rechts abgebogen. Über den ständigen Abgleich seiner Geschwindigkeiten mit dem Stadtplan kann seine Route berechnet werden.

Passt genau: Mit "elastic pathing" berechnete Route (in Schwarz) stimmt mit tatsächlich gefahrener Strecke (in Rot) überein

Passt genau: Mit "elastic pathing" berechnete Route (in Schwarz) stimmt mit tatsächlich gefahrener Strecke (in Rot) überein

Foto: Rutgers

Versicherungen messen Geschwindigkeiten bereits

Für die Entwicklung des Verfahrens haben die Forscher die Daten von sechs Fahrern aus New Jersey erfasst, die in 240 Fahrten 46 unterschiedliche Ziele anfuhren. Hinzu kamen die Daten von 21 Fahrern in Seattle, die 691 Fahrten absolvierten. Bei über 20 Prozent aller Fahrten lagen die Forscher mit ihrer Schätzung des Zielpunkts weniger als einen halben Kilometer daneben. Je öfter ein Fahrer eine Strecke zurücklegte, desto genauer wurde die Prognose. Ihre Ergebnisse wollen die Forscher Mitte September auf der ACM International Joint Conference on Pervasive and Ubiquitous Computing (UbiComp 2014) in Seattle vorstellen.

Bereits jetzt ist es in den Vereinigten Staaten üblich, dass Autoversicherungen die Geschwindigkeiten und damit das Fahrverhalten ihrer Klienten überwachen. Fahrer, die hohe Geschwindigkeiten und rasante Fahrmanöver vermeiden, können so belohnt werden. Mit der neuen Technik ließen sie sich aber auch überwachen.

"Die Versicherungsgesellschaften behaupten, durch die Geschwindigkeitsmessungen würde die Privatsphäre nicht verletzt, weil ja die Standorte nicht aufgezeichnet werden", so Lindqvist. "Aber wir haben gezeigt, dass mit den Geschwindigkeitsdaten und dem Ausgangspunkt eben doch der Verlauf der Fahrt bestimmt werden kann."

Noch ist das allerdings Zukunftsmusik. "Elastic pathing" befindet sich erst in der Entwicklungsphase. Außerdem hätten Versicherungen kein Interesse an einer Ortsbestimmung ihrer Kunden. "Ich sage nicht, dass Versicherungen keine Geschwindigkeiten überwachen sollten", erklärt Lindqvist. "Ich sage nur, dass sie nicht behaupten sollen, dadurch könne die Privatsphäre nicht verletzt werden."

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