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05. Februar 2007, 13:27 Uhr

Überwachung

USA wollen Gentests massiv ausweiten

Nicht nur verurteilte Schwerverbrecher, auch verdächtige Inhaftierte und illegale Immigranten sollen in den USA demnächst DNA-Proben abgeben. Das könnten bis zu eine Million zusätzliche Analysen pro Jahr sein - das zuständige FBI-Labor wäre überfordert.

Derzeit warten schon 150.000 DNA-Proben von verurteilen Kriminellen darauf, in das "National DNA Index System" der USA eingelesen zu werden. Schon bald könnte diese Warteschlange noch bedeutend länger werden: Der US-Kongress hatte der Gesetzesnovelle nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit schon Anfang 2006 zugestimmt. Ihr zufolge soll in Zukunft auch das Erbgut von illegalen Einwanderern und Gefängnisinsassen - egal ob verurteilt oder nur verdächtigt - untersucht werden.

DNA-Test: Eine Speichelprobe liefert das Zellmaterial.
DDP

DNA-Test: Eine Speichelprobe liefert das Zellmaterial.

Jetzt kommen von allen Seiten Bedenken: Bürgerrechtler und Immigranten-Anwälte warnen vor aggressiver Überwachung, und das zuständige Labor wähnt sich überfordert mit der zukünftigen Datenflut.

Zwei Abgeordnete der Republikaner hatten die Novelle 2006 in Gang gesetzt. Den Angaben von Arizonas Senator Jon Kyl zufolge werden 13 Prozent der illegalen Einwanderer straffällig. "Einige von ihnen sind sehr schlechte Menschen", sagte Kyl zur "New York Times". "Die Zahl der sexuellen Übergriffe durch illegale Immigranten ist erstaunlich. Bislang haben wir nur ein Fingerabdrucksystem, aber das ist nicht so genau, wie es sein könnte."

Opferorganisationen wie das Netzwerk gegen Vergewaltigung, Missbrauch und Inzest (Rape, Abuse und Incest National Network) begrüßen das strenge Vorhaben. "Je größer die Datenmenge von DNA-Analysen, desto besser", sagte Netzwerk-Sprecherin Lynn Parrish. "Wenn die Methode schon vor Jahren eingesetzt worden wäre, hätten viele Verbrechen verhindert werden können."

Anwälte sehen das anderes: "Ein Fingerabdruck identifiziert lediglich die Person, die sie hinterlassen hat", erklärt Peter Neufeld, Jurist und Vorstandsmitglied vom Innocence Project, das zu Unrecht Verurteilte zu schützen versucht. "DNA-Profile hingegen geben physische und mentale Krankheiten preis." Auch die Vereinigung der amerikanischen Immigrations-Anwälte gibt gegenüber der "New York Times" zu bedenken, dass einige der inhaftierten Einwanderer fälschlicherweise verhaftet werden. Verteidiger David Leopold aus Cleveland ergänzt: "Es ist eine Schande, einen Menschen, der gegen die Einwanderungsgesetzte verstoßen hat, gleichzusetzen mit einem verdächtigten Sexualstraftäter."

Neben den moralisch-ethischen und juristischen Streitigkeiten existiert aber noch ein weiteres Problem. Zuständig für die Untersuchung der DNA-Proben, die etwa von einem Stück Schleimhaut an der Wangeninnenseite erstellt werden, ist das Labor der US-Bundespolizei FBI. Es registriert, analysiert und speichert die Daten. Die werden dann in Profile umgewandelt, die ein Computer lesen und bei Bedarf wieder ausspucken kann - ein aufwändiges Unterfangen.

Sollte der Erlass so umgesetzt werden wie geplant, könnten die Zahlen der zu untersuchenden Proben um bis zu eine Million pro Jahr zunehmen. Das würde das System mit seiner schon jetzt langen Warteschlange hoffnungslos überfordern. Ein FBI-Mitarbeiter nennt diesen Fall gegenüber der "New York Times" das "schlimmste Szenario" und warnt vor einem deutlichen "Engpass".

hei

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