Christian Stöcker

Uefa und Exxon Hört nicht auf die Verlierer

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Die Uefa facht rücksichtslos die neue Coronawelle an, Ölkonzerne lobbyieren weiter kräftig für die Zerstörung des Planeten. Man kann psychologisch erklären, woran das liegt – und was dagegen zu tun ist.
Englische Fans

Englische Fans

Foto: Christian Charisius / picture alliance / dpa
»Wir haben auf unsere Investitionen aufgepasst. Wir haben auf unsere Aktionäre aufgepasst.«

Exxon-Lobbyist Keith McCoy im Gespräch mit einem vermeintlichen Headhunter

Der erschütterndste Fußballmoment der zurückliegenden Woche war nicht der, als Harry Kane in der 86. Minute des Achtelfinales das deutsche Tor traf. Der erschütterndste Moment kam ein paar Minuten später. Die Bildregie der Uefa zeigte, ausführlich und in Großaufnahme, ein Mädchen von acht oder neun Jahren im deutschen Trikot, verzweifelt weinend. Anwesende berichten, dass in Wembley Jubel ausbrach, als das Bild auf den Stadionleinwänden gezeigt wurde. Aber das war nicht das Ende der Geschichte.

Ich war in diesem Moment erschrocken über diese bemerkenswerte Persönlichkeitsrechtsverletzung gegen eine zweifellos Minderjährige. Ich beklagte mich bei Twitter und wurde von diversen anderen Twitterern darüber belehrt, dass man seine Persönlichkeitsrechte mit dem Kauf eines Tickets für die Dauer des Spiels an die Uefa abtrete – und offenbar die seiner Kinder gleich mit.

Ich persönlich halte Letzteres für sittenwidrig und würde mich freuen, wenn die Eltern des Mädchens das mal vor Gericht prüfen lassen würden. Als Nächstes geschah dann nämlich das, was Leute, die sich ein bisschen mit sozialen Medien beschäftigen, in so einem Moment erwarten.

Anhänger des englischen Teams, die ich lieber nicht »Fans« nennen möchte, begannen, Screenshots oder Fotos des weinenden Mädchens bei Twitter und anderswo zu verbreiten, mit Kommentaren wie »Glaubst du, wir haben vergessen, dass dein Opa Anne Frank ermordet hat, du kleine Nazischlampe?« oder »Spritzt mir das direkt in die Venen«, garniert mit vier Lachtränensmileys. Das weinende Mädchen wurde zum Meme.

Diverse Twitterer berichteten von jubelnden englischen Pub-Besuchern angesichts des Bildes eines weinenden Kindes. Die Geschichte schaffte es sogar bis in Medien in Australien. Das Ganze war vielen Engländern sehr peinlich, und viele sagten das auch öffentlich, darunter Ex-Fußballprofis. 

Superspreader-Events für Delta

Es war aber, wenn man englische Fußballfans kennt – ich habe da ein paar persönliche Erfahrungen –, das Gegenteil von überraschend.

Der ganze Vorgang ist für mich ein Sinnbild des moralischen Kompasses der Uefa: Sie hat keinen. Dabei allerdings ist sie konsequent: Ein halbes Dutzend der Topsponsoren des Turniers stammt aus totalitären oder autokratischen Staaten. Dann war da diese Sache mit dem Regenbogenstadion. Und dann natürlich die Tatsache, dass der sogenannte Europäische Fußballverband jetzt wissentlich und gegen den sehr expliziten Rat der Fachleute wacker Superspreader-Events für die Delta-Variante des Coronavirus organisiert.

Die schottische Gesundheitsbehörde bringt schon jetzt knapp 2000 Coronafälle mit Reisen zu EM-Spielen in Verbindung, finnische Fans haben sich offenbar in Russland angesteckt. Und das ist ohne Zweifel erst der Anfang. Was passiert erst, wenn im Delta-Krisengebiet England tatsächlich ein Finale mit 60.000 Zuschauern stattfindet?

Das ist doch nicht illegal!

Die Uefa ist, das legt die Pandemie nun noch schonungsloser offen als alle vorangegangenen Fehltritte, eine Organisation, die monetären Ertrag allen anderen Erwägungen voranstellt. Auch, wie jetzt deutlich wird, den Verlust von Menschenleben. Ich finde es erstaunlich, dass europäische Staaten das mit sich machen lassen.

Auf der anderen Seite gibt es da gewisse Parallelen zu anderen sehr lukrativen Geschäftsmodellen, die ohne Rücksicht auf Menschenleben weiterhin kurzfristige geschäftliche Interessen verfolgen.

Der eingangs zitierte Exxon-Lobbyist Keith McCoy berichtete in einem von Greenpeace inszenierten Gespräch,  in dem es um einen vermeintlichen Jobwechsel ging, freimütig von den Desinformationsaktivitäten, die sein Unternehmen nach wie vor betreibe. Natürlich habe man »aggressiv die Wissenschaft bekämpft« und »Schattengruppen« unterstützt, die den menschengemachten Klimawandel leugneten, und man lobbyiere heimlich und heftig gegen Joe Bidens »wahnsinnige« Klimapläne, aber das sei ja »nicht illegal«.

Exxon brachte in einer Reaktion gegenüber der »New York Times« das Kunststück  fertig, sich gleichzeitig zu entschuldigen und alle Schuld von sich zu weisen.

Das vernichtete Dorf

Das wegen seiner Menetekelhaftigkeit global erschütterndste Nachrichtenereignis der Woche hatte nichts mit Fußball zu tun: Es war die Vernichtung des Dorfes Lytton in Kanada. Zuerst stellte der Ort mit einer Temperatur von 49,6 Grad Celsius im Schatten einen Allzeit-Hitzerekord auf. Dann brach ein Feuer aus und zerstörte innerhalb weniger Stunden fast den gesamten Ort.

Wie mittlerweile allgemein bekannt sein sollte, werden solche Ereignisse in den kommenden Jahren mit jedem weiteren Zehntelgrad, um das sich die Erdatmosphäre zusätzlich erwärmt, immer wahrscheinlicher, also auch immer häufiger werden. Das Gleiche gilt für die Extremwetterereignisse, die in der zurückliegenden Woche in vielen deutschen Gegenden für Chaos und Zerstörung gesorgt haben. Der Zusammenhang zwischen Erwärmung und Extremwetter ist lange bekannt, gut belegt, die Fachleute warnen seit vielen Jahren davor.

Die CO₂-Zufuhr darf nicht abreißen

Aber bei Exxon passt man weiterhin tapfer auf die Interessen »unserer Aktionäre« auf, indem man dafür sorgt, dass die CO₂-Zufuhr in die Atmosphäre auch ja nicht abreißt. Dabei bewohnen doch auch diese Aktionäre zweifelsfrei den gleichen Planeten.

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Pia Pritzel / DER SPIEGEL

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Dem kurzfristigen Gewinn wird alles andere untergeordnet, auch die Zukunft der Menschheit. Die kognitiven Abwehrmechanismen der Leute, die da Entscheidungen treffen und umsetzen, müssen permanent auf Hochtouren laufen.

Die Aussage des Exxon-Managers, »wir haben auf unsere Investitionen aufgepasst«, könnte wortgleich auch aus der Uefa-Führungsspitze stammen. Natürlich ist es irrational, die Zerstörung des Planeten voranzutreiben oder eine Pandemie anzufachen. Es ist aber ein Ergebnis der psychologischen menschlichen Grundkonstante »Verlustaversion«: Menschen sind im Zweifel bereit, viel mehr zu tun, um einen nahen Verlust zu vermeiden, als sich – oder gar anderen! – einen Gewinn zu verschaffen. Um den legendären Psychologen Daniel Kahneman zu zitieren:

»Reformpläne, so wie sie ursprünglich ausgearbeitet wurden, produzieren fast immer viele Gewinner und einige Verlierer, während sie insgesamt eine Verbesserung erzielen. Wenn die von den Maßnahmen Betroffenen politischen Einfluss besitzen, werden die potenziellen Verlierer allerdings aktiver und entschlossener sein als die potenziellen Gewinner; das Ergebnis wird daher zu ihren Gunsten verzerrt (…) sein.« (Schnelles Denken, langsames Denken, 2012)

Bei der Klimakrise gilt das Gleiche wie bei der Pandemie: Die vielen Gewinner einer effektiven Bekämpfung, das sind wir alle. Es wird Zeit, den politischen Einfluss der Verlierer zu begrenzen – und ihnen endlich entschlossen entgegenzutreten.

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