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20. März 2008, 15:30 Uhr

Umfrage

Republikaner halten US-Gesundheitssystem für Weltspitze

Die USA haben als einziger Industriestaat der Welt kein umfassendes staatliches Gesundheitssystem, Millionen besitzen keine Krankenversicherung. Doch laut einer Umfrage hält die Mehrheit der regierenden Republikaner das US-System für das beste der Welt.

Boston - Warnen deutsche Politiker vor amerikanischen Verhältnissen, ist damit nicht selten der drohende Verfall der deutschen Gesundheitsversorgung gemeint. Tatsächlich sind die USA das einzige industrialisierte Land ohne universelle staatliche Krankenversorgung. Das bedeutet zwar nicht, dass die USA in jeder Hinsicht den anderen Industriestaaten hinterherhinken - doch insbesondere die Mitglieder der republikanischen Partei haben eine äußerst wohlwollende Meinung über das System in ihrem Land, wie eine groß angelegte Umfrage anlässlich der Präsidentschaftswahl 2008 jetzt ergab.

Notaufnahme einer Klinik in Atlanta: Republikaner halten US-Gesundheitssystem für das beste der Welt
AP

Notaufnahme einer Klinik in Atlanta: Republikaner halten US-Gesundheitssystem für das beste der Welt

Bei der Erhebung, für die die Harvard School of Public Health (HSPH) und das Meinungsforschungsinstitut Harris Interactive 1026 Teilnehmer befragten, hielten 68 Prozent der Republikaner das US-Gesundheitssystem für das beste der Welt. Die Parteigänger von Präsident George W. Bush unterscheiden sich darin deutlich von den oppositionellen Demokraten, bei denen nur etwa jeder Dritte (32 Prozent) dieser Meinung war.

Auch Bush selbst behauptet immer wieder, die staatliche Krankenversorgung in den USA sei weltweit führend. Auf seine Wählerschaft bleibt das offenbar nicht ohne Wirkung: Nur 19 Prozent der Republikaner gaben bei der Umfrage an, dass sie bei der kommenden Präsidentschaftswahl für einen Kandidaten votieren würden, der das US-Gesundheitssystem dem von anderen Staaten wie Kanada, Großbritannien oder Frankreich anpassen wollte. Dagegen würden 56 Prozent der Demokraten einem solchen Bewerber ihre Stimme geben.

Auch hält jeder vierte Republikaner das US-System für das weltbeste, wenn es darum geht, allen Bürgern eine bezahlbare Versorgung zu ermöglichen. Daran aber glaubt nicht einmal jeder fünfte Demokrat (19 Prozent) - zu Recht angesichts der Ergebnisse bisheriger Untersuchungen. Denn die Unterschiede in der Qualität der Versorgung innerhalb der USA sind gewaltig.

"Acht Amerikas" bei der Lebenserwartung

2006 etwa haben Forscher der Harvard School of Public Health und der Harvard Initiative for Global Health Statistiken der Jahre 1982 bis 2001 ausgewertet. Dabei haben sie enorme Unterschiede bei den Lebenserwartungen erkannt, je nachdem, welcher ethnischen Gruppe die Menschen angehörten, aus welchem Land sie stammten oder wie hoch ihr Einkommen war.

Am Ende kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass es "acht verschiedene Amerikas" der ethnischen und sozialen Gruppen gebe. Im Jahr 2001 hatten 15-jährige Schwarze demnach eine drei- bis viermal höheres Risiko als Asiaten, vor ihrem 60. Lebensjahr zu sterben. Für den Tod vor dem 45. Lebensjahr lag das Risiko der Schwarzen sogar vier- bis fünfmal so hoch. In armen Gegenden mit hoher Verbrechensquote waren junge Afroamerikaner der Studie zufolge in etwa den gleichen Todesrisiken ausgesetzt wie Bewohner afrikanischer Staaten südlich der Sahara.

Als Gründe nannten die Wissenschaftler Verletzungen und chronische Erkrankungen, Krebs und Diabetes - die bekanntermaßen auf kontrollierbare Risikofaktoren wie Tabak- und Alkoholkonsum oder Übergewicht basieren. Insbesondere in städtischen afroamerikanischen Gemeinden kämen Morde und Aids als wichtige Todesursachen hinzu. Ein weiteres Ergebnis der Harvard-Studie: Die Lücken zwischen den Lebenserwartungen der unterschiedlichen Amerikas sind zwischen 1982 und 2001 keineswegs kleiner geworden.

Aktuellen Statistiken zufolge ist nur etwas mehr als ein Viertel der US-Bevölkerung in einem von mehreren staatlichen Programmen krankenversichert. Etwa 60 Prozent sind über ihren Arbeitgeber versichert, Tendenz fallend. Das U.S. Census Bureau ging für das Jahr 2006 davon aus, dass 16 Prozent der Bevölkerung - was knapp 50 Millionen Menschen entspricht - überhaupt keine Krankenversicherung besitzen.

mbe

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