SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. April 2007, 15:40 Uhr

Umstrittene Abwehr

Experten warnen vor Bushs löchrigem Raketenschild

Von

Experten protestieren gegen die US-Pläne, den Raketenschild auf Europa auszudehnen. Das System würde die Atomwaffen-Machtbalance auf der Welt gefährlich erschüttern - die Regierung Bush nehme gar eine nukleare Katastrophe in Europa in Kauf.

Die Ausgangslage schien günstig für die Regierung Bush. Auf der einen Seite Iran - ein Land, das britische Soldaten kidnappt, an der Atombombe bastelt, Menschenrechte mit Füßen tritt und Israel mit der Auslöschung droht. Auf der anderen Seite die USA, die allein mit technischen Mitteln die westliche Welt vor einer Bombe der Mullahs beschützen können. Behaupten zumindest US-Militärs.

Abschuss einer SM-3-Abfangrakete von Bord eines US-Kreuzers: Die USA wollen den Raketenschild auf Europa ausdehnen
AP / U.S. Navy

Abschuss einer SM-3-Abfangrakete von Bord eines US-Kreuzers: Die USA wollen den Raketenschild auf Europa ausdehnen

Doch so sehr die US-Regierung sich auch bei ihren Verbündeten bemühte: Die geplante Ausweitung ihres Raketenabwehrsystems auf Europa ist heftig umstritten. Washington will in Tschechien ein hochauflösendes sogenanntes X-Band-Radar stationieren, außerdem in Polen zehn Abfanggeschosse. Das erklärte Ziel: der Schutz der USA und Europas vor ballistischen Raketen aus Iran.

Experten aber halten das Vorhaben für gefährlichen Unsinn, sowohl aus technischer als auch politischer Sicht. Das wurde jetzt bei einer Tagung in Berlin erneut deutlich. Die Fachleute sind nicht nur davon überzeugt, dass der Raketenschild nie vollständige Sicherheit bieten wird - und nur sie zählt im Falle eines Atomangriffs. Sie glauben auch nicht daran, dass die US-Regierung in erster Linie ihr Territorium zuverlässig vor Atomraketen schützen will (geschweige denn das der europäischen Verbündeten).

"Die Gefahr ist fiktiv"

"Die Gefahr iranischer Atomraketen ist fiktiv", sagte Jürgen Altmann, Physiker von der Universität Dortmund. Derzeit sei nicht einmal absehbar, wann der Mullah-Staat über Raketen verfüge, die Atomsprengköpfe tragen können. Auch über Atomwaffen selbst verfügt Iran noch lange nicht. Und nach der Entwicklung einer einfachen Kernspaltungsbombe vom Hiroshima-Typ ginge noch eine Reihe weiterer Jahre ins Land, ehe Iran einen Hightech-Sprengkopf entwickelt hätte, der klein und leicht genug für den Transport auf einer Rakete wäre.

Selbst wenn Iran eines Tages funktionierende nukleare Langstreckenwaffen besäße: "Die Iraner wären kaum verrückt genug, mit einer solchen Waffe einen offenen Angriff auf die USA oder einen ihrer Alliierten zu wagen", sagte Geoffrey Forden, der ebenfalls an der Berliner Tagung teilnahm.

Was also hat die US-Regierung im Sinn? Forden, Experte für strategische Waffen am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, erkennt in den US-Plänen für eine globale Raketenabwehr nicht nur defensive Zwecke: "Die USA wollen in Zukunft in der Lage sein, konventionelle Kriege gegen nuklear bewaffnete Staaten zu führen."

"Abschreckung ist ein Gefühl"

Das primäre Ziel der Global Missile Defense (GMD) sei nicht, andere Staaten vor Atomangriffen auf die USA oder gar Europa abzuschrecken. Denn die gewaltigen nuklearen Arsenale des Westens seien Abschreckung genug. Vielmehr solle "die Raketenabwehr sicherstellen, dass die USA nicht selbst von Angriffen auf andere Staaten abgeschreckt werden", sagt Forden. Schurkenstaaten mit Atomwaffen sollen das Gefühl bekommen, dass ihr Arsenal wertlos ist.

Das Kalkül: Potentaten wie der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il könnten die Supermacht künftig nicht mehr vorführen, nur weil sie Atomwaffen haben. Das gelte auch angesichts der Tatsache, dass das Abwehrsystem nach Ansicht von Fachleuten prinzipiell nie wirklich funktionieren kann. "Abschreckung ist ein Gefühl", sagt Forden.

Das aber betreffe nicht nur Nordkorea und Iran, sondern auch Russland und China. Auf der Berliner Tagung waren sich die Experten weitgehend einig: Der Raketenschild könnte das Verhältnis des Westens zu Russland und China nachhaltig schädigen und ein neues Wettrüsten auslösen. Insbesondere russische Interessen seien durch die Ausdehnung des Raketenschilds auf Europa direkt bedroht.

"Es ist sicherlich richtig, dass eine Radarstation und zehn Abfangraketen nicht das gesamte russische Atomarsenal obsolet machen", sagte Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Blicke man aber einige Jahre in die Zukunft, sehe die Sache völlig anders aus. Insbesondere das langfristige Ziel, die Zahl der Atomwaffen weltweit zu reduzieren, sieht Neuneck gefährdet. Installiere man in Europa ein Raketenabwehrsystem, wären die Russen niemals bereit, ihr Arsenal auf wenige Sprengköpfe zu verkleinern. "Die Globale Raketenabwehr ist das Ende der strategischen Abrüstung."

Das Zauberwort der Experten lautet Zweitschlagsfähigkeit: Das Abschreckungspotential von Atomwaffen beruht darauf, dass ein nuklearer Angriff mit einem vernichtenden Gegenschlag beantwortet würde. Dieses Konzept der "Mutual Assured Destruction" (MAD) hat die Menschheit im Kalten Krieg vor der nuklearen Vernichtung bewahrt - doch es funktioniert nicht mehr, wenn eine Atommacht ihr Drohpotential verliert.

Wie die gefühlte Bedrohung durch den Raketenschild zu einem Wettrüsten zwischen den USA, Russland und China führen könnte - und warum er die Gefahr einer atomaren Katastrophe in Europa birgt

Dazu müsse ein Raketenabwehrsystem nicht einmal hundertprozentige Sicherheit garantieren: Es genüge allein der Eindruck, dass die eigene Zweitschlagsfähigkeit herabgesetzt ist. "Sollte sich in Moskau ein solches Gefühl breit machen, wird das Folgen haben", sagte US-Experte Forden. "Die Globale Raketenabwehr würde die bisherige Balance eindeutig destabilisieren."

Moskaus bisherige Reaktionen auf die US-Raketenpläne scheinen das zu bestätigen. Vor einem "unausweichlichen Wettrüsten" hat Präsident Wladimir Putin in seiner berüchtigten Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar gewarnt. Seine Militärs sekundierten mit der Drohung, sich aus dem 1987 geschlossenen Vertrag über atomare Mittelstreckenraketen zurückzuziehen und Atomraketen des Typs Topol-M künftig mit Mehrfach-Sprengköpfen auszurüsten.

Denn um das Abwehrsystem zu überwältigen, hilft ein relativ einfaches Mittel: die Zahl der Sprengköpfe zu erhöhen. Je mehr Atombomben und Attrappen (die in modernen Gefechtsköpfen ebenfalls enthalten sind) auf das Zielgebiet zurasen, umso drastischer sinken die Chancen, alle anfliegenden Bomben abzufangen. "Deshalb wird die Raketenabwehr nicht, wie von den USA behauptet, Staaten vom Bau neuer Atomwaffen abhalten", sagte Neuneck. "Das Gegenteil ist der Fall."

Experten sehen die strategischen Interessen Russlands durch die Raketenpläne für Polen und Tschechien sehr wohl bedroht - auch wenn der frühere Nato-Oberbefehlshaber Klaus Naumann das Gegenteil behauptet. Dem Ex-General zufolge könnten russische Interkontinentalraketen nie von Abfangraketen aus Osteuropa vom Himmel geholt werden, weil sie über den Nordpol in Richtung USA fliegen würden. Etwas anderes zu behaupten, zeuge von "nahezu unglaublicher Unkenntnis" und sei eine "unverschämte Manipulation der Öffentlichkeit", sagte Naumann.

Kritik an Ex-General Naumann

Unter den Experten in Berlin löste das Kopfschütteln aus. "Herr Naumann war mir bis dahin nicht als technischer Experte aufgefallen", sagte der Dortmunder Physiker Altmann. Er hält es durchaus für möglich, dass in Polen stationierte Raketen russische Interkontinentalgeschosse auf dem Weg in die USA abfangen könnten. Wichtiger aber sei das geplante X-Band-Radar in Tschechien: Mit seiner Hilfe können Raketenstarts in Russland umfassend beobachtet werden.

Außerdem könnten die Abfangraketen in Polen auch zu offensiven Waffen umfunktioniert werden - möglicherweise mit nuklearen, auf jeden Fall aber mit konventionellen Sprengköpfen. Wegen der geografischen Nähe würden sie aus Sicht russischer Militärplaner eine große Bedrohung für die eigenen Atomraketensilos darstellen.

Dass der Raketenschild Europa sicherer macht, halten die Fachleute in Berlin für nahezu ausgeschlossen. Im Gegenteil: Sollte Iran eines Tages tatsächlich eine Langstreckenrakete auf die USA abfeuern, könnte ein Abschuss eine nukleare Katastrophe in Europa auslösen. In einem solchen Fall würde man versuchen, die Rakete in der so genannten Boost-Phase abzufangen - noch während ihr Motor feuert und bevor das Geschoss antriebslos, also ballistisch durchs All fliegt.

Gefahr eine Atomexplosion in Europa

Aus Sicht der USA wäre das die beste Variante, weil die Rakete in diesem Szenario unschädlich gemacht wird, ehe sie auch nur in die Nähe Amerikas kommt. Der Nachteil: Bei einem Abschuss während der etwa dreiminütigen Boost-Phase würde die Abfangrakete nur den Antrieb der Rakete treffen. Im günstigeren Fall würde dann ein Trümmerregen auf Europa niedergehen. Im ungünstigeren Fall bliebe der Sprengkopf intakt und würde, je nach Höhe und Geschwindigkeit der Rakete, noch tausende Kilometer weiter fliegen. "Wenn er wie die Hiroshima-Bombe einen Höhenzünder hat, könnte er irgendwo über Europa detonieren", sagte Neuneck.

Das System könne große Teile Europas gar nicht vor iranischen Raketen schützen, weil diese schlicht zu nahe an Iran liegen. Die Vorwarnzeit zwischen dem Start einer Atomrakete und dem Einschlag wäre zu gering. "Die Türkei, Bulgarien, Griechenland und Ostrumänien wären ohne Schutz", sagte Neuneck. Zwar argumentiere die US-Regierung, man könne die Lücke mit Systemen zur Nahverteidigung wie "Patriot"-Raketen schützen. Die Erfolgsaussichten für ein erfolgreiches Abfangen seien aber äußerst gering.

Die Fachleute treten deshalb vehement dafür ein, den Raketenschild - insbesondere in Europa - schnellstens zu vergessen. "Ein Staat wie Iran oder Nordkorea würde ohnehin kaum versuchen, eine Atombombe mit einer Rakete in die USA zu bringen, sondern eher mit zivilen Transportmitteln, etwa an Bord eines Schiffes", sagt Forden. "Gegen so etwas hilft auch die beste Raketenabwehr nicht."

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung