Umstrittene Früherkennung "Ärzte schüren falsche Hoffnungen"

2. Teil: "Es ist eine Art medizinisches Voodoo-Ritual"


SPIEGEL ONLINE: Viele denken aber: Lieber riskiere ich mal einen Fehlalarm oder sogar eine unnötige Operation, wenn ich dadurch das Risiko verringere, an Brustkrebs zu sterben.

Mühlhauser: Das ist durchaus eine Einstellung, die zu akzeptieren ist, wenn die Frauen zuvor gut aufgeklärt wurden über den möglichen Nutzen und den möglichen Schaden. Allerdings sollte man wissen, dass man auch ohne Teilnahme an solchen Untersuchungen ziemlich sicher sein kann, keinen Brustkrebs zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Frauen heute aufgeklärt über die Vor- und Nachteile der Mammografie?

Mühlhauser: Nein, die Frauen sind nicht gut aufgeklärt, das zeigen Studien sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern. Die meisten Frauen haben völlig überzogene Erwartungen an den Nutzen dieser Früherkennungsuntersuchungen. Zum Beispiel glauben 70 Prozent, dass man durch Teilnahme an der Mammografie Brustkrebserkrankungen verhindern oder das Risiko daran zu erkranken, vermindern kann. Das ist ja ein völliger Irrglaube, denn verhindern kann man durch diese Untersuchung gar nichts, man kann eine Erkrankung allenfalls früher bemerken und dann früher mit der Therapie beginnen. Im Gegenteil, wer am Screening teilnimmt hat ein höheres Risiko eine solche Krebsdiagnose zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Männer machen auf Empfehlung ihres Arztes eine Prostatakrebs-Früherkennung, die sie aus eigener Tasche bezahlen müssen. Nutzt diese Untersuchung etwas?

Mühlhauser: Beim Prostatakrebs-Screening ist der Nutzen noch geringer als beim Brustkrebs-Screening. In einer vor kurzem veröffentlichten großen US-Studie starben zahlenmäßig sogar mehr Männer in der Screening-Gruppe als in der Gruppe, die nicht zur Vorsorge eingeladen wurde. Eine zweite große europäische Studie hat das Ergebnis gebracht, dass 1410 Männer über mehrere Jahre hinweg regelmäßig zum Screening gehen müssen, damit am Ende einer von ihnen weniger an Prostatakrebs stirbt. Dagegen gab es eine Verdoppelung der Krebsdiagnosen mit allen Folgen der eingreifenden Behandlungen. Vor allem für Männer über 70 Jahren ist die Bilanz sehr schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Raten Sie den Menschen überhaupt noch, zu Früherkennungsuntersuchungen zu gehen?

Mühlhauser: Ich plädiere dafür, dass die Menschen sich unabhängig gut informieren sollen über die Vor- und Nachteile des Screenings, um dann eine eigene Entscheidung zu treffen. Manche haben vielleicht ein großes Sicherheitsbedürfnis und denken: Vielleicht bin ich ja der eine von 1000, der davon einen Nutzen hat. Dafür nehme ich auch die möglichen Schäden in Kauf.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch erstaunt das Missverhältnis: Überall laufen Kampagnen für Vorsorge, Millionen Deutsche lassen sich untersuchen - und dabei ist der Nutzen doch eher gering, wenn er überhaupt belegt ist. Warum rennen so viele Menschen begeistert zur Vorsorge?

Mühlhauser: Die oft sehr teuren Kampagnen treffen auf eine Bevölkerung, die große Angst vor Krebserkrankungen hat. Dabei entsteht das Bedürfnis, etwas dagegen zu tun, vorzubeugen, dem Krebstod zu entkommen. Deshalb ist man dankbar, wenn man solche Heilsversprechungen wie die Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen kann. Man bekommt die Hoffnung, dem Krebstod zu entrinnen. Es ist eine Art medizinisches Voodoo-Ritual, um Ängste vor dem Tod zu bannen. Aber es sind falsche Hoffnungen, die da geschürt werden. Die Ärzte verhalten sich wie die Bank- oder Sparkassenberater, die uns auch überzogene Renditen versprochen haben ohne die Risiken klar zu benennen.

Interview: Markus Grill



insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
baldfrei 18.04.2009
1. Kommt drauf an
Zitat von sysopDie moderne Medizin macht immer mehr Vorsorge-Untersuchungen möglich. Doch ist der technische Fortschritt immer im Sinne der Patienten?
Ersten ab welchem Alter wird das bezahlt ? Zweitens in welchem Abstand sollte wiederholt werden ? Drittens was taugt der Mediziner ? Habe gerade von einem Fall gehört, Darmspiegelung vor 8 Jahren, da ohne Befund ??? Wiederholung nach 10 Jahren angesagt. Der Patient hatte vor 2 Jahren dann einen Darmverschluß, Ursache Krebs, und ist vor 1 Jahr daran gestorben.
Marita 18.04.2009
2. Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs
Diese Impfung (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,619759,00.html) ist die überflüssigste, die es je gegeben hat, und es ist mehr als durchschaubar, dass sie nur auf enormen Druck der Pharma-Industrie zustandegekommen ist und mit kostspieligen Werbemaßnahmen derart Furore machen konnte. Nicht nur ihr Nutzen ist umstritten, denn selbst wenn sie einen ohnehin nur sehr kleinen Prozentsatz von Frauen vor dem Krebstod rettet, so ist sie enorm gefährlich, weil sie alle anderen Frauen in einer trügerischen Sicherheit wiegt: Sie SCHÜTZT NICHT VOR HIV. Und Frauen, die sich vor HIV schützen (müssen), sind auch vor Papillomaviren geschützt. Das viele Geld, das diese teure Impfung kostet, sollte besser für andere Zwecke ausgegeben werden.
The Godfather 19.04.2009
3.
Zitat von baldfreiErsten ab welchem Alter wird das bezahlt ? Zweitens in welchem Abstand sollte wiederholt werden ? Drittens was taugt der Mediziner ? Habe gerade von einem Fall gehört, Darmspiegelung vor 8 Jahren, da ohne Befund ??? Wiederholung nach 10 Jahren angesagt. Der Patient hatte vor 2 Jahren dann einen Darmverschluß, Ursache Krebs, und ist vor 1 Jahr daran gestorben.
Ihr Logik ist schwer nachvollziehbar. Wenn eine vorsorgliche Darmspiegelung bei 50%** hilft, bei den anderen 50% aber nicht, dann lieber gar nicht untersuchen??? (**ersetzen Sie gern 50% durch andere Prozentzahlen)
GM64 19.04.2009
4. wenn die Vorsorgeuntersuchung keine Nebenwirkungen hat, ist sie sinnvoll
Vorsorgliche Darmspiegelung, Brustamputation ... ist natürlich dumm. Darmspiegelung kann man durch CT ersetzen. Denke das letztere ist angenehmer, aber wenn der Dok sich nur das erste Gerät gekauft hat, hat man ein Problem. Gesund ist ein CT aber auch nicht. Aber tägliche Gewichtskontrolle, regelmäßige Blutzucker, Cholesterinmessung, oder Messung von Fe, Ca, Mg ... ist schon sehr sinnvoll. Wenn einem das Fe fehlt, kann man ständig müde sein. Und wenn der Blutzuckerwert nicht mehr so ganz top ist, dann kann man durch Hungern ihn verbessern, wenn man den Blutspiegel nicht kennt, kann man Zuckerkrank werden. Also eine regelmäßige Blutuntersuchung auf alles Mögliche finde ich gut. Vor allem sollte man Dicken mehr Sport verordnen. Ein ständig schimpfender Arzt, der den Kranken die schlechten Cholesterin und Zuckerwerte vorhält ist ein Segen, aber vom Schimpfen kann der Arzt nicht leben, lieber verordnet er dem Kranken Tabletten. Daher mag der Arzt Vorsorgeuntersuchungen nicht. Ein Kranker bring mehr Geld.
otropogo 19.04.2009
5.
Zitat von sysopDie moderne Medizin macht immer mehr Vorsorge-Untersuchungen möglich. Doch ist der technische Fortschritt immer im Sinne der Patienten?
Hier in Kanada hoeren wir ueber technischen Fortschritt, muessen aber oefters ins Ausland reisen oder es selbts bezahlen (obwohl in vielen kanadischen Laendern wir schon heftig fuer die medizinische Fuersorge vorbezahlen muessen). Zum Beispiel, in British Columbia werden normalerweise PSA Messungen und Augenuntersuchungen nicht bezahlt. Hat man mit den Augen Beschwerden, soll man einen Optometrist auf eigenen Kosten besuchen. Dieser muesste einen dann wahrscheinlich weiter an einen Augenartzt schicken. Fuer Darmspiegelungen muss man mit seinem "Familienartzt" (der heutzutage hauptsaechlich der Torwachter der Medezin ist) kaempfen. Colonoscopy gibt es eigentlich kaum. Man muss meistens mit einer Sigmoidoscopy hoechstens alle sechs Jahre zufrieden sein, wenn ueberhaupt ein Chirurge dazu zu Verfuegung ist. Auf ein MRI oder neurologische Untersuchung, usw., kann man leicht sechs Monate oder laenger warten. Und waerend Leute auf den Wartelisten sterben, oder Blind werden, weil sie sich die Augenuntersuchung nicht leisten koennen, hat die Regierung fuer "freie" HPV Impfungen doch genuegend Geld. Mit Fortschritt hat das alles nichts zu tun. Die Medizin ist hier nun ein Handel geworden , mit dem der Verdienst Hauptsache ist, die Gesundheit der Bevoelkerung dagegen nur ein Problem der Optik, mit dem sich hauptsaechlich die Public Relations Leute beschaeftigen.
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