Umstrittene Früherkennung "Ärzte schüren falsche Hoffnungen"

Mediziner wollen mit aufwendigen Screenings Darm-, Brust- und Prostatakrebs früh erkennen und Todesfälle vermeiden. Doch nach Meinung von Experten ist der Nutzen gering. Im Interview erklärt die Forscherin Ingrid Mühlhauser, warum Vorsorge den Menschen einen Schutz vorgaukelt, den es nicht gibt.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Wochen haben zahlreiche Prominente wie Günther Netzer, Sandra Maischberger und Johannes B. Kerner für die Vorsorge-Darmspiegelung geworben. Haben Sie sich auch schon einen Termin für die Untersuchung besorgt?

Arzt beim Mammografie-Screening: "Überdiagnosen und Übertherapien"

Arzt beim Mammografie-Screening: "Überdiagnosen und Übertherapien"

Foto: DDP

Ingrid Mühlhauser: Nein, das hab ich auch gar nicht vor.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Mühlhauser: Weil ich die internationalen Studien über den Nutzen und Schaden bei der Darmspiegelung kenne und demnach ist die Bilanz eindeutig negativ. Das heißt, es gibt eine große Wahrscheinlichkeit, dass durch die Darmspiegelung mehr Menschen Schaden erleiden als letztlich durch diese Untersuchung einen Nutzen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll man denn durch eine Früherkennungsuntersuchung Schaden erleiden können?

Mühlhauser: Gelegentlich durchstößt der Arzt bei der Untersuchung unabsichtlich den Darm, es kann zu schweren Blutungen und im Extremfall auch zu Todesfällen kommen. Zudem sind die Vorbereitung für manche Menschen sehr belastend: Der Darm muss gut gereinigt werden, dazu muss man Abführmittel schlucken, was gerade Personen mit Herzkreislauf-Erkrankungen schwächen kann. Während der Untersuchung nimmt man dann üblicherweise schmerzstillende oder beruhigende Medikamente und wenn man anschließend auf die Straße geht, kann es auch in der Nachfolge noch zu Herzkreislauf-Komplikationen kommen oder zu Stürzen. Diese nachfolgenden Komplikationen sind nicht ausreichend dokumentiert. Wir wissen also über den Schaden nicht mal genau Bescheid, den die Darmspiegelungen verursachen, aber die Hinweise deuten darauf hin, dass er erheblich ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Anhänger der Darmspiegelung sagen dagegen: Darmkrebs früh erkannt ist zu hundert Prozent heilbar.

Mühlhauser: Das trifft sicherlich für einzelne Menschen zu, weil man bei der Darmspiegelung Polypen entdeckt, die dann zu Krebs werden können. Allerdings weiß man nicht, welcher Polyp tatsächlich gefährlich wird, man entfernt bei der Untersuchung also auch viele, die völlig harmlos sind. Gleichzeitig werden bei der Darmspiegelung aber gar nicht alle Krebsvorstufen erkannt. Selbst Leute, die bei der Darmspiegelung waren, können an Krebs erkranken.

SPIEGEL ONLINE: Man wiegt sich nach einer Vorsorgeuntersuchung also in falscher Sicherheit?

Mühlhauser: Gefährlich wird es, wenn man klinische Zeichen hinterher nicht so ernst nimmt, weil man denkt, ich hab doch eine Darmspiegelung gemacht, jetzt kann ich diesen Krebs also gar nicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie dann die Werbekampagne der Felix-Burda-Stiftung mit den ganzen Prominenten, die nun zur Darmkrebs-Vorsorge aufgerufen haben?

Mühlhauser: Diese Art von Kampagnen ist einer aufgeklärten Gesellschaft unwürdig. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Promis nicht über den Nutzen und auch nicht über den Schaden der Untersuchung Bescheid wissen. Die wissen nicht, was hinter dieser ganzen Vorsorge-Propaganda steht und lassen sich einfach missbrauchen. Wenn diese Leute besser informiert wären über die wissenschaftliche Basis und die Informationen wirklich verstehen könnten, würden sie sich wohl nicht für solche Kampagnen hergeben.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als zwei Millionen Frauen in Deutschland haben mittlerweile auch am Mammografie-Screening teilgenommen. Wie groß ist der Nutzen dieser Untersuchung, bei der alle zwei Jahre die Brüste geröntgt werden?

Mühlhauser: Einzelne Frauen profitieren tatsächlich davon, aber es sind sehr viel weniger als gemeinhin angenommen. Wenn 1000 Frauen regelmäßig über zehn Jahre zur Mammografie gehen, sterben drei von ihnen an Brustkrebs. In der Gruppe der Frauen, die nicht zur Mammografie gehen, sind es vier. Den Nutzen hat also eine von 1000 Frauen. Sehr viel mehr Frauen erleiden aber einen Schaden durch das Screening: Sie bekommen einen verdächtigen Befund, was dann weitere Eingriffe zur Folge hat. In den allermeisten Fällen stellen sich die Befunde nach weiteren Untersuchungen als harmlos heraus. Dennoch werden manche Frauen sogar operiert. Der größte Schaden besteht für jene Frauen, die eine Brustkrebsdiagnose und Brustkrebsbehandlungen erhalten, die sie zu Lebzeiten sonst nie bekommen hätten. Man spricht von Überdiagnosen und Übertherapien. Dazu kommt, dass auch bei der Mammografie regelmäßig Tumore übersehen werden. Wenn sich die Frauen nach einer Mammografie also in falscher Sicherheit wiegen und bei Auffälligkeiten nicht zum Arzt gehen, ist der Schaden, den das Screening verursacht, leicht größer als der Nutzen.

"Es ist eine Art medizinisches Voodoo-Ritual"

SPIEGEL ONLINE: Viele denken aber: Lieber riskiere ich mal einen Fehlalarm oder sogar eine unnötige Operation, wenn ich dadurch das Risiko verringere, an Brustkrebs zu sterben.

Mühlhauser: Das ist durchaus eine Einstellung, die zu akzeptieren ist, wenn die Frauen zuvor gut aufgeklärt wurden über den möglichen Nutzen und den möglichen Schaden. Allerdings sollte man wissen, dass man auch ohne Teilnahme an solchen Untersuchungen ziemlich sicher sein kann, keinen Brustkrebs zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Frauen heute aufgeklärt über die Vor- und Nachteile der Mammografie?

Mühlhauser: Nein, die Frauen sind nicht gut aufgeklärt, das zeigen Studien sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern. Die meisten Frauen haben völlig überzogene Erwartungen an den Nutzen dieser Früherkennungsuntersuchungen. Zum Beispiel glauben 70 Prozent, dass man durch Teilnahme an der Mammografie Brustkrebserkrankungen verhindern oder das Risiko daran zu erkranken, vermindern kann. Das ist ja ein völliger Irrglaube, denn verhindern kann man durch diese Untersuchung gar nichts, man kann eine Erkrankung allenfalls früher bemerken und dann früher mit der Therapie beginnen. Im Gegenteil, wer am Screening teilnimmt hat ein höheres Risiko eine solche Krebsdiagnose zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Männer machen auf Empfehlung ihres Arztes eine Prostatakrebs-Früherkennung, die sie aus eigener Tasche bezahlen müssen. Nutzt diese Untersuchung etwas?

Mühlhauser: Beim Prostatakrebs-Screening ist der Nutzen noch geringer als beim Brustkrebs-Screening. In einer vor kurzem veröffentlichten großen US-Studie starben zahlenmäßig sogar mehr Männer in der Screening-Gruppe als in der Gruppe, die nicht zur Vorsorge eingeladen wurde. Eine zweite große europäische Studie hat das Ergebnis gebracht, dass 1410 Männer über mehrere Jahre hinweg regelmäßig zum Screening gehen müssen, damit am Ende einer von ihnen weniger an Prostatakrebs stirbt. Dagegen gab es eine Verdoppelung der Krebsdiagnosen mit allen Folgen der eingreifenden Behandlungen. Vor allem für Männer über 70 Jahren ist die Bilanz sehr schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Raten Sie den Menschen überhaupt noch, zu Früherkennungsuntersuchungen zu gehen?

Mühlhauser: Ich plädiere dafür, dass die Menschen sich unabhängig gut informieren sollen über die Vor- und Nachteile des Screenings , um dann eine eigene Entscheidung zu treffen. Manche haben vielleicht ein großes Sicherheitsbedürfnis und denken: Vielleicht bin ich ja der eine von 1000, der davon einen Nutzen hat. Dafür nehme ich auch die möglichen Schäden in Kauf.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch erstaunt das Missverhältnis: Überall laufen Kampagnen für Vorsorge, Millionen Deutsche lassen sich untersuchen - und dabei ist der Nutzen doch eher gering, wenn er überhaupt belegt ist. Warum rennen so viele Menschen begeistert zur Vorsorge?

Mühlhauser: Die oft sehr teuren Kampagnen treffen auf eine Bevölkerung, die große Angst vor Krebserkrankungen hat. Dabei entsteht das Bedürfnis, etwas dagegen zu tun, vorzubeugen, dem Krebstod zu entkommen. Deshalb ist man dankbar, wenn man solche Heilsversprechungen wie die Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen kann. Man bekommt die Hoffnung, dem Krebstod zu entrinnen. Es ist eine Art medizinisches Voodoo-Ritual, um Ängste vor dem Tod zu bannen. Aber es sind falsche Hoffnungen, die da geschürt werden. Die Ärzte verhalten sich wie die Bank- oder Sparkassenberater, die uns auch überzogene Renditen versprochen haben ohne die Risiken klar zu benennen.

Interview: Markus Grill
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